Dresden - Die Fachleute haben ihr Urteil gesprochen und ihr Ranking vorgestellt. Im Bauausschuss stand TU-Professor Steffen Marx (56, Direktor des Instituts für Massivbau) dazu Rede und Antwort, appellierte zudem an die Stadträte, die Autospuren-Frage neu zu entscheiden.
Platz 1 (LAP, Knight Architects und Querfeldeins) und 2 (Fhecor/TSSB) lagen dicht beieinander, so Marx. Den Ausschlag hätten zwei Punkte ergeben: Zum einen sei der Favorit der beste Kompromiss auch mit Blick auf die Genehmigungsfähigkeit.
Der zweitplatzierte Entwurf berge etwa mit zusätzlichem Pfeilerstandort und Brückenhöhe stärkere Risiken (könnten Baustart lange verzögern), wenngleich die Jury diese als "beherrschbar" einschätzt. Zum anderen wirke der Favorit im Stadtbild nicht so dominant wie der Zweitplatzierte, der bis 2,50 Meter höher als die eingestürzte Brücke baut.
Beim letztplatzierten Entwurf (Grassl/GMP) stimme die Preiskalkulation von gut 89 Millionen nicht. Stattdessen sehen die Experten alle Bauwerke an der Kostenobergrenze von 140 Millionen Euro, bis auf den Drittplatzierten (Schüßler-Plan), der etwas darunter liege.
Zudem betonte Marx, alle Brücken könnten auch mit zwei statt vier Autospuren errichtet werden. Das würde bis zu einem Drittel der Kosten sparen. "Wir sprechen von 40 Millionen Euro", so Marx. Auch Instandhaltungskosten würden geringer ausfallen. Er bittet den Stadtrat, die Spurenfrage "noch mal zu diskutieren und zu entscheiden".
Was die einzelnen Planungsbüros zu den Jury-Urteilen und ihren Entwürfen sagen, lest Ihr im Folgenden.
Platz 1: LAP, Knight Architects und Querfeldeins
Man habe sich das letzte halbe Jahr mit dem Entwurf beschäftigt, "es war ein harter Kampf", sagt LAP-Prokurist Stefan Burgard (52). Man setze auf eine schlanke Bogenform und nutze eine Fachwerkkonstruktion - die Augen über den Pfeilern - als kleine Reminiszenz an die historische Carolabrücke mit ihrer Stahlkonstruktion.
"Die Brücke tritt zurück, ordnet sich der Stadtsilhouette unter", sagt Querfeldeins-Chef Frank Großkopf (44). Man belebe zudem Brückenköpfe und Widerlager neu.
Anstelle des Busparkplatzes auf Altstädter Seite wolle man eine Freitreppe als Erlebnisraum schaffen, mit Grün und Rampen für Radler. Die hätten künftig auch praktische Rampen, müssten keine Schienen mehr queren. Anstelle der Balkone über den Pfeilern setze man auf einen breiten Promenadenweg auf der Westseite.
Was die Gesamtkosten von 135 Millionen Euro betrifft, könne man durch die Streichung von zwei Autospuren rund 27 Millionen Euro sparen und die Breite von 35 auf 28 Meter verringern.
Platz 2: Fhecor/TSSB
Der zusätzliche Pfeilerstandort sollte laut TSSB-Architekt Jan Tröber (51) bei Hochwasser keine Probleme machen und auch nicht zu einem Planfeststellungsverfahren führen, was den Baustart um Jahre verzögern würde.
Die Extra-Pfeiler ermöglichten die ausgeprägte Bogenform in Anlehnung an die historische Carolabrücke. "Und wir setzen auf Leichtigkeit und Durchlässigkeit", erklärt Tröber.
So sollen die Sichtbeziehungen von den Elbwiesen auf die Altstadt sowie zwischen den Ufern möglichst erhalten bleiben. Auf der Brücke böten zehn Stadtbalkone schöne Aussichtspunkte.
Was die Anbindungen an den Brückenköpfen betrifft, arbeite man sich in bestehende Hänge ein, versuche die Abgänge grün zu halten, nutze symmetrische Treppenanlagen.
Statt früherer "Unorte" unterhalb der Brücke werde der Raum auf Neustädter Seite für Spielplatz und Skateanlage und auf Altstädter Seite für Erinnerungsort und einige Busparkplätze genutzt. Das einzügige Bauwerk ist mit 32,50 Metern die schmalste Brücke.
Platz 3: Schüßler-Plan und DKFS
Dieser Entwurf habe 1970er-Jahre-Ästhetik und passe nicht zum Ort, kritisiert das Gremium. Auch ließen die durchgängigen Pfeilerscheiben unschöne Räume unter der Brücke entstehen.
Das sieht Architekt Dirk Krolikowski (49) anders. "Unsere Brücke ist dreizügig, dadurch kommt tatsächlich viel Tageslicht unter die Brücke", meint er. Ziel sei, Angsträume zu verhindern. Die massiven Brückenpfeiler seien besonders stabil und im Bereich der Flutbrücken durchbrochen.
Außerdem besonders: der Materialmix. "Wir schlagen eine Hybridbrücke aus Stahl und Spannbeton vor", erklärt der Architekt. "Das erinnert an die Materialität vieler Bauwerke auf der Brühlschen Terrasse."
Rund 108 Millionen Euro würde der Bau kosten, Wartungskosten seien gering. Trotz Dreizügigkeit könne man Fahrspuren später auch jederzeit neu anordnen oder umwidmen, so Dirk Krolikowski.
Platz 4: Ingenieurbüro Grassl und gmp Architekten
Wegen übergroßer Pfeilerscheiben, einer unruhigen Untersicht und fremd wirkender Geländer landete dieser Entwurf ganz hinten im Jury-Ranking.
Bauingenieur Hans Grassl (54) ist darüber enttäuscht, sagt gleichzeitig: "Wir sind nach wie vor überzeugt von unserem Entwurf. Pfeiler dürfen markant sein, das eint alle Dresdner Altstadtbrücken."
Die Konstruktion greife verschiedene Motive der ersten Carolabrücke von 1895 auf. "Unser Geländer mit Rautengitter erinnert an die Gitterträger mit Rautenmuster von damals." Auch die Bogenform und die geräumigen "Stadtbalkone" seien an die erste Carolabrücke angelehnt. "Unser Ziel ist eine entschleunigte, städtische Brücke, auf der man gerne verweilt."
Zugleich sei die Brücke einfach und kostenarm im Hubverfahren zu errichten. Zwar zweifelt die Jury die Preiskalkulation in Höhe von 89 Millionen Euro an. Doch Grassl betont: "Wir haben sorgfältig kalkuliert."
Ab Samstag dürft Ihr mitreden
Ab Samstag (bis 19. Juli) könnt Ihr im Internet über die Brücken-Entwürfe abstimmen! Die App "carolaVOTE" geht um 10 Uhr online.
Parallel lädt die Stadtverwaltung bis 17 Uhr zum "Offenen Rathaus" ins Stadtforum ein. Dort gibt es Visualisierungen und Modelle zu allen Entwürfen. Ansprechpartner der Stadt wollen Fragen beantworten und Anregungen aufnehmen.
"Auch die Projektleiterin der Carolabrücke Grit Ernst ist vor Ort", wirbt Simone Prüfer (61), Leiterin des Straßen- und Tiefbauamts. Man rechne mit Tausenden neugierigen Bürgern.
Zudem stürzen sich verschiedene Bürgermeister, darunter OB Dirk Hilbert (54, FDP), ins Getümmel.
Stadtämter und Stadtratsfraktionen stellen ihre Arbeit vor, für Kinder gibt es Spielmöglichkeiten, draußen stehen Einsatzfahrzeuge von Feuerwehr und Co.