AU ab Tag eins: Was die neue Regelung für chronisch Kranke bedeutet
Deutschland - Die Bundesregierung plant, künftig bereits ab dem ersten Krankheitstag eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung verpflichtend vorzulegen und telefonische Krankschreibungen abzuschaffen. Was das für chronisch Kranke bedeutet - TAG24 hat nachgehakt.
Wer eine Migräneattacke mit pulsierenden Schmerzen, Übelkeit und Lichtempfindlichkeit erlebt, braucht kein Wartezimmer, sondern vor allem Ruhe.
Ähnlich ergeht es Menschen mit anderen chronischen Erkrankungen wie Endometriose oder Magen-Darm-Erkrankungen - viele können sich vor Schmerzen kaum auf den Beinen halten.
Trotzdem könnten Beschäftigte künftig bereits am ersten Krankheitstag verpflichtet sein, eine Arztpraxis aufzusuchen, um eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zu erhalten.
Für viele würde das bedeuten, trotz akuter Beschwerden im Wartezimmer sitzen zu müssen und sich zusätzlichen Belastungen auszusetzen.
Die Patientenorganisation MigräneLiga sieht die geplante Regelung kritisch: "Wer glaubt, Menschen mit Migräne könnten während einer Attacke problemlos eine Arztpraxis aufsuchen, hat die Realität dieser Erkrankung nicht verstanden", so Veronika Bäcker, Präsidentin der Selbsthilfevereinigung. Sie ergänzt: "Ein verpflichtender Praxisbesuch während einer Attacke kann die Beschwerden verstärken, die Genesung verzögern und bindet gleichzeitig Kapazitäten in bereits stark belasteten Arztpraxen."
Auch der Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung warnt vor den Folgen der geplanten Regelung: "Es grenzt zudem an Irrsinn, Abertausende Menschen zusätzlich in die Praxen zu jagen für das reine Ausfüllen von Zetteln. Wer hustet, eine Magen-Darm-Infektion hat, gehört ins Bett - und nicht in die übervolle Praxis."
Migräne hat starke Auswirkungen auf den Alltag Betroffener
Dabei ist Migräne keine Seltenheit: Mehr als zehn Millionen Menschen in Deutschland leben mit der neurologischen Erkrankung.
Eine von ihnen ist Jennifer (26) aus Leipzig. Seit ihrem siebten Lebensjahr leidet sie unter wiederkehrenden Attacken. Mit TAG24 sprach sie über die Auswirkungen der Erkrankung auf ihren Alltag.
Besonders belastend ist für sie die sogenannte Aura, die den Kopfschmerzen häufig vorausgeht. "Wenn es ein Anfall mit Aura ist, sehe ich sehr schlecht und habe ein buntes Flimmern vor den Augen oder auch schwarze Flecken", erzählt sie. Hinzu kommen Taubheitsgefühle in einzelnen Körperregionen, bevor die eigentlichen Schmerzen einsetzen.
Darauf folgen heftige, pochende Kopfschmerzen. "Es fühlt sich an, als würde jemand meinen Kopf von innen in einen Schraubstock spannen und gleichzeitig mit einem Messer oder Schraubendreher in meine Schläfe stechen", beschreibt Jennifer. Jede Bewegung verschlimmere die Schmerzen zusätzlich.
Vor diesem Hintergrund hält sie die Diskussion über eine verpflichtende Krankschreibung ab dem ersten Krankheitstag für wenig praxisnah. "Bei schweren Attacken ist es mir absolut nicht möglich, das Haus zu verlassen", sagt sie. "Im Wartezimmer zu sitzen - womöglich über einen unbestimmten Zeitraum - wäre für mich kaum auszuhalten. Jeder Lichtstrahl, jede Bewegung, selbst zu reden oder zuzuhören, ist dann zu viel."
Hinzu kommt, dass Migräneattacken häufig mit neurologischen Ausfällen verbunden sind, wodurch bereits der Weg zum Arzt für viele Betroffene unmöglich werden kann. "Wer unter einer schweren Migräneattacke leidet, ist oftmals nicht verkehrstüchtig. Betroffene dürfen aufgrund von Sehstörungen, Schwindel oder der Wirkung von Akutmedikamenten häufig weder Auto fahren noch sicher am Straßenverkehr teilnehmen", so Veronika Bäcker.
Titelfoto: Bildmontage: Veronika Bäcker / MigräneLiga e.V. Deutschland, privat

