Frauen helfen ukrainischen Flüchtlingen: Dahinter steckt eine rührende Geschichte

Stuttgart - Viele Ukrainer mussten durch den Krieg ihr Land verlassen. Familien wurden getrennt und Kinder traumatisiert. Eine spontan gegründete Hilfsorganisation in Stuttgart will den Neuankömmlingen helfen.

Vita Kochurova, Anasia Schulz, Julia Melnyk, Maria Azzarone und Vlad Trutniev (v.l.n.r.) neben einem selbst entworfenen Plakat am Stuttgarter Hauptbahnhof.
Vita Kochurova, Anasia Schulz, Julia Melnyk, Maria Azzarone und Vlad Trutniev (v.l.n.r.) neben einem selbst entworfenen Plakat am Stuttgarter Hauptbahnhof.  © Foto: Julia Ochs

Viele Geflüchtete, hauptsächlich Frauen und Kinder, finden in diesen schweren Tagen ein offenes Ohr, werden am Stuttgarter Hauptbahnhof mit dem Nötigsten wie Essen und Trinken versorgt, und von Helfern mit ukrainischer oder russischer Sprache empfangen. Viele Ukrainer verstehen nämlich auch russisch.

"Aus was Kleinem wurde plötzlich etwas ganz Großes", erklärt Maria Azzarone (34), wie es zu dem Projekt kam. Eigentlich wollten sie und ihre beiden Freundinnen nur eine kleinere Hilfsaktion starten.

Dass sie eine der zentralsten Anlaufstellen in Stuttgart werden und sogar Bahn und Polizei mit ihnen zusammenarbeiten, haben sie sicher nicht zu träumen gewagt, als sie zum ersten Mal beschlossen zu helfen.

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In diesen Tagen steht das Telefon von Maria kaum still. Auch für die wenigen Minuten Verspätung zu unserem Interview entschuldigt sie sich: "Ich hatte gerade noch die Polizei dran, weil eine Flüchtlingsdame ihren Pass und alle Ausweisdokumente in einem Zug vergessen hat."

Natürlich versucht sie zu vermitteln, damit die Frau ihre Papiere zurückbekommt.

Plakate am Bahnhof in ukrainischer Sprache

Maria Azzarone (34) eigentlich Vertriebstrainerin, engagiert sich für ukrainische Flüchtlinge.
Maria Azzarone (34) eigentlich Vertriebstrainerin, engagiert sich für ukrainische Flüchtlinge.  © privat

Wie ist die Organisation entstanden? Einen Tag vor dem russischen Angriffskrieg telefoniert Maria Azzarone mit ihrer Freundin Julia Melnyk (25) aus der Ukraine, die seit drei Jahren als Krankenschwester im Stuttgarter Marienhospital arbeitet und die Lage als sehr ernst bezeichnet.

Einen Tag später werden Julias schlimmste Befürchtungen wahr. Ihre ganze Familie lebt in der Hafenstadt Cherson, die bereits am ersten Kriegstag vom russischem Militär eingenommen wird. Die Familie versteckt sich im Keller und halten Julia mit Nachrichten auf dem Laufenden. Doch an diesem Morgen erreicht Julia sie nicht. "Das können wir uns gar nicht vorstellen. Das ist so grausam."

Maria ist betroffen vom Schicksal ihrer Freundin: "Stell dir vor, Deine Familie ist im Keller und Du erreichst sie nicht." Sie trifft einen Entschluss: "Egal was, ich helfe Dir."

Die beiden und eine weitere Freundin, Vita Kochurova (25), die auch Familie in der Ukraine in Nova Kachowka hat, beschließen, etwas in Deutschland zu tun und den Geflüchteten zu helfen.

"So ist Wolja entstanden", vor rund zwei Wochen. "Wolja" heißt übersetzt Freiheit. Helfen, klar, aber wie? Was brauchen die Menschen? Die Mädels entschieden sich, ein Hilfsangebot für alle Flüchtlinge, die am Bahnhof ankommen, zu planen: Essen, Trinken, Weiterfahrt oder Unterkunftssuche.

Flüchtlinge werden herzlich am Bahnhof empfangen

Das Team wartet am Stuttgarter Hauptbahnhof auf Flüchtlinge. Bei ihnen finden sie Unterstützung und ein offenes Ohr.
Das Team wartet am Stuttgarter Hauptbahnhof auf Flüchtlinge. Bei ihnen finden sie Unterstützung und ein offenes Ohr.  © Wolja

Die Plakate hat Maria Azzarone kurzerhand entworfen und sich mit der Deutschen Bahn abgestimmt, dass sie diese im Bahnhof an jedem Gleis aufhängen dürfen. Sie kennt das von ihrem Job als Vertriebstrainerin und kann mit ihrer sympathischen Art überzeugen.

Die Flüchtlinge können mit ihrem Smartphone den Code scannen und werden auf eine Homepage weitergeleitet, über die sie per Instagram, Telegram oder Facebook mit Wolja Kontakt aufnehmen können. Nach der ersten Kontaktaufnahme geben sie auch ihre Handynummern weiter.

Inzwischen steht an jedem Gleis ein Helfer aus dem 60-köpfigen Team von Wolja in Früh- und Spätschicht und empfängt Flüchtlinge. Manche haben Fahnen, andere tragen die ukrainischen Landesfarben. Manchmal gibt es selbstgemachte Gulaschsuppe, immer belegte Brötchen, Getränke, Süßigkeiten und Spielsachen für die Kinder.

"Die Menschen möchten helfen", erklärt Maria den großen Zulauf zu ihrer Organisation. Täglich kommen bis zu 150 Anfragen.

Am Tag unterstützen sie durchschnittlich ungefähr 60 Flüchtlinge.

Viele mussten ihre Männer und Söhne zurücklassen

Tee, Essen und Spielsachen für die Kinder stehen für die Flüchtlinge am Gleis am Stuttgarter Hauptbahnhof bereit.
Tee, Essen und Spielsachen für die Kinder stehen für die Flüchtlinge am Gleis am Stuttgarter Hauptbahnhof bereit.  © Wolja

Viele Flüchtlinge traf ein hartes Schicksal, sie haben ihre Männer und Söhne im Kriegsgebiet zurücklassen müssen und befinden sich in einer "Schockstarre", beschreibt Maria den Zustand vieler Flüchtlinge. Manche brechen in Tränen aus, andere wirken gefasst. "Wir sind keine Sozialarbeiter oder Psychologen, aber wir wollen, dass sie jemanden haben, bei dem sie ihr Leid aussprechen können."

Die Helfer organisieren die Weiterfahrt, kümmern sich beispielsweise um Tickets oder bringen die Familien in die Landeserstaufnahmeeinrichtungen (LEA), wenn sie bleiben möchten. "Die Menschen kommen aus dem Krieg und mussten fliehen. Ich wäre auch froh, wenn da jemand da ist", sagt Maria.

Nach einer mutmaßlichen sexuellen Belästigung vermittelt Wolja keine Unterkünfte mehr an Privatpersonen. Doch sie hilft den Flüchtlingen in die LEA zu kommen - mit der Bahn oder auch im privaten Wagen. Wenn genug Spendengelder da sind, wollen sie einen kleinen Bus mieten.

Eine Hochschwangere bat vor Kurzem um Hilfe, sie wollte sich ärztlich untersuchen lassen. "Hier kommen so viele verschiedene Themen auf uns zu, bei denen wir dringend Unterstützung brauchen." Daher sucht die Organisation ukrainisch sprechende Ärzte, Anwälte und Übersetzer. Wer Interesse hat, kann sich gerne per Mail unter mail@wolja-stuttgart.com melden. Natürlich ist die Organisation auch auf Geldspenden angewiesen.

"Wir sind sehr dankbar, dass die Hilfe angenommen wird und es macht uns stolz." Inzwischen erhält der Verein bundesweite Anfragen. Für die Zukunft würde sich Maria wünschen, dass ihre Plakate in jedem großen Bahnhof hängen und sich Freiwillige um die Flüchtlinge kümmern. "Wir haben die Strukturen schon geschaffen."

Titelfoto: Foto: Julia Ochs

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