Rostock - Nahezu apathisch starrt der Kapitän auf stürmische See und über dem Deck zusammenschlagende Wellen. Er ahnt, dass sein Schiff leckgeschlagen ist. Doch statt einer rettenden Bucht lässt er die hohe See ansteuern. Vor 50 Jahren, am 14. Oktober 1976, sank vor der französischen Küste der Motortanker "Böhlen". Insgesamt 26 Menschen starben - es war das schwerste Unglück der damals ruhmreichen Handelsflotte der DDR. Weil alle höheren Offiziere nicht überlebten, kann über die Gründe des Versagens auch heute nur spekuliert werden.
Zu jener Zeit gehörte die DDR zu den bedeutendsten Seefahrernationen der Welt. Mehr als 10.000 Seeleute waren auf den über 200 Schiffen der Deutschen Seereederei Rostock unterwegs und liefen Häfen in über 100 Ländern an.
Kein anderes europäisches Land verfügte über ein so weit verzweigtes Netz an Handelsrouten.
Der auf das sächsische Städtchen Böhlen getaufte Motortanker gehörte eher zu den kleineren Schiffen. Ende September verließ er mit 9800 Tonnen Rohöl Venezuela Richtung Heimathafen Warnemünde.
Neben der Besatzung aus 33 Seeleuten und zwei Stewardessen fuhren auch zwei mitreisende Ehegattinnen mit - alle vier Frauen starben. Erst weit nach der Wende berichteten einige Überlebende - darunter Bäcker, Koch und Funker - in einer Fernsehdokumentation über die Zustände auf der "MS Böhlen".
Und damit zu den Hintergründen, welche zu dieser Katastrophe vor 50 Jahren geführt haben könnten. Sie sprachen von einer fatalen Mischung aus äußerst laxem Dienstbetrieb, Überheblichkeit der Führungsoffiziere und sehr viel Alkohol.
Kapitän Siegbert Rennecke: Trinkfest und leichtsinnig?
Kapitän Siegbert Rennecke (†39) galt als erfahren, aber auch trinkfest. Er sah es als eine Art Sport an, im geselligen Kreis seiner Offiziere ausgewählte Besatzungsmitglieder abzufüllen.
Auch am 13. Oktober, in der DDR als "Tag der Seeverkehrswirtschaft" gefeiert, floss der damals typische Weinbrand-Schnitt ("WBS" oder "Seemanns Tod") möglicherweise aus mehreren Flaschen.
Der Funker will noch gewarnt haben, dass die aktuell angenommene Position der Böhlen nicht stimmen kann. Wahrscheinlich wurde dies dem Kapitän nicht durchgestellt. Ohnehin konnte der sich auf die Ausbildung seiner nautischen Offiziere verlassen.
Die Brücke war in der folgenden Nacht auch nicht durchgängig besetzt. Offenbar glaubte man, mit einer Art Autopilot um die bretonische Landspitze herum in den Ärmelkanal einzufahren.
Frühmorgens, gegen vier Uhr, schüttelten drei schwere Schläge das Schiff durch und bremsten es ab. Der Kurs war tatsächlich falsch berechnet worden, und man stieß im klippenreichen Gebiet vor der Insel Île-de-Sein auf Untiefen. Nach und nach häuften sich die Indizien, dass das Schiff leckgeschlagen ist. Doch der Kapitän beließ es bei der üblichen Routine, als ginge alles seinen sozialistischen Gang.
14. Oktober 1976: DDR-Tanker sinkt mit fast 10.000 Tonnen Rohöl vor bretonischer Küste
Heute weiß man, dass die Böhlen nur fünf Stunden bis zu einer schützenden Bucht benötigt hätte, um leichter Hilfe zu erhalten. Stattdessen fuhr der Tanker von der Küste weg auf hohe See.
Erst elf Stunden nach dem Zusammenstoß, als das Vorschiff angesichts haushoher Wellen immer tiefer sank, ließ der Kapitän vom Funker eine Dringlichkeitsmeldung absetzen.
Da bot der westdeutsche Hochseeschlepper "Pacific" seine Dienste an. Dessen Geschäftsmodell bestand unter anderem darin, in Not geratene Schiffe zu bergen und dafür eine fette Prämie zu kassieren - oft im Wert des Schiffes oder der Ladung. Kapitän Rennecke lehnte aber die auf See übliche Formulierung "Keine Rettung - keine Bezahlung" brüsk ab.
Glaubte er, dass sein Tanker unsinkbar ist? Meinte er, das Volkseigentum bis zum letzten Atemzug verteidigen zu müssen? Fürchtete er wegen seiner Fehlleistungen für den Staat hohe Devisenzahlungen?
Nahm er deshalb Kurs auf internationale Gewässer, damit die DDR nicht für eine Ölpest an Frankreichs Küste verantwortlich gemacht werden kann? Gegen 16 Uhr ließ er dann doch "SOS" funken. Seine Beweggründe für das Zögern nahm er mit in sein nasses Grab.
Zu diesem Zeitpunkt waren bereits mehrere Besatzungsmitglieder über Bord gespült worden. Nun hieß es: "Rette sich, wer kann!" Das erwies sich als schwierig, weil die stürmische See die Rettungsboote zerstört hatte. Die "Pacific", französische Hubschrauber und Fischerboote konnten noch elf ölverschmierte Personen retten.