Von David Nau
Stuttgart - Wenn im Landtag von Baden-Württemberg eine Frau spricht, hören männliche Kollegen etwas weniger aufmerksam zu, als wenn ein Mann spricht.
Das ist das Ergebnis einer Studie von Wissenschaftlern der Universität Mannheim, die dafür die Videos von mehr als 1000 Reden im Stuttgarter Landesparlament analysiert und ausgewertet haben.
"Frauen erhielten während ihrer Beiträge systematisch etwas weniger Aufmerksamkeit aus dem Plenum", sagte Politikwissenschaftler Oliver Rittmann von der Universität Mannheim, einer der Autoren der Studie, die auch gemeinsam mit Kollegen des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) durchgeführt wurde.
Männliche Abgeordnete zeigten der Studie zufolge im Schnitt fast sechs Prozentpunkte weniger Aufmerksamkeit, wenn eine Frau sprach im Vergleich zu einer Rede eines männlichen Kollegen. Bei einer Redelänge von fünf Minuten entspreche das rund 18 Sekunden, so die Forscher.
"Man mag sagen: Das ist doch nicht viel. Auffällig ist aber, dass das Aufmerksamkeitsdefizit zulasten der Frauen allein auf die Männer im Plenum zurückzuführen ist. Frauen gelingt es hingegen, Männern und Frauen gleichermaßen Gehör zu schenken", sagte Rittmann.
Für die Studie werteten die Wissenschaftler 1003 Reden in 142 Debatten im Stuttgarter Landtag zwischen Juli 2018 und Juli 2019 aus. Mithilfe einer Analysesoftware prüften die Wissenschaftler, ob Abgeordnete während einer Rede zum Rednerpult schauten - und damit aus Sicht der Forscher aufmerksam waren - oder ob sie etwa mit ihren Nachbarn sprachen oder auf ihr Handy schauten.
Andere Faktoren spielen laut Forschern keine Rolle
Der Unterschied bleibe auch nach Berücksichtigung weiterer Faktoren wie etwa der Tageszeit oder der Länge der Reden bestehen, so Rittmann. "Diese spielen zwar für die allgemeine Publikumsaufmerksamkeit eine Rolle, können aber nicht erklären, weshalb Frauen im Schnitt weniger Aufmerksamkeit zuteilwird", so der Forscher.
Es sei nicht nur eine Frage des Anstandes, dass Abgeordnete Rednerinnen und Rednern im Parlament aufmerksam zuhörten, sondern auch eine Frage der demokratischen Kultur, sagte Landtagspräsidentin Muhterem Aras (60, Grüne). "Frauen verdienen dabei selbstverständlich denselben Respekt wie Männer."
Aras hat nach eigenem Bekunden bislang nicht den Eindruck eines Gefälles gehabt, sagt aber auch: "Ich stimme den Autoren voll und ganz zu, dass idealerweise überhaupt kein Unterschied auszumachen sein sollte."
Warum Männer weniger Aufmerksamkeit zeigten, wenn Frauen sprachen, können die Studienautoren nicht beantworten. Landtagspräsidentin Aras hat aber eine eigene Theorie. "Womöglich spielt in puncto Aufmerksamkeit ebenfalls eine Rolle, dass Frauen nicht gleichermaßen polternd oder provokant auftreten wie einzelne Männer", sagte die Grünen-Politikerin.