"Hatte Angst davor, es öffentlich zu machen": Schauspielerinnen kämpfen mit Impfschäden
Berlin/Dresden - Masken, Testzentren, Lockdown und Kontaktbeschränkungen - alles Begriffe, die längst der Vergangenheit angehören. Die Corona-Pandemie hat tiefe Spuren hinterlassen. Viele Menschen kämpfen bis heute mit den Folgen, so auch die Schauspielerinnen Christine Prayon (51) und Felicia Binger (32). Im TAG24-Interview verraten sie, wie ihr Leben als Impfgeschädigte aussieht und warum Humor ihnen bei der Verarbeitung ihrer Erfahrungen hilft.
Beide ließen sich in der Hochphase der Pandemie im Jahr 2021 gegen das Coronavirus impfen. Seitdem hat sich ihr Leben grundlegend verändert, denn Binger und Prayon leiden nach eigenen Angaben unter dem Post-Vac-Syndrom. Damit gemeint sind anhaltende Beschwerden, die im zeitlichen Zusammenhang mit einer Impfung auftreten.
Während die 32-Jährige noch heute unter diversen Symptomen wie starker Erschöpfung, Schwindel, allergischen Hautreaktionen und Nervenschmerzen leidet, hat sich die Erkrankung bei der in Bonn geborenen Kabarettistin inzwischen etwas beruhigt. "Bei mir ist es zum Glück nicht mehr tagtäglich präsent, trotzdem tauchen immer noch alle paar Wochen heftige Symptome auf - Schwächeanfälle, Herzprobleme, nächtliche Atemaussetzer", so Prayon im Interview.
Belastend für die beiden sind nicht nur die Impfnebenwirkungen selbst, sondern vor allem der gesellschaftliche und politische Umgang mit ihnen.
Aus der Not heraus und weil es damals kaum Informationen gab, machte Felicia Binger im September 2021 ihren Impfschaden auf Instagram öffentlich: "Ich wusste, dass es ein schwieriges Thema ist, und ich hatte Angst davor, es öffentlich zu machen. Ich hatte auch Angst davor, öffentlich zu sagen, wie schlecht es mir wirklich geht."
Schauspielerin Felicia Binger als "Lügnerin" hingestellt
Was dann passierte, zeigt, wie groß das gesellschaftliche Bedürfnis war, über das sensible Thema zu sprechen. Die zahlreichen Reaktionen, die anschließend auf Binger eingeprasselt waren, seien ziemlich ambivalent gewesen.
Zwar habe es auf der einen Seite Zuspruch gegeben, vor allem von Betroffenen. Andererseits hätten Menschen die gebürtige Frankfurterin massiv angefeindet, ihr Lügenvorwürfe gemacht oder ihr gesagt, selbst schuld an ihrer Situation zu sein: "Es war meine persönliche Hölle. Die Leute sind ausgerastet und haben mich angegriffen."
Konsequenzen sind für Binger bis heute auch im beruflichen Bereich spürbar. Vorher sei ihr Leben vollbepackt mit Drehtagen gewesen. Seit ihrer Erkrankung kämen nur noch selten Casting-Anfragen.
Weil ein Impfschaden in der Schauspielbranche aufgrund der gesellschaftlichen Stigmatisierung schwer zu vermitteln sei, hätten sich berufliche Kontakte zunehmend distanziert.
Zudem sei chronisch krank sein in der Filmindustrie "per se schwierig", erklärt Binger weiter. Bis auf wenige Ausnahmen kann sie kaum noch arbeiten und bezieht derzeit Bürgergeld vom Jobcenter.
Auch Christine Prayon musste aufgrund ihres Gesundheitszustands beruflich kürzertreten und ihre monatlichen Auftritte um die Hälfte reduzieren. Im Gegensatz zu ihrer Bühnenpartnerin habe sie viel Zuspruch für das Publikmachen ihrer Impfnebenwirkungen erhalten.
In ihrem privaten Umfeld hätten Menschen allerdings mit Unsicherheit und Ratlosigkeit reagiert: "Das ist bis heute so, dass das die Leute sprachlos macht."
Viele Anträge auf Entschädigung von Impfschäden abgelehnt
Der Bundestag hat im Herbst 2025 die Enquete-Kommission zur Aufarbeitung der Corona-Pandemie gestartet. Bis 2027 soll ein Abschlussbericht vorgelegt werden. Prayon zweifelt aber an der Ernsthaftigkeit des politischen Vorhabens: "Eine Aufarbeitung hat nicht stattgefunden und wird auch nicht stattfinden. Es kann nichts heilen, wenn wir nicht aufarbeiten, was da passiert ist."
Wie viele Menschen in Deutschland an schwerwiegenden Nebenwirkungen der Covid-19-Impfung leiden, ist nicht bekannt. Dem Paul-Ehrlich-Institut wurden im Zeitraum zwischen 2020 und 2024 Hunderttausende Verdachtsfälle gemeldet.
Wer durch eine Impfung einen gesundheitlichen Schaden erlitten hat, kann einen Antrag auf Entschädigung beim Versorgungsamt stellen. Da der Beweis eines ursächlichen Zusammenhangs meist schwierig ist, werden viele Anträge abgelehnt. So auch bei Binger.
Prayon habe erst gar keinen Antrag gestellt: "Ich habe keinen Sinn darin gesehen, weil in den meisten Fällen keine Aussicht auf Erfolg besteht."
Binger und Prayon mit Satire-Programm auf Tour
Ihren teils schockierenden Erfahrungen im Umgang mit Impfschäden begegnen die beiden Schauspielerinnen am liebsten mit Humor. Mit ihrem Programm "Testzentrum - Long Covid Short Stories" (szenische Lesung und Diskussion) sind sie bereits in vielen deutschen Städten unterwegs gewesen. Am 24. April geht es nach Dresden in die Schauburg.
"Wir kommen miteinander ins Gespräch. Und wir können rückblickend über bestimmte Dinge lachen, weil das auch ein Mittel ist, was uns nicht genommen werden kann", so Prayon.
Titelfoto: Bildmontage: Jonas Goltz, Wilhelm Betz

