HSV: Doping-Experte Sörgel fordert Freispruch für Mario Vuskovic

Frankfurt/Main - Ein gerechtes Urteil im komplexen Fall Mario Vuskovic (21) zu fällen, wird schwer, eine erneute Vertagung ist nicht ausgeschlossen. Vor dem dritten Verhandlungstag sieht Doping-Experte Fritz Sörgel (73) keine gesicherte Grundlage für eine Verurteilung des HSV-Profis durch das Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes.

Doping-Experte Fritz Sörgel (73) sieht keinen Grund einer Verurteilung von HSV-Profi Mario Vuskovic (21).
Doping-Experte Fritz Sörgel (73) sieht keinen Grund einer Verurteilung von HSV-Profi Mario Vuskovic (21).  © Daniel Karmann/dpa

"In dieser Gemengelage kann kein Urteil gefällt werden", sagte er vor der Fortsetzung der Verhandlung am Freitag (13 Uhr) in Frankfurt. Der Verteidiger des Zweitligisten Hamburger SV steht unter dem Verdacht des Blutdopings mit körperfremden Erythropoetin (Epo). Seit September 2022 ist er suspendiert, ihm droht eine Sperre von bis zu vier Jahren.

"Der Sportler tut mir leid. Ich sehe keinen Anlass, ihn zu sperren, da es keine Möglichkeit einer klaren Einschätzung seiner Doping-Probe gibt", meinte der Nürnberger Pharmakologe.

Die fehlende Unabhängigkeit der Gutachter und die Analysemethode von Epo-Proben mit dem sogenannten SAR-PAGE-Verfahren sowie deren Einstufung per Augenschein als negativ und positiv sind für ihn die kritikwürdigen Schwachstellen.

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Vier vom Hamburger SV engagierte Experten hatten den positiven Befund des von der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) akkreditierten Analyselabors in Kreischa einhellig als "falsch-positiv" angezweifelt. "Die eine Krähe kratzt der anderen kein Auge aus", lautet Sörgels Kommentar dazu.

Ist ein unabhängiges Urteil im Doping-Fall Mario Vuskovic überhaupt möglich?

In einer Dopingprobe des 21-jährigen HSV-Profis wurde im vergangenen Jahr EPO nachgewiesen.
In einer Dopingprobe des 21-jährigen HSV-Profis wurde im vergangenen Jahr EPO nachgewiesen.  © Frank Rumpenhorst/dpa

Laborleiter Sven Voss versicherte hingegen, die Probe von Vuskovic sehe genauso aus, "wie eine positive Probe aussehen" müsse. Keiner von den Gegen-Gutachtern sei ein Spezialist in der Epo-Dopinganalytik.

"Ich kann Tausende Papiere über Krebsforschung lesen. Das macht mich aber nicht zu einem Spezialisten für so eine Auswertung", erklärte Voss im Interview des NDR. "Ich kann mich aber auch nicht einfach hinstellen und sagen, das haben wir immer so gemacht", konterte Sörgel.

Angesichts dieses Patts im Streit der Experten bestellte der Sportgerichtsvorsitzende Stephan Oberholz als unabhängigen Gutachter Jean-Francois Naud. Unabhängig?

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Der Kanadier sitzt mit Voss in der Wada-Arbeitsgruppe für Epo. Einen Befangenheitsantrag der Vuskovic-Anwälte lehnte das Sportgericht ab. "Man darf nicht die Frösche fragen, wenn man den Sumpf trocken legen will", kritisierte Sörgel.

Den Auftrag, nach der üblichen A- und B-Probe aus einer Urinmenge von 43 Milliliter noch eine C-Probe zu analysieren, verweigerte Naud, da dies den Wada-Regeln widerspricht. Für Richter Oberholz hätte ein drittes Analyse-Resultat einen Urteilsspruch erleichtert.

Der Epo-Experte Naud "hat ein Gutachten erstellt, das die Bewertung der Epo-Probe als positiv durch das Doping-Labor in Kreischa bestätigt", teilte der DFB am Mittwoch auf dpa-Anfrage mit. Naud werde bei Bedarf auch für eine Video-Schalte zur Verfügung stehen.

HSV: Vuskovic-Verteidiger reichen vier weitere Bewertungen wissenschaftlicher Fachberater ein

Mit solch einem Testkit wurde die Dopingprobe beim 21-Jährigen entnommen.
Mit solch einem Testkit wurde die Dopingprobe beim 21-Jährigen entnommen.  © Frank Rumpenhorst/dpa

Dass die seit über 20 Jahren angewendete, immer wieder als wenig zuverlässig infrage gestellte Epo-Analyse nicht längst durch eine massenspektrometrische Methode ersetzt wurde, ist für Sörgel ein Rätsel.

Denn: Fast alle anderen Doping-Substanzen werden mit diesem Verfahren aufgespürt. "Es gibt komplexere Moleküle als das Erythropoetin, die mit der Massenspektrometrie festgestellt werden können", meinte er. "Das Auge ist nicht objektiv." Ein Epo-Ergebnis wird anhand eines Bildes per Augenschein interpretiert.

Richter Oberholz steht am dritten Verhandlungstag vor einem Dilemma. Weitere unabhängige Experten-Informationen hat das Gericht nicht erhalten. Dafür haben die Vuskovic-Juristen einen neuen, umfangreichen Verteidigungsschriftsatz eingereicht, wie der DFB mitteilte. Als Anlage sind zudem vier neue, ergänzende Bewertungen wissenschaftlicher Fachberater eingereicht worden.

Was wahr ist oder nicht, weiß womöglich nur Mario Vuskovic. "Es gibt kaum Sportler, die Doping zugegeben haben", sagte Sörgel. "Sportler, die mit Epo erwischt wurden, haben sich aber selten so vehement verteidigt wie Vuskovic mithilfe des HSV." Mit einem Urteilsspruch muss der Fall nicht zu Ende gehen.

Bei einer Verurteilung kann der 21 Jahre alte Spieler vor das DFB-Bundesgericht ziehen. Im Falle eines Freispruchs könnte die Nationale Anti-Doping-Agentur den Internationalen Sportgerichtshof (Cas) anrufen.

Erstmeldung: 16.01 Uhr. Aktualisierung: 18.53 Uhr.

Titelfoto: Frank Rumpenhorst/dpa

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