"Gipsy Queen" ist ein knallhartes deutsches Boxdrama!

Deutschland - Heftig! Das deutsche Boxdrama "Gipsy Queen" wählt mal einen etwas anderen Ansatz. In der Hauptrolle steht nämlich eine weibliche Roma, die nach Deutschland geflüchtet ist. Sie versucht, sich und ihre Kinder in Hamburg über Wasser zu halten. Der Film läuft am 25. Juni in den deutschen Kinos (die schon offen sind) an.

Ali (Alina Serban) wurde von ihrer Familie verstoßen und flieht mit ihren zwei Kindern nach Deutschland.
Ali (Alina Serban) wurde von ihrer Familie verstoßen und flieht mit ihren zwei Kindern nach Deutschland.  © PR/Majestic Filmverleih GmbH

Zuerst sieht und hört man Ali (Alina Serban) weinen. Ihre Tochter Esmeralda (Sarah Carcamo Vallejos) will sie trösten, soll sie aber nicht so aufgelöst sehen, weshalb Ali sie entschieden in ihr Zimmer zurückschickt.

Gemeinsam summen sie, wodurch sich Ali wieder etwas beruhigt. Doch woher kommt ihre Panikattacke? Die Roma wurde von ihrer Familie in Rumänien verstoßen, nachdem sie zwei uneheliche Kinder bekommen, sich aber von ihrem Typen getrennt hat.

Ihr Vater wollte nichts mehr mit ihr zu tun haben. Also zog sie als alleinerziehende Mutter nach Hamburg, wo sie sich als Putzfrau durchschlägt. Ihre Vorgesetzte hält ihren Lohn jedoch zurück, bis Ali ihr droht und sich ihr ausstehendes Gehalt nimmt. 

Das Arbeitsverhältnis ist danach beendet. In der Folge muss sie sich mit illegalen Gelegenheitsjobs auf der Straße als Bauarbeiterin durchschlagen. 

Erst als sie in der berühmten St.-Pauli-Szenekneipe "Zur Ritze", die einen eigenen Boxring im Keller hat, aushilft und sie den abgehalfterten Coach Tanne (Tobias Moretti) trifft, entwickeln sich die Dinge zum Positiven. Ali war früher nämlich eine herausragende Boxerin und hat ihre sechs Profikämpfe alle gewonnen. So darf sie bei Tanne trainieren, ergreift diese Chance und macht in der Szene schnell auf sich aufmerksam.

Trailer zu "Gipsy Queen" vom Majestic Filmverleih mit Alina Serban und Tobias Moretti

"Gipsy Queen" ist eine Milieustudie mit feministischem Ansatz und Tiefgang

Tanne (r., Tobias Moretti) erkennt Alis Talent und Kampfeswillen. Er nimmt sie unter seine Fittiche.
Tanne (r., Tobias Moretti) erkennt Alis Talent und Kampfeswillen. Er nimmt sie unter seine Fittiche.  © PR/Majestic Filmverleih GmbH

Diese packende Geschichte hat Regisseur Hüseyin Tabak ("Tatort – Borowski und der Fluch der weißen Möwe") insgesamt gesehen richtig gut umgesetzt.

Ihm ist ein atmosphärisch dichter Genrefilm gelungen, der als tiefschürfendes Boxdrama sowie Milieustudie bestens funktioniert und einen klaren feministischen Ansatz hat.

Ali wird als selbstbewusste junge Frau mit dem Herz am rechten Fleck dargestellt. Sie arbeitet extrem hart, um ihre Miete bezahlen zu können und ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen.

Dennoch hat sie auch Schwächen. Sie tut die Probleme ihrer pubertierenden Tochter ab, weil sie selbst größere Sorgen hat. Dazu setzt sie Esmeralda hinsichtlich ihrer schulischen Leistungen zu sehr unter Druck. Diesen verspürt sie selbst und gibt ihn immer wieder verbissen an ihre Umwelt weiter. 

Genau diese Ambivalenz in der Charakterdarstellung sorgt dafür, dass "Gypsy Queen" hervorragend funktioniert.

Denn Tabak schält all diese Aspekte erstklassig heraus und arbeitet außerdem noch viele weitere kluge Beobachtungen und Details in sein Werk sein. Mit diesem setzt er außerdem ein klares Zeichen für Toleranz und gegen Fremdenfeindlichkeit. 

Ali (Alina Serban) trainiert fleißig für ihr Comeback.
Ali (Alina Serban) trainiert fleißig für ihr Comeback.  © PR/Majestic Filmverleih GmbH

Finaler Boxkampf in "Gipsy Queen" enttäuscht brutal!

Dieser schlecht inszenierte Boxkampf zwischen Ali (l., Alina Serban) und der Weltmeisterin kostet den Film einige Wertungspunkte.
Dieser schlecht inszenierte Boxkampf zwischen Ali (l., Alina Serban) und der Weltmeisterin kostet den Film einige Wertungspunkte.  © PR/Majestic Filmverleih GmbH

Durch all diese positiven Seiten beeindruckt dieser lange Zeit wirklich großartige Film bis kurz vor Schluss - macht sich dann aber ausgerechnet mit dem finalen Boxkampf vieles wieder selbst kaputt.

Dass die Verantwortlichen diese Szenen so gedreht und in den fertigen Film eingearbeitet haben, macht einen fassungslos. Denn die Kampfchoreografie ist leider komplett missraten.

Den Schlägen fehlt auch durch unglückliche Kameraeinstellungen jegliche Dynamik, was die fesselnde Stimmung zunichtemacht. 

Darüber hinaus erkennt man bei nahezu jedem Punch überdeutlich, dass die Schauspieler (natürlich) nicht wirklich zuschlagen. Man bekommt also "Zeitlupenschläge" zu sehen.

Und zwar so offensichtlich, dass einem bei diesem entscheidenden Kampf die Freude komplett vergeht und sich große Enttäuschung breitmacht.

Gerade diejenigen, die diesen Sport selbst ausüben, Boxen im Fernsehen gucken oder Filme wie "Creed II", "The Fighter" oder "Southpaw" gesehen haben, wissen, was heutzutage in dieser Hinsicht möglich ist. Nämlich deutlich mehr als in "Gypsy Queen"! In dieser einen Hinsicht zählt das Drama zu den schwächsten Vertretern dieses Genres, das muss man leider so klar festhalten!

Die verruchten und klasse ausgestatteten Hamburger Locations, hier der Boxring in der Szenekneipe "Zur Ritze", tragen viel zur Atmosphäre von "Gipsy Queen" bei.
Die verruchten und klasse ausgestatteten Hamburger Locations, hier der Boxring in der Szenekneipe "Zur Ritze", tragen viel zur Atmosphäre von "Gipsy Queen" bei.  © PR/Majestic Filmverleih GmbH

Alina Serban und Tobias Moretti überragen in "Gypsy Queen"

Ali (M., Alina Serban) musste von Kindheit an kämpfen. Aufgeben kommt für sie nicht infrage. Hier wird sie von Trainer Tanne (r., Tobias Moretti) gepusht.
Ali (M., Alina Serban) musste von Kindheit an kämpfen. Aufgeben kommt für sie nicht infrage. Hier wird sie von Trainer Tanne (r., Tobias Moretti) gepusht.  © PR/Majestic Filmverleih GmbH

Das hat aber glücklicherweise keinen negativen Einfluss auf die starken schauspielerischen Leistungen. 

Hier tun sich vor allem Serban ("The Last Enemy") und Moretti ("Jud Süss - Film ohne Gewissen", "Das finstere Tal", "Deutschstunde") hervor, die großartig miteinander harmonieren.

Moretti gewann für seine Leistung sogar den österreichischen Filmpreis als bester männlicher Hauptdarsteller. Völlig zu Recht. Denn auch wenn es vor Beginn schwerfällt, sich den Mann mit den strahlend hellblauen Augen als Boxtrainer vorzustellen, so verkörpert er doch auch diese diffizile Rolle überzeugend.

Er und Serban tragen "Gipsy Queen" auch über die ein oder andere kleinere dramaturgische Holprigkeit hinweg und fungieren für das Publikum als erdender Anker, weshalb es auch emotional mit ihnen mitgehen kann.

Dank der verruchten Hamburger Locations, der coolen Hip-Hop-Musikuntermalung, der erstklassigen Kostüme, des mitreißenden Schnitts, durch den die 113 Minuten wie im Flug vergehen und den erwähnten Stärken lohnt sich Tabaks Werk insgesamt auf jeden Fall. 

Dennoch sollte man sich darauf einstellen, dass diesem lange Zeit herausragenden Drama am Ende ein wenig die Puste ausgeht - gerade im letzten Boxkampf.

Titelfoto: PR/Majestic Filmverleih GmbH

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