Cannabis "made in Hessen": Einzigartige Firma wird von US-Megastar unterstützt

Mörfelden-Walldorf - Seit fünf Jahren können sich Schwerkranke Cannabis vom Arzt verschreiben lassen. Das Geschäft mit dem medizinischen Produkt boomt, auch in Hessen. Und manche blicken schon auf die geplante Legalisierung von Genusscannabis durch die Bundesregierung.

Benedikt Sons ist Co-Geschäftsführer der Firma "Cansativa", die Medizinalcannabis herstellt.
Benedikt Sons ist Co-Geschäftsführer der Firma "Cansativa", die Medizinalcannabis herstellt.  © Boris Roessler/dpa

Ein großer Cannabis-Umschlagplatz, mitten in einem Industriegebiet? Wo mehrere Hundert Kilo Blüten hinter dicken Betonmauern lagern? Was eher nach einem Krimi klingt, ist im südhessischen Mörfelden-Walldorf Realität - und noch dazu völlig legal.

Denn von hier aus vertreibt die Firma Cansativa Medizinalcannabis. "Unsere Kunden sind zu 90 Prozent Apotheken und zu 10 Prozent andere Großhändler", erklärt Co-Geschäftsführer Benedikt Sons (34).

Der 34-Jährige, der in Kassel aufgewachsen ist, hat das Unternehmen 2017 gemeinsam mit seinem Bruder Jakob gegründet. Inzwischen arbeiten dort mehr als 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

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Cansativa ist nach eigenen Angaben das bundesweit einzige Unternehmen, das in Deutschland hergestelltes Medizinalcannabis vertreiben darf. Dazu bekam es im August 2020 den Zuschlag des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM).

Angebaut wird das Cannabis von Produzenten in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein. Unlängst wurde zudem bekannt, dass der Kapitalgeber Casa Verde, hinter dem US-Rapper Snoop Dogg (50) steht, in Cansativa investiert.

Auch US-Rapper Snoop Dogg investiert in Cansativa

Snoop Dogg ist dem grünen Gold nicht abgeneigt. Der US-Rapper investiert in die hessische Firma Cansativa.
Snoop Dogg ist dem grünen Gold nicht abgeneigt. Der US-Rapper investiert in die hessische Firma Cansativa.  © Lynne Sladky/AP/dpa

Jetzt steht Co-Geschäftsführer Sons, mit einem weißen Kittel bekleidet, in der großen Halle neben zwei Bunkern aus Betonstahl, in der das Cannabis gelagert wird. In der Luft liegt ein kaum wahrnehmbarer, leicht süßlicher Geruch. Auch wenn das Gebäude von außen recht unscheinbar aussieht, greift innen eine enormes Sicherheitssystem.

Es gibt verschiedene Security-Zonen, an sensiblen Punkten sind Alarmknöpfe installiert, über die direkt die Polizei gerufen werden kann. Zur konkreten Sicherheitsarchitektur will Sons nicht viel sagen. Nur soviel: Es sei wahrscheinlich einfacher, bei einem Juwelier in der Frankfurter Innenstadt einzubrechen, als in das Cannabis-Depot.

Seit 2017 können sich Patientinnen und Patienten in Deutschland Cannabis für medizinische Zwecke regulär vom Arzt verschreiben lassen. Es dient etwa der Schmerzlinderung bei Schwerkranken. Seitdem boomt das Mittel.

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Laut dem BfArM wurden allein im vergangenen Jahr 20,6 Tonnen Cannabis-Blüten und -Extrakte importiert. In dem wachsenden Markt tummeln sich viele Start-ups sowie ausländische Konzerne, etwa aus Kanada.

Christian Lindner stellt Cannabis-Legalisierung in Aussicht

Unter anderem gehören Cannabisblüten zur medizinischen Behandlung zum Produktbestand von "Cansativa".
Unter anderem gehören Cannabisblüten zur medizinischen Behandlung zum Produktbestand von "Cansativa".  © Boris Roessler/dpa

"Mittlerweile gibt es ein ganzes Ökosystem für Medizinalcannabis in Deutschland", sagt auch Sons. Auch in Hessen sind weitere Unternehmen aktiv, etwa der Händler Nimbus Health aus Offenbach, der sich nach eigenen Angaben auf den Vertrieb, die Lizenzierung, den Verkauf und die Vermarktung von medizinischem Cannabis spezialisiert hat.

Und manch ein Marktteilnehmer blickt mit Spannung auf die geplante Legalisierung von Genusscannabis. "Davon erwarten wir uns einiges", heißt es bei Cansativa. In Deutschland sei der Schwarzmarkt um ein vielfaches größer als der mit medizinischem Cannabis. "Das sind natürlich riesige Potenziale", sagt Sons.

Laut Koalitionsvertrag will die Bundesregierung eine "kontrollierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene zu Genusszwecken in lizenzierten Geschäften" einführen. Dadurch würde "die Qualität kontrolliert, die Weitergabe verunreinigter Substanzen verhindert und der Jugendschutz gewährleistet", heißt es.

Der Zeitpunkt ist noch unklar, Bundesfinanzminister Christian Lindner (43, FDP) stellte zuletzt die Legalisierung für 2023 in Aussicht.

Cannabissteuer würde jährlich rund 1,8 Milliarden Euro einbringen

Vor dem aus Betonplatten gebauten Lager stellen Mitarbeiter von "Cansativa"-Lieferungen für Apotheken zusammen. Hinter dicken Betonwänden lagern hier hunderte Kilogramm Cannabisproduke für den medizinischen Bereich.
Vor dem aus Betonplatten gebauten Lager stellen Mitarbeiter von "Cansativa"-Lieferungen für Apotheken zusammen. Hinter dicken Betonwänden lagern hier hunderte Kilogramm Cannabisproduke für den medizinischen Bereich.  © Boris Roessler/dpa

Auch manche Experten setzen grundsätzlich auf eine Legalisierung. "Damit wird ein regulierter Markt für Erwachsene geschaffen", sagt etwa Heino Stöver (66), Leiter des Instituts für Suchtforschung (ISFF) an der Frankfurt University of Applied Sciences.

"Erwartbare Effekte wären der Zusammenbruch des Schwarzmarktes für Cannabis, der zu erhöhten Steuereinnahmen anstelle von Milliardengewinnen für die organisierte Kriminalität führe." Einer Studie des Deutschen Hanfverbands zufolge könnte der Staat allein durch die Cannabissteuer jährlich 1,8 Milliarden Euro einnehmen.

"Cannabis ist eine Droge, die wie jede andere auch - ob Alkohol, Tabak und auch illegale Drogen - gefährlich für die Gesundheit ist. Es gibt keinen risikofreien Konsum", betonte Susanne Schmitt, Geschäftsführerin der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen (HLS). Sie sagt aber auch: Eine Freigabe könne zu positiven Effekten führen, etwa zu einer Reduzierung von gesundheitlichen Gefahren durch eine höhere Qualität der Produkte.

Sowohl Stöver als auch Schmitt betonen, dass es im Falle der Legalisierung umfassende Regelungen braucht. Dazu gehören ein Mindestalter der Konsumenten und eine Qualitätskontrolle der Produkte. Auch dürfe der Verkauf nur in lizenzierten Fachgeschäften stattfinden und nicht im Internet, auf der Straße oder an Automaten.

Titelfoto: Montage: Lynne Sladky/AP/dpa, Boris Roessler/dpa

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