Horror-Zahnarzt zog hunderten Patienten rund 3900 gesunde Zähne!

Marseille - Sarah war 18 und hoffte darauf, wie ein Filmstar zu lächeln. Das war das Versprechen ihres Zahnarztes. Wenige Wochen später war ihr Mund eine einzige Wunde.

Lionel Guedj drohen wegen mutwilliger Körperverletzung mit Verstümmelung bis zu zehn Jahre Haft.
Lionel Guedj drohen wegen mutwilliger Körperverletzung mit Verstümmelung bis zu zehn Jahre Haft.  © NICOLAS TUCAT/AFP

"Lionel Guedj hat mir geraten, mir alle Zähne zu entfernen. Er sagte, ich würde nie mehr Zahnprobleme haben", sagt sie. Hunderten von Patienten erging es ähnlich. Der Ex-Zahnarzt könnte am Donnerstag in Marseille zu zehn Jahren Haft verurteilt werden.

2005 hatte Guedj seine Praxis im Norden von Marseille eröffnet, wo viele Menschen mit geringem Einkommen und nordafrikanischen Wurzeln leben. Er duzte seine Patienten, empfing bis zu 70 am Tag, viele ohne Termin. Fünf Jahre später war er mit einem Monatseinkommen von bis zu 80.000 Euro der bestbezahlte Zahnarzt Frankreichs.

Seine Methode: "Nach dem ersten Termin gab es systematisch einen Behandlungsplan, um möglichst viele Zähne abzutöten und zu überkronen", heißt es in einem Expertenbericht. Guedj hat demnach 28 Mal mehr Zahnersatz abgerechnet als ein durchschnittlicher Zahnarzt. Seine Operationen führte er schnell und nachlässig aus. Viele Patienten klagten anschließend über Entzündungen, Abszesse, Geschwüre, schlecht sitzenden Zahnersatz.

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"Ich hatte Mundgeruch, mochte nicht mehr lächeln, ich hatte eine feuchte Aussprache und Schwierigkeiten beim Essen", berichtet Sarah in der Zeitschrift "Closer". Sie habe sich nach der Behandlung immer mehr zurückgezogen, weil sie sich schämte. "Mir wurde zu spät klar, dass man sich mit 18 nicht 24 Zähne ziehen lässt."

Zahnarzt Lionel Guedj hielt sich für unantastbar

Insgesamt haben 322 Patienten eine Zivilklage gegen den Zahnarzt Lionel (l.) und seinen Vater Carnot Guedj (r.) eingereicht.
Insgesamt haben 322 Patienten eine Zivilklage gegen den Zahnarzt Lionel (l.) und seinen Vater Carnot Guedj (r.) eingereicht.  © NICOLAS TUCAT/AFP

Mehr als 300 seiner enttäuschten und wütenden Patienten sind schließlich vor Gericht gezogen.

Sein Prothesenhersteller sagte aus, dass Guedj Brücken bei ihm bestellte, ohne sie vorher anzupassen. "Er hat so viel Geld verdient, dass er sich für unangreifbar hielt", sagte sein ehemaliger Arbeitskollege. Guedj habe gesagt, dass er sich die besten Anwälte leisten könne und nichts zu befürchten habe.

Nach Aussage seiner Sekretärin schreckte der Zahnarzt auch nicht davor zurück, Röntgenaufnahmen mit Hilfe eines Bildbearbeitungsprogramms ominöse weiße Flecken zu verschaffen.

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Guedj rechnet so viele Eingriffe ab, dass sein Arbeitstag bis zu 52 Stunden hätte dauern müssen. Nach Berechnungen der Anklage tötete Guedj etwa 3900 gesunde Zähne ab, im Schnitt elf pro Patient.

Vor Gericht zeigt er sich uneinsichtig

Bei der Verhandlung gab sich Lionel Guedj als Mann des Volkes, der niemandem absichtlich Schaden zufügen wollte. Überzeugen konnte er damit allerdings niemanden.
Bei der Verhandlung gab sich Lionel Guedj als Mann des Volkes, der niemandem absichtlich Schaden zufügen wollte. Überzeugen konnte er damit allerdings niemanden.  © NICOLAS TUCAT/AFP

"Ich hatte einen Termin, weil mir ein einziger Zahn weh tat", erzählt die 60-jährige Yamina Abdesselem der Nachrichtenagentur AFP. "Er hat mir gesagt, er müsse alle Zähne devitalisieren. Ich habe ihm vertraut. Er hatte eine schöne Praxis, er war so freundlich", erinnert sie sich.

Heute lebt sie mit einem schlecht angepassten Gebiss, das nur mit viel Kleber hält. "Warum hat er das bloß getan?", klagt sie.

Vor Gericht bat Guedj seine Patienten zwar um Entschuldigung, bemühte sich aber, den Eindruck zu erwecken, er habe zu ihrem Wohl handeln wollen. "Meine Patienten waren wie eine zweite Familie für mich", behauptete er. "Ich wollte niemanden verletzten", fügte er hinzu.

Vergeblich versuchte der ehemalige Zahnarzt, seine Handlungen als fahrlässige Körperverletzung einstufen zu lassen. Damit kam er jedoch nicht durch. Die Anklage lautet auf mutwillige Körperverletzung mit Verstümmelung, worauf eine Höchststrafe von zehn Jahren Haft steht.

Das rechtskräftige Urteil wird am Donnerstag in Marseille bekannt gegeben.

Titelfoto: NICOLAS TUCAT/AFP

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