Lagos (Portugal) - Die Hinrunde endete für Hertha BSC und vor allem für Toni Leistner (35) mit Rot-Frust. Nachvollziehen kann er den fragwürdigen Platzverweis noch immer nicht. TAG24 hat mit dem Abwehrboss am Rande des Trainingslagers exklusiv gesprochen.
TAG24: Du bist jetzt seit 15 Jahren Profi, warst schon in Dutzenden Trainingslagern. So eine Anfahrt hast du wahrscheinlich aber auch noch nicht erlebt, oder?
Toni Leistner: Ich habe schon viel erlebt, bin auch schon mal mit dem Bus von Belgien nach Österreich gefahren, aber das war für mich auch neu. Wir mussten viel Geduld haben, viel warten, aber ich glaube, dass wir das als Team trotzdem gut weggesteckt haben. Wir können froh sein, dass wir die Möglichkeit hatten, doch noch zu fliegen, weil wir hier richtig gute Bedingungen haben.
TAG24: Schweißt sowas auch zusammen?
Leistner: Ja, es sind Kleinigkeiten, aber vor allem in dieser Situation hat man gemerkt, dass wir ein gutes Team sind. Keiner hat rumgemeckert oder schlechte Stimmung verbreitet.
TAG24: Apropos Stimmung. Die Hinrunde endete nach einem Stimmungshoch mit einem kleinen Dämpfer. Wenn man euch so in Portugal beobachtet, dann ist die Stimmung derzeit ziemlich gut. Wie nimmst du die Stimmungslage gerade wahr?
Leistner: Gut. Wir arbeiten konzentriert. In den Trainingseinheiten geht es gut zur Sache. Die Reibereien gehören auf dem Platz dazu, weil jeder unbedingt gewinnen will. Da stichelt man auch mal, gerade wenn einer verliert. So wie Paul Seguin, der das Turnier mit seinem Team gewonnen und sich ausgelassen gefreut hat.
Toni Leistner wird auch mit 35 immer besser
TAG24: Zum Jahresende gab es jedoch noch einen kleinen Stimmungsdämpfer mit nur zwei Punkten aus drei Spielen.
Leistner: Das sind Dinge, die man im Nachhinein nicht mehr beeinflussen kann. Wir arbeiten auf das hin, was wir beeinflussen können - und das ist das nächste Spiel. Da liegt der volle Fokus drauf. Auch wenn wir uns in Portugal nicht nur auf Schalke vorbereiten. Wir bereiten uns auf die gesamte Rückrunde vor und die wollen wir positiv bestreiten.
TAG24: Im August bist du 35 Jahre geworden, bist aber trotzdem absolut gesetzt. Ist das der beste Toni Leistner, den wir je gesehen haben?
Leistner: Das müssen andere beurteilen. Wenn man sich die Kickerrangliste anschaut, dann sieht es nicht so aus. Ich gebe mein Bestes, haue immer alles voll rein. Das sieht man auch in meinem Gesicht. Ob das jetzt mein bestes Ich ist, weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass ich mich für einen 35-Jährigen körperlich sehr gut fühle. Ich habe nie ein Wehwehchen. Es kommt darauf an, zum richtigen Zeitpunkt fit zu sein. Damit kann ich auf jeden Fall dienen.
TAG24: Hast du irgendwas in deinem Spiel oder im Training verändert oder warum wirst du immer besser?
Leistner: Meine Supplements sind mehr geworden (lacht). Da achtet man natürlich immer mehr drauf. Ich nehme auch immer hochwertigere Produkte. Vielleicht ist es das, was mich fit hält. Ansonsten ziehe ich mein Training normal durch. Damit bin ich auch die letzten Jahre sehr gut gefahren. Das werde ich so beibehalten.
Leistner schiebt weiter Rot-Frust: "Außenstehende wissen gar nicht, was das für Konsequenzen hat"
TAG24: Gefühlt gehen über 90 Prozent der Kopfballduelle an dich. Was macht ein gutes Kopfballspiel aus?
Leistner: Manchmal ist es gar nicht so die Sprungkraft. Ich habe auch schon Mitspieler gehabt, die kleiner waren, die aber das perfekte Timing hatten. Ich glaube einfach, dass ich den Ball gut antizipieren kann, weiß, wo die gefährliche Zone ist. Wenn die Flanken rein segeln, stehe ich dann meistens am richtigen Platz. Dazu habe ich einen gewissen Körper, um vielleicht mal jemanden zur Seite zu schieben oder mich nicht zur Seite schieben zu lassen.
TAG24: Einstecken kannst du auch. Ist das nur Zufall oder ziehst du die Bälle magisch an? Du musstest ja schon mehrmals getackert werden.
Leistner: Das ist eine gute Frage. Vielleicht wird die Haut im Alter ein bisschen empfindlicher. Mir macht das aber auch nichts aus. Da war die gebrochene Nase damals schlimmer. Aber es ist schon auffällig, dass das alles bei Hertha passiert (lacht). Hier habe ich schon einiges mitgenommen.
TAG24: Zum Rückrundenauftakt muss Hertha aber ohne dich auskommen. Du wolltest es erst gar nicht richtig wahrhaben. Ist der Ärger mittlerweile verflogen?
Leistner: Nein, der ist immer noch da. Außenstehende wissen gar nicht, was das für Konsequenzen hat. Man arbeitet zwar darauf hin, dass man für die Rückrunde fit ist, aber man kann den Kampf für die erste Elf nicht aufnehmen. Deswegen ist es sehr ärgerlich.
Ich kann es immer noch nicht ganz verstehen, weil es in meinen Augen ein normaler Zweikampf ist. Das wurde mir von vielen anderen Profis bestätigt. Viele haben sich bei mir über die Härte der Entscheidung lustig gemacht. Ich glaube, die Sperre für lediglich ein Spiel zeigt auch, dass es da eine kleine Fehlentscheidung gab.
Hertha BSC muss bei Rückrundenauftakt auf Leistner verzichten
TAG24: Stefan Leitl hat danach in der PK deutliche Worte gefunden. Hat der Schiri dir nochmal erklärt, warum es Rot gab?
Leistner: Für ihn war es ein Foul und ich war der letzte Mann. Da der Linienrichter aber auch keine Fahne gehoben hat, war es für ihn anscheinend auch kein Foul. Es war eine alleinige Entscheidung des Schiedsrichters. Dadurch, dass ich der letzte Mann war, war es wahrscheinlich auch keine Fehlentscheidung, sodass der Videoassistent eingreifen konnte. Das muss ich nun so hinnehmen, aber es ärgert mich trotzdem noch.
TAG24: Gegen Schalke bist du damit zum Zuschauen verdammt. Im Hinspiel wurdet ihr quasi aufgefressen: Warum läuft es diesmal anders?
Leistner: Wir haben das Spiel damals ein bisschen unterschätzt. Die ersten Aktionen gingen an Schalke und dann kocht so ein Stadion natürlich hoch. Das pusht das Heimteam und dann gerät man auf Schalke in einen kleinen Strudel, aus dem wir nicht mehr so wirklich rausgekommen sind, sodass wir dort im Endeffekt verdient verloren haben. Das wollen wir im Rückspiel besser machen. Ich glaube schon, dass wir jetzt viel gefestigter sind und ein Konstrukt gefunden haben, das Schalke auf jeden Fall schlagen kann.
Im zweiten Teil des TAG24-Interviews spricht der Vizekapitän unter anderem über Herthas Aufstiegschancen, die 2. Liga und sein mögliches baldiges Karriereende. Dieser erscheint am Montag.