Ist "Enfant Terrible" ein Skandalfilm? Schwuler Sex, Drogen und Alkohol ohne Ende!

Deutschland - Hier geht es mal richtig zur Sache! Im deutschen Skandalfilm "Enfant Terrible", der hierzulande am 1. Oktober in den Kinos startet, steht der legendäre Regisseur Rainer Werner Fassbinder im Fokus.

Rainer Werner Fassbinder (Oliver Masucci) ist ein äußerst schwieriger, getriebener Charakter gewesen.
Rainer Werner Fassbinder (Oliver Masucci) ist ein äußerst schwieriger, getriebener Charakter gewesen.  © PR/Bavarian Filmproduktion

Der wird vom Charakterdarsteller Oliver Masucci ("Er ist wieder da", "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl", "Dark") verkörpert. 1967 schließt er sich in München dem Action-Theater an und beginnt mit dem Inszenieren von Stücken.

Dabei machen sich die Darsteller anfangs noch über ihn lustig. 

Schließlich hat er die Schule abgebrochen, fiel bei der staatlichen Schauspielprüfung durch und konnte auch die Aufnahmeprüfung für die Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin nicht erfolgreich absolvieren.

Doch Fassbinder war ein Autodidakt. Er brachte sich die Dinge selbst bei und pfiff dabei auf die gängigen Konventionen. "Das ganze Leben ist ein Risiko", sagt er schon zu Filmbeginn und lebt auch danach. 

Er provoziert ("die Ehe ist verlogen und destruktiv") und beschimpft seine Mitmenschen übel, um sie zu reizen und eine klare Reaktion von ihnen zu bekommen. Beim Dreh war er launisch und schlug auch mal eine Schauspielerin. Dazu rauchte und trank er nahezu durchgehend, nahm alle möglichen Drogen, schlief so gut wie nie, trieb sich als bisexueller Mann in bekannten Schwulen-Discos herum und war ein echter Workaholic. 

Ohne Pause drehte er einen Film nach dem anderen und schwang sich zu einem der wichtigsten Regisseure des Neuen Deutschen Films der 1970er- und Anfang der 1980er-Jahre auf. In "Enfant Terrible" wird nun hinter die Kulissen geblickt und geschaut, wie sich Fassbinder als Mensch verhalten hat ...

Trailer zu "Enfant Terrible" mit Oliver Masucci

"Enfant Terrible" fehlt das Identifikationspotenzial: Film über Fassbinder reißt emotional nicht mit!

Rainer Werner Fassbinder (3.v.r., Oliver Masucci) diskutiert mit seinen Freunden um Barbara "Bärbel" Valentin (r., Désirée Nick).
Rainer Werner Fassbinder (3.v.r., Oliver Masucci) diskutiert mit seinen Freunden um Barbara "Bärbel" Valentin (r., Désirée Nick).  © PR/Bavarian Filmproduktion

Diese Geschichte hat Oscar Roehler ("Jud Süss - Film ohne Gewissen", "Elementarteilchen", "Tod den Hippies - Es lebe der Punk!") durchwachsen umgesetzt. 

Dem preisgekrönten deutschen Regisseur ist einerseits ein interessantes Werk über Fassbinder gelungen, durch das die Zuschauer faszinierende Einblicke in das Leben des legendären Filmschaffenden bekommen.Andererseits reißt es nicht mit, weil man von den Verhaltensweisen der Hauptfigur (stark) abgestoßen wird. 

Deshalb ist das Identifikationspotenzial mit Fassbinder auch dann gering, wenn man versteht, dass er ein getriebenes Genie mit ganz eigenen Charakterzügen war, die hier gut herausgearbeitet werden.

Doch hatte er so gar keine positiven Eigenschaften? 

Diese werden in "Enfant Terrible" jedenfalls nur unzureichend dargestellt. Stattdessen sieht man ihn nahezu durchgehend pöbelnd, rauchend, Drogen nehmend und stolz seinen fetten Bierbauch vor sich hertragend.

Es fällt daher schwer, etwas mit ihm anfangen zu können. Denn er weckt mit seinem Benehmen nahezu ausschließlich negative Gefühle. Ihn zu mögen, ist trotz eines gewissen Charismas ein Ding der Unmöglichkeit. Dafür verletzt er seine Freunde und Mitmenschen zu oft auf grausame Weise.

Teaser zu "Enfant Terrible" mit Oliver Masucci

Oliver Masucci zeigt in "Enfant Terrible" eine brillante Performance

Solch herzliche Momente aus dem Leben von Rainer Werner Fassbinder (l., Oliver Masucci) werden nur ganz selten gezeigt.
Solch herzliche Momente aus dem Leben von Rainer Werner Fassbinder (l., Oliver Masucci) werden nur ganz selten gezeigt.  © PR/Bavarian Filmproduktion

Neben diesen Schwächen ist das größte Problem des eigenwilligen Biopics seine Länge. Roehlers Stil nutzt sich in den 134 Minuten ab, weshalb man anschließend ziemlich ermattet ist, weil man das Gefühl hat, einen mehr als doppelt so langen Film gesehen zu haben. Er verliert die Zuschauer mit dieser Machart unterwegs immer wieder. 

Auch der explosive Mix aus mehreren durchaus gewagten schwulen Sexszenen und den verschiedensten Formen von Drogen, die sinnbildlich für Fassbinders rauschhaftes Leben auf der Überholspur stehen, hilft da wenig, weil sich stilistisch keine Entwicklung feststellen lässt.

Stattdessen ermüdet einen "Enfant Terrible" zusehends. Denn er stellt nichts außergewöhnlich Krasses dar, was andere Skandalfilme nicht schon in ähnlicher oder drastischerer Form gezeigt hätten.

Trotz dieser Ungereimtheiten hat Roehlers Werk auch einige Stärken. Hierbei ist vor allem das groß aufspielende Ensemble zu nennen. Der fantastische Masucci vereinnahmt Fassbinder für sich. Mit seinem extrovertierten und ambivalenten Spiel sorgt er immer wieder für beeindruckende Szenen. 

Dabei unterstützen ihn das exzellente Make-up, die atmosphärische Farbgebung, das intelligente Set-Design sowie die genialen und eindrücklichen Kostüme gekonnt. Seine Verwandlung zu beobachten ist ganz großes Kino! 

Rainer Werner Fassbinder (r., Oliver Masucci) hängt mit Gudrun (Katja Riemann) ab.
Rainer Werner Fassbinder (r., Oliver Masucci) hängt mit Gudrun (Katja Riemann) ab.  © PR/Bavarian Filmproduktion

"Enfant Terrible" ist ein zwiespältiger Film geworden

Rainer Werner Fassbinder (Oliver Masucci) hatte offenbar das Motto: höher, schneller, weiter!
Rainer Werner Fassbinder (Oliver Masucci) hatte offenbar das Motto: höher, schneller, weiter!  © PR/Bavarian Filmproduktion

Auch die Nebendarsteller um Hary Prinz ("Die Toten vom Bodensee") als loyaler Kurt Raab, Katja Riemann ("Fack ju Göhte" 1-3) als liebevolle Gudrun, Erdal Yildiz (Firat Astan in "Tatort") als vielschichtiger El Hedi ben Salem, Michael Klammer ("Wir waren Könige") als zwiegespaltener Günther Kaufmann und Anton Rattinger (Dr. Schwarz in "Babylon Berlin") als gutmütige Britta wissen zu überzeugen.

Dazu gibt es Gastauftritte von Désirée Nick, Wilson Gonzalez Ochsenknecht, Ralf Richter und noch einigen weiteren bekannten Namen. Doch sie alle müssen neben dem trägen Schnitt auch gegen ein Drehbuch ankämpfen, das Zuschauern, die nicht tief in der Materie drinstecken, einige Rätsel aufgibt.

So erfährt man nur wenig über die Ursachen für Fassbinders Verhalten oder das der anderen Protagonisten. Zusätzlich vermisst man auch in vielerlei anderer Hinsicht die Hintergründe. 

Das ist ein weiterer Anlass dafür, dass man den Film distanziert betrachtet. Wer nämlich nicht in dieser Zeit gelebt hat, der wird Schwierigkeiten haben, den Überblick über die vielen Figuren zu behalten, weil auch ihnen der Tiefgang fehlt.

Deshalb ist "Enfant Terrible" ein äußerst zwiespältiger Film mit durchaus skandalösen Themen geworden. 

Auf der einen Seite übt er eine gewisse Faszination aus, wartet mit einem starken Cast auf, bietet detailreiche Locations, eine dynamische Kameraführung und einen interessanten Einblick in Fassbinders Lebens. Andererseits ist er langatmig geraten, ermüdend und reißt emotional nicht mit. Ein schwieriges Werk, das sich hauptsächlich an Fassbinder-Fans und große Cineasten richtet.

Titelfoto: PR/Bavarian Filmproduktion

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