Hamburg - Wer am Freitag im Hamburger Westfield-Center unterwegs war, hat vielleicht einen ungewöhnlichen Verkaufsautomaten entdeckt: Hinter der Scheibe warteten keine Snacks, sondern täuschend echte Gesichter mit unterschiedlichen Haut- und Augenfarben – die sich auf den zweiten Blick jedoch alle erschreckend ähnelten.
Hinter der Kunstinstallation steckt die Kosmetikmarke "Dove". "The Beauty Machine" soll zeigen, wie stark KI und Algorithmen unser Schönheitsbild prägen und wie wichtig es ist, sich dessen bewusst zu werden, um einer "Monokultur der Schönheit" entgegenzuwirken.
Dabei wirke die "Beauty Machine" vielleicht wie ein Blick in die Zukunft, sei in den sozialen Medien aber schon längst Realität, betonte Alissa Martens von "Dove" am Freitag. "Der Algorithmus bestimmt längst mit, wie Schönheit aussehen soll."
Ein gefährlicher Trend, den auch Psychotherapeutin Franca Cerutti, bekannt aus dem Podcast "Psychologie to go", mit großer Sorge beobachtet.
"Das Problem ist, dass wir uns nicht nicht vergleichen können. Das ist einfach unmöglich, das ist so, als hätten wir den Anspruch an uns, morgen aufzuwachen und keine Gesichter mehr zu erkennen", so die Therapeutin im TAG24-Gespräch.
Vergleiche sind evolutionär tief im Menschen verankert – problematisch wird es jedoch, wenn die Maßstäbe unrealistisch sind. Genau das passiere heute verstärkt durch Social Media.
Therapeutin bezeichnet Social Media als "Fenster zu einer Fake-Welt"
Cerutti warnt: "Wenn wir jetzt daran gewöhnt werden, durch Algorithmen uns an vollkommen unrealistischen Standards zu messen und an Schönheitsidealen, die so überhaupt nicht in der echten Welt existieren, und uns dadurch unter Druck setzen lassen, dann macht das etwas mit unserer Psyche."
Ein entscheidender Unterschied zu früher liege in der Vergleichsbasis: Während Menschen sich noch vor wenigen Jahren überwiegend mit realen Personen aus ihrem direkten Umfeld verglichen haben, erfolgt der Vergleich heute mit einer globalen, zugleich stark gefilterten, bearbeiteten oder KI-generierten Online-Welt.
Cerutti beschreibt dies als "Fenster zu einer Fake-Welt" und dennoch verarbeite unser Gehirn diese Inhalte oft so als wären sie die Realität.
Als Beispiel, wie schnell und tiefgreifend sich Schönheitsideale durch Medien verändern können, verwies Cerutti auf die Fiji-Inseln. Vor der Einführung westlichen Fernsehens 1995 galt dort ein anderes Körperideal, geprägt von eher kräftigeren Körpern, und es gab keine dokumentierten Essstörungen.
Nur drei Jahre nach dem Einzug von US-Serien veränderte sich das Bild deutlich: Bereits 37 Prozent der jungen Frauen berichteten von Unzufriedenheit mit ihrem Körper, und etwa elf Prozent gaben an, ungesundes Verhalten wie Erbrechen zur Gewichtsregulation eingesetzt zu haben.
"The Beauty Machine" direkt wieder abgeschaltet
In den sozialen Medien verstärken heutzutage Algorithmen gezielt bestimmte Inhalte. Heißt: Wer sich einmal mit einem bestimmten Schönheitsideal beschäftigt, bekommt immer mehr davon angezeigt.
Cerutti rät deshalb zu mehr Bewusstsein im Umgang mit Social Media: "Das Wichtigste ist, dass wir uns das bewusst machen, weil diese Vergleichsprozesse häufig unbewusst bleiben und wir manchmal nicht so genau mitbekommen, was das Scrollen zum Beispiel mit uns macht."
Konkret bedeute das auch, den eigenen Medienkonsum zu hinterfragen: "Und da wirklich mal bewusst hinzuspüren, was macht das mit mir, geht es mir nach dem Scrollen besser oder schlechter?"
Die Therapeutin meint, wenn die Menschen sich wieder stärker von künstlich erzeugten Bildern abwenden würden, könnten auch Algorithmen wieder mehr echte Inhalte bevorzugen.
Gleichzeitig sieht sie die Chance auf eine wachsende Sehnsucht nach Echtheit, realen Begegnungen und "ungeschminkten Wahrheiten" – besonders in einer zunehmend KI-geprägten Bildwelt. Genau hier setzt auch "Dove" mit seiner neuen internationalen Kampagne an und schaltete als Gegenentwurf zur Einheitsästhetik die "The Beauty Machine" am Freitag direkt wieder symbolisch ab.
Die Marke will damit zeigen, dass Vielfalt das eigentliche Schönheitsideal ist.
"Es sind die Unterschiede, die uns schön machen", so Alissa Martens. Um "echte Menschen" sichtbar zu machen, läuft parallel zur Kunstinstallation eine begleitende Kampagne: Über QR-Codes können alle Fotos von sich aus dem echten Leben hochladen und so Teil der Aktion werden.