"Das Ereignis": Junge Studentin wird plötzlich schwanger, hatte aber angeblich noch nie Sex!

Deutschland - Was für eine Indie-Perle! "Das Ereignis" läuft am 31. März in den deutschen Kinos an und ist ein beeindruckendes Drama rund um das Thema Abtreibung geworden. Die TAG24-Filmkritik.

V. l. n. r.: Brigitte (Louise Orry-Diquero), Helene (Luana Bajrami, 21) und Anne Duchesne (Anamaria Vartolomei, 22) studieren zusammen und sind gut befreundet.
V. l. n. r.: Brigitte (Louise Orry-Diquero), Helene (Luana Bajrami, 21) und Anne Duchesne (Anamaria Vartolomei, 22) studieren zusammen und sind gut befreundet.  © PR/2021 PROKINO Filmverleih GmbH

Im Mittelpunkt steht im Frankreich des Jahres 1963 Anne Duchesne (Anamaria Vartolomei, 22). Die junge Literaturstudentin genießt das Leben mit ihren Kommilitoninnen sowie Freundinnen Helene (Luana Bajrami, 21) und Brigitte (Louise Orry-Diquero), geht gern tanzen und kann Bücher exzellent analysieren.

Bald hat sie jedoch ganz andere Sorgen. Denn als ihre Periode ausbleibt, geht sie zu Dr. Ravinsky (Fabrizio Rongione, 49), der Anne erklärt, dass sie zweifelsohne schwanger sei, obwohl sie abstreitet, jemals Sex gehabt zu haben.

Die junge Dame ist auch deshalb entsetzt, weil ein Baby überhaupt nicht in ihre Lebensplanung passt und sie es unbedingt abtreiben will. Das wäre allerdings illegal, wie Ravinsky ihr klarmacht. Anne und allen, die ihr helfen, würde sogar eine Gefängnisstrafe drohen.

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Trotzdem ist sie wild entschlossen, muss die Sache allerdings vor ihren Eltern und Mitstudierenden geheim halten.

Doch die Zeit drängt und ihre Probleme belasten Anne in allen Lebenslagen...

Deutscher Trailer zu "Das Ereignis" mit Anamaria Vartolomei, Kacey Mottet Klein und Sandrine Bonnaire

"Das Ereignis" ist einer der besten Filme des Jahres 2022!

Anne Duchesne (Anamaria Vartolomei, 22) lässt auch im Studium nach, weil ihre Gedanken fast nur noch um die Abtreibung kreisen.
Anne Duchesne (Anamaria Vartolomei, 22) lässt auch im Studium nach, weil ihre Gedanken fast nur noch um die Abtreibung kreisen.  © PR/2021 PROKINO Filmverleih GmbH

Diese Geschichte beruht auf dem gleichnamigen Buch von Annie Ernaux (81) und wurde von Audrey Diwan (42, Drehbücher zu "Die Macht des Bösen" und "Der Unbestechliche - Mörderisches Marseille") genial umgesetzt. Der französischen Regisseurin ist einer der besten Filme des Jahres gelungen!

Denn "Das Ereignis" geht unter die Haut. Das hängt mit dem großartigen Skript, der tiefgründigen sowie subtilen Machart und der feinfühligen Charakterdarstellung sowie -entwicklung zusammen.

Zudem gelingt es Diwan dank ihrer empathischen und zutiefst menschlichen Herangehensweise schon zu Beginn, emotionale Einstiegspunkte zu setzen. Daher kann man direkt tief in das hochinteressante und aktuelle Geschehen eintauchen.

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Darüber hinaus sorgen die durchdachte Spannungskurve sowie das ausgewogene Erzähltempo dafür, dass die Neugier des Publikums nie erlischt und man immer wissen will, wie es mit Anne weitergeht. Schließlich muss die Hauptfigur gegen viele Widerstände ankämpfen, um überhaupt eine Chance zu haben, ihr Ziel zu erreichen. Da es obendrein um universelle Themen wie Selbstbestimmung, gesellschaftliche Zwänge, Machtstrukturen, Freiheit, Freundschaft und das Entdecken der eigenen Sexualität sowie den Umgang mit ihr geht, ist die Identifikation mit Anne sehr hoch.

Auch das Bewusstsein für den eigenen Körper und das Finden von Lösungen im täglichen Ringen um ein schönes Leben werden behandelt und flüssig in die Storyline eingearbeitet. All das gelingt Diwan scheinbar mühelos und ohne ihre Handlung zu überfrachten.

Französischer Originaltrailer zu "L'Événement" mit Luana Bajrami und Louise Chevillotte

Anamaria Vartolomei begeistert in "Das Ereignis" mit einer fantastischen schauspielerischen Leistung

Anne Duchesne (Anamaria Vartolomei, 22) will ein selbstbestimmtes freies Leben nach ihren Vorstellungen führen.
Anne Duchesne (Anamaria Vartolomei, 22) will ein selbstbestimmtes freies Leben nach ihren Vorstellungen führen.  © PR/2021 PROKINO Filmverleih GmbH

Aufgrund der extrem hohen Qualität erinnert ihr Film an den US-amerikanischen Festivalhit "Niemals selten manchmal immer", der ebenfalls die Hürden rund um eine Abtreibung im Fokus hatte.

Allerdings in der Jetztzeit, wo es in dieser Hinsicht noch immer mehr als genug Verbesserungspotenzial gibt, um Frauen mehr Selbstbestimmung zu ermöglichen.

Deshalb ist das unter anderem in Venedig mit dem Hauptpreis Goldenen Löwen ausgezeichnete französische Drama auch ein hochaktueller und wichtiger Film geworden, der von der starken schauspielerischen Leistung von Vartolomei ("Ein königlicher Tausch") profitiert. Sie tritt mutig auf und verkörpert den verworrenen inneren Zwiespalt ihrer Protagonistin glaubwürdig.

Wenig verwunderlich, dass sie für ihre Performance mehrfach ausgezeichnet wurde. Denn obendrein imponiert die in Bacau (Rumänien) geborene junge Dame mit ihren vielfältigen Darstellungsmöglichkeiten nachhaltig - wie der gesamte Film auch. Dabei sind einige Szenen nur schwer zu ertragen, das sollten Zuschauende, die etwas zarter besaitet sind, vorab wissen. Doch diese Sequenzen sind notwendig, um die Torturen zu verdeutlichen, die Anne durchleiden muss.

Auch abseits der Story weiß das 100 Minuten lange Drama zu überzeugen. Ob Kostüme, Locations, Make-up oder die Frisuren - alles versetzt das Publikum in der Zeit um 59 Jahre zurück. Des Weiteren sind die ruhige Kameraführung, die stimmige Musikuntermalung und besonders die dichte Atmosphäre große Stärken dieses Ausnahmefilms.

Anne Duchesne (Anamaria Vartolomei, 22) geht gerne tanzen.
Anne Duchesne (Anamaria Vartolomei, 22) geht gerne tanzen.  © PR/2021 PROKINO Filmverleih GmbH
Anne Duchesne (Anamaria Vartolomei, 22) erkundet ihren Körper und ihre Sexualität mit der Zeit immer mehr.
Anne Duchesne (Anamaria Vartolomei, 22) erkundet ihren Körper und ihre Sexualität mit der Zeit immer mehr.  © PR/2021 PROKINO Filmverleih GmbH

Zusammengenommen ist "Das Ereignis" ein Meisterwerk geworden, weil die wichtige Geschichte brillant umgesetzt wurde, die schauspielerischen Leistungen mitreißen und man im Nachgang lange über diese Indie-Perle nachdenkt. Sie brennt sich dank der emotionalen Tiefe ins Gedächtnis ein, behandelt gekonnt aktuelle Themen und ist deshalb unbedingt sehenswert!

Titelfoto: PR/2021 PROKINO Filmverleih GmbH

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