Eineige Zwillinge als Baby getrennt, nach 19 Jahren treffen sie sich wieder: "Ich bin sie und sie ist ich"

Leipzig - Unglaublich aber wahr. Eine junge Frau (21) aus Georgien hat auf TikTok ihre eineiige Zwillingsschwester gefunden. Amy und Ano wurden ihrer Mutter nach der Geburt geraubt und an andere Familien verkauft. Nun trafen die Schwestern zum ersten Mal ihre leibliche Mutter - in einem Hotel in Leipzig.

Die eineigen Zwillinge Amy Khvitia und Ano Sartania (beide 21) wurden als Babys getrennt.
Die eineigen Zwillinge Amy Khvitia und Ano Sartania (beide 21) wurden als Babys getrennt.  © Facebook/Sartania Anno

"Ich hatte immer das Gefühl, dass etwas oder jemand in meinem Leben fehlt", sagt Ano (21) und berichtet dem Sender BBC, wie sie ihre Zwillingsschwester Amy fand.

Amy ist in der georgischen Hauptstadt Tiflis aufgewachsen, Ano rund 300 Kilometer entfernt an der Schwarzmeerküste. Beide wurden 2002 von derselben Mutter geboren, doch bis vor zwei Jahren kannten sie einander nicht.

Eigentlich habe alles 2014 begonnen, sagt Amy. Da habe sie bei einer Castingshow im Fernsehen ein Mädchen tanzen gesehen. Das Verblüffende: Die Fremde sah genau so aus, wie sie. "Alle haben meine Mama angerufen und gefragt: 'Warum tanzt Amy unter einem anderen Namen?'", erinnert sich die junge Frau. "Jeder hat einen Doppelgänger", sagte ihre Mutter ausweichend.

Lesbische Mütter packen aus: Das sind die krassesten Fragen, die man ihnen immer wieder stellt
Leben Lesbische Mütter packen aus: Das sind die krassesten Fragen, die man ihnen immer wieder stellt

Sieben Jahre später, im November 2021, wurde Ano stutzig. Sie entdeckte auf TikTok das Video eines fremden Mädchens mit blauen Haaren, die sich ein Piercing stechen ließ. Die Ähnlichkeit war frappierend, berichtet die junge Tänzerin. Denn es war Amy, wie sich später herausstellen sollte. Ano schrieb ihre Doppelgängerin eine Nachricht. Und Amy wusste sofort, dass Ano das Mädchen war, das sie vor vielen Jahren im Fernsehen gesehen hatte. "Ich habe so lange nach dir gesucht!", antworte sie. "Ich auch!"

Die jungen Frauen tauschten sich aus und erkannten verblüffende Gemeinsamkeiten. Sie mochten dieselbe Musik, tanzten leidenschaftlich gern und hatten sogar die gleiche Frisur.

"Ich mag keine Umarmungen, aber ich habe sie umarmt"

Die beiden ähneln sich so sehr.
Die beiden ähneln sich so sehr.  © Instagram/sartaniaano

Dann führte eines zum anderen: Die damals 19-Jährigen trafen sich an einer U-Bahn-Haltestelle in Tiflis. An der Rolltreppe sahen sie sich das erste Mal.

"Es war, als würde man in einen Spiegel schauen, genau dasselbe Gesicht, genau dieselbe Stimme. Ich bin sie und sie ist ich", sagte Amy. "Ich mag keine Umarmungen, aber ich habe sie umarmt", sagt Ano. Dass, sie Zwillinge seien hätten sie sofort gespürt, führen die Schwestern aus. Doch sie wollten Antworten. Ihr ganzes Leben sei eine Lüge gewesen, weiß Amy heute.

Die Zwillinge konfrontierten ihre Familien. Sie habe keine Kinder bekommen können, offenbarte Amys Mutter. Eine Bekannte habe daraufhin den Kontakt zum Krankenhaus hergestellt. Zwar habe sie die Ärzte bezahlen müssen, doch sie habe die ganze Zeit geglaubt, dass ihre geliebte Amy ein ungewolltes Kind sei. Anos Mutter erzählte von ganz ähnlichen Erfahrungen. Die geraubten Kinder haben ihren Zieheltern vergeben.

Frau wird mit nur 34 Jahren schon Oma: So geht sie jetzt damit um
Leben Frau wird mit nur 34 Jahren schon Oma: So geht sie jetzt damit um

Doch die Frage nach dem Warum stand weiterhin im Raum. Hat die echten Eltern ihre Babys an Fremde verkauft?

Die geraubten Kinder von Georgien: Betroffene suchen nach ihren echten Eltern

Ano und Amy reisten nach Deutschland um Antworten zu erhalten. Ein Filmtean hat die Schwestern begleitet.
Ano und Amy reisten nach Deutschland um Antworten zu erhalten. Ein Filmtean hat die Schwestern begleitet.  © Instagram/sartaniaano

Amy wollte ihre leibliche Mutter finden, Ano war dagegen.

"Warum wollt ihr die Person treffen, die uns verraten haben könnte?", mahnte sie. Doch je mehr sich Amy mit dem Thema illegale Adoptionen in Georgien beschäftigte, umso mehr wurde sie mit ganz ähnlichen Schicksalen konfrontiert. Es gibt wohl tausende Fälle in der kleinen Kaukasus-Republik. Die Betroffenen haben sich auf Facebook organisiert. Alleine der größten Gruppe folgen mehr als 230.000 Menschen.

Während Mütter berichten, wie skrupellose Ärzte ihnen die Kinder noch im Kreißsaal entrissen und vorgaben, dass ihre Babys verstorben seien, legen die gestohlenen Kinder gefälschte Geburtsurkunden vor und hoffen ihre echten Eltern zu finden. Manche Fälle reichen bis ins Jahr 2005 zurück.

Auch Amy ging diesen Weg. Sie teilte ihre Geschichte und bekam Antwort. Eine junge Frau aus Deutschland antwortete, berichtete, dass ihre Mutter 2002 im Krankenhaus von Kirtskhi Zwillinge zu Welt brachte. Obwohl die Ärzte behauptete, dass die Säuglinge verstorben seien, habe ihre Mutter dies nie geglaubt. Dann ergab ein DNA-Test, dass die Fremde tatsächlich ihre Schwester sei, die mit ihrer echten Mutter Aza bei Leipzig lebt.

Inzwischen haben die Zwillinge ihre echte Mutter kennengelernt. In einem Hotel in Leipzig haben sie sich getroffen. Unter Tränen schilderte die Mutter, was ihr damals widerfuhr. Nach der Geburt sei sie plötzlich sehr krank geworden und ins Koma gefallen. Als sie aufwachte, teilte ihr das Krankenhauspersonal mit, dass die Babys kurz nach der Geburt gestorben seien.

Die Begegnung mit ihren Töchtern haben ihrem Leben einen neuen Sinn gegeben, betont Aza. Die drei wollen in Kontakt bleiben und sich besser kennenlernen.

Das bewegende Schicksal der beiden Schwestern berührt so viele. Ihre Geschichte wurde nun im Rahmen einer BBC-Dokumentation ergründet. Die ganze Dokumentation gibt es hier zu sehen.

Titelfoto: Instagram/Facebook/Sartania Anno

Mehr zum Thema Leben: