Abschied auf der großen Leinwand: Diese Brücke rührt einen ganzen Kinosaal zu Tränen

Hamburg - Wenn man außerhalb Hamburgs jemandem erzählt, dass der Abriss einer Brücke einen ganzen Kinosaal zu Tränen rührt, würde man wohl ungläubige Blicke ernten. Doch genau das hat der neue Film von Christian Hornung (50) bei seiner Weltpremiere am Samstag beim Filmfest Hamburg geschafft. Während die neue Sternbrücke seit Ende August über Altona und der Schanze thront, trauern viele noch dem alten Bauwerk hinterher. Und das liegt vor allem an den Menschen, die das Viertel unter der Brücke mit Leben geflutet haben. Hornung widmet ihnen einen ganzen Kinofilm: "Sternbrücke Forever".

v. l. n. r.: Die Produzenten des Films, Dirk Decker und Andrea Schütte, Christian Hornung und Kameramann Marvin Hesse.  © Madita Eggers/TAG24

Hornungs Film ist dabei ein Abschied von einem Ort, der für viele Hamburger weit mehr war als eine Eisenbahnbrücke. Die alte Sternbrücke stand fast hundert Jahre lang.

Unter ihr gab es Kioske, Imbisse, Werkstätten, Wohnungen und Clubs. Menschen trafen sich dort, arbeiteten dort, feierten dort, wuchsen dort auf. Für andere war die Brücke schlicht der tägliche Weg zur Arbeit, so auch für Hornung.

Als er 2020 hörte, dass sie abgerissen werden soll, wollte er den Ort einfangen, "mit all seiner Atmosphäre und den besonderen Leuten", so der 50-Jährige gegenüber TAG24.

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Dabei sei sein Film kein politisches Statement. Trotzdem stelle sich für ihn die Frage, was aus der Geschichte der Sternbrücke für künftige Stadtentwicklungsprojekte gelernt werden kann: "Wie kann Beteiligung in Zukunft bei Projekten innerhalb der Stadt aussehen, damit alle Interessen berücksichtigt werden?"

Es gehe darum, frühzeitig miteinander zu sprechen, statt etwas "draufzupfropfen", über das die Menschen erst im Nachhinein diskutieren können.

Mit viel Liebe zum Detail setzt der Film der Sternbrücke und ihrer Nachbarschaft dort ein cineastisches Denkmal, wo der Denkmalschutz es nicht konnte. Eine Zuschauende beschrieb den Film am Samstag als eine Möglichkeit, gemeinsam zu trauern. Dass diese Trauer nicht nur eine Handvoll Menschen, sondern eine ganze Generation betrifft, habe auch Hornung selbst überrascht, wie er TAG24 verriet.

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Christian Hornung (m.) mit einigen der Protagonisten bei der Weltpremiere von "Sternbrücke Forever" auf dem Filmfest Hamburg.  © Madita Eggers/TAG24

Vom Ehebett zum Sarg

Gegen die Planungen von DB und Stadt formierten sich Anwohnerinitiativen und Umweltverbände. Sie demonstrierten und klagten gegen den Planfeststellungsbeschluss für den Neubau. Im November 2025 wies das Hamburgische Oberverwaltungsgericht die Klagen ab.  © jip film & verleih

Fünf Jahre lang entstand der Film, drei davon wurde gedreht. Hornung und sein Team begleitete die Menschen rund um die Sternbrücke und erzählt damit nicht nur die Geschichte eines Bauwerks, sondern auch die einer Nachbarschaft, deren Zukunft jahrelang in der Schwebe hing.

Mehmet verkauft Falafel. Martina betreibt einen Kiosk. Stefan repariert Autos. Und jedes Wochenende strömen junge Menschen in die Clubs unter der Brücke, darunter die Kultstätten "Waagenbau" und "Fundbureau".

Es ist eine kleine Welt, die sich über Jahre unter dem Stahlbau entwickelt hat, heimelig, laut, manchmal chaotisch und für viele unersetzlich. Dann kommt 2023 die Gewissheit: Die Brücke soll weg.

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Die Deutsche Bahn (DB) begründete den Abriss mit der Modernisierung der Verbindung zwischen Hauptbahnhof und Altona und dem Ziel, einen zuverlässigeren Bahnverkehr zu ermöglichen.

Für den Neubau mussten mehrere Gebäude weichen. Kioske, Clubs, Imbisse und Wohnungen verschwanden. Die letzten Mieter zogen Ende 2023 beziehungsweise Anfang 2024 aus. Ihr Eindruck: Über ihre Köpfe hinweg sei entschieden worden.

Die alte Brücke, sagt Kioskbesitzerin Martina sinngemäß, habe etwas von einem Ehebett gehabt. Die neue wirke dagegen eher wie ein Sarg. In dem eine ganze Subkultur begraben liegt.

Seit Ende August thront die neue Sternbrücke über Altona und der Schanze. Die neue Bogenbrücke ist mit 108 Metern rund 33 Meter länger und mit 24,30 Metern über sieben Meter breiter als die alte Brücke. Mit rund 3700 Tonnen wiegt sie zudem mehr als viermal so viel.  © Bodo Marks/dpa

Tränen auf der Bühne bei der Premiere von "Sternbrücke Forever"

"Sternbrücke Forever" porträtiert unter anderem Stefan (r.) und seine Kfz-Werkstatt, die mit der alten Sternbrücke weichen musste.  © jip film & verleih

Bei der Weltpremiere saßen viele Menschen, die auf der Leinwand zu sehen sind, mit im Saal. Hornung war deshalb "doppelt aufgeregt", wie er TAG24 verriet.

Nach der Premiere, beim anschließenden Q&A, zeigte sich, wie sehr die Geschichten aus dem Film auch abseits der Leinwand weiterwirken.

Während die Clubs mithilfe der Stadt Unterstützung bei der Suche nach neuen Standorten bekamen, standen andere vor einer wesentlich unsichereren Zukunft. Stefan mit seiner Kfz-Werkstatt zum Beispiel.

Auf die Frage aus dem Publikum, ob er inzwischen etwas Neues gefunden habe, muss Stefan die mitfiebernden Zuschauer enttäuschen. Er arbeitet inzwischen bei seinem Bruder.

Dann kommen ihm die Tränen und aus dem Kinosaal wird für einen Augenblick wieder die Nachbarschaft, von der der Film erzählt. Es wird nicht lange gezögert: Wenn jemand eine Fläche für eine neue Werkstatt kenne, solle er sich beim Filmfest melden.

Am Ende bleibt vor allem das Gefühl eines Ortes, den es so nicht mehr gibt. Ob dieses Gefühl auch außerhalb Hamburgs funktioniert, wird sich ab dem 8. Oktober zeigen. Dann startet "Sternbrücke Forever" bundesweit in den Kinos.

Hornung zeigte sich gegenüber TAG24 zuversichtlich. Der Film sei schließlich auch ein Kinofilm, der die Zuschauer in eine andere Welt und an einen anderen Ort eintauchen lasse.

Beim Filmfest Hamburg hat das bereits funktioniert. Nach dem Abspann gab es Standing Ovations und rührende Worte an die Protagonisten: "Ihr bleibt alle in unseren Herzen. Sternbrücke forever!"

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