"In Berlin wächst kein Orangenbaum" mit krassen Knastszenen: "Isch fress' disch auf, Lan!"

Deutschland - Interessantes Gangsterdrama! "In Berlin wächst kein Orangenbaum" startet am 24. September in den deutschen Kinos und überzeugt mit einer interessanten Geschichte.

Nabil Ibrahim (r., Kida Khodr Ramadan) lernt Mike (Frederick Lau) im Gefängnis kennen und schätzen.
Nabil Ibrahim (r., Kida Khodr Ramadan) lernt Mike (Frederick Lau) im Gefängnis kennen und schätzen.  © PR/Tim Rosenbohm / Port au Prince Pictures

In ihr wird Gefängnisinsasse Nabil Ibrahim (Kida Khodr Ramadan) zu Beginn von einer Ärztin untersucht, die ihm sagt, dass er Krebs im Endstadium und deshalb nicht mehr lange zu leben hat.

Sein Anwalt Anselm Stoffenburg (Tom Schilling) eröffnet ihm wenig später die Möglichkeit, in Freiheit zu sterben, wenn er mitmacht und ein Dokument unterschreibt. Daran verschwendet der schweigsame Mann erst einmal keinen Gedanken.

Doch als er sieht, wie Mike (Frederick Lau) im Knast übel von Ali (Burak Yigit) und dessen bedrohlichem Kumpel mitgespielt wird, setzt er sich für den Mann voller Schuldgefühle ein. Ali und dessen Freund wissen aber, dass Nabil bald stirbt und drohen Mike: "Isch fress' disch auf, Lan!"

Den plagen ohnehin schon negative Gedanken, weil seine Familie bei einem Autounfall auf dem Weg zum Knastbesuch bei ihm starb. Deshalb rät er Nabil eindringlich: wenn er jemanden habe, von dem er sich verabschieden wolle, dann solle er das auch tun!

Also unterschreibt Ibrahim das Dokument nach einigem Zögern doch und fährt nach Berlin zu Ivo (Stipe Erceg), der ihn als "Bruder, Legende und Ehrenmann" euphorisch willkommen heißt. Der ehemalige Gangster, der nun ein Import-Export-Laden führt, schuldet Nabil Geld. Der gibt ihm ein paar Tage Zeit, um es aufzutreiben und macht sich dann auf den Weg ins dörfliche Brandenburg.

Dort lebt seine Ex, Cora (Anna Schudt), die nicht gerade begeistert ist, ihn wiederzusehen. Schließlich war er ein Krimineller und saß 14 Jahre wegen eines vermeintlichen Mordes im Gefängnis. Coro will ihre Tochter Juju (Emma Drogunova) eigentlich vor seinen Machenschaften schützen. Doch die aufgeweckte 17-Jährige hat ihre ganz eigenen Vorstellungen und stellt Nabils Leben gehörig auf den Kopf...

Trailer zu "In Berlin wächst kein Orangenbaum" mit Kida Khodr Ramadan und Frederick Lau

Kida Khodr Ramadan liefert mit "In Berlin wächst kein Orangenbaum" ein starkes Regiedebüt ab

Nabil (Kida Khodr Ramadan) macht sich mit der intelligenten und schlagfertigen Juju (Emma Drogunova) auf den Weg nach Berlin.
Nabil (Kida Khodr Ramadan) macht sich mit der intelligenten und schlagfertigen Juju (Emma Drogunova) auf den Weg nach Berlin.  © PR/Tim Rosenbohm / Port au Prince Pictures

Diese vielschichtige Story hat Ramadan bei seinem alleinigen Langspielfilm-Regiedebüt klasse umgesetzt. Der deutsche Kinostar setzt seine eigene künstlerische Vision konsequent um, was auch ein Grund dafür ist, dass man von Beginn an in das Drama abtauchen kann - sofern man diesen ambivalenten Mikrokosmos spannend findet.

Sein Werk richtet sich nämlich bewusst nicht an das Massenpublikum, sondern ist ein kleines feines Knast- und Gangsterdrama mit dem Herz am rechten Fleck geworden. 

Zwar ist die Filmperle nicht gänzlich frei von Schwächen, weil die ein oder andere Wendung ein wenig zu dick aufgetragen wirkt oder nicht ausreichend vorbereitet wurde, doch das ist Meckern auf hohem Niveau. Als störend erweist sich das nur am Rande, wenn überhaupt. 

Denn dank des vielschichtigen Drehbuchs und authentischer Dialoge ist es geerdet und erlaubt den Zuschauern dadurch, mit den Figuren mitzufiebern. Diese werden darüber hinaus gut dargestellt und entwickelt, weshalb es einem leicht fällt, ihre Handlungen nachzuvollziehen und ihre Motive zu verstehen.

Viel davon liegt an Ramadan, bei dem alle Fäden zusammenlaufen. Der in der Hauptstadt lebende Filmschaffende fungierte für sein Projekt nämlich auch als Drehbuchautor, Produzent und spielt zudem noch die Hauptrolle.

Nabil Ibrahim (Kida Khodr Ramadan) saß nach einem vermeintlichen Mord 14 Jahre im Gefängnis. Nun ist er mit Krebs im Endstadium wieder auf freiem Fuß und will alte Rechnungen begleichen.
Nabil Ibrahim (Kida Khodr Ramadan) saß nach einem vermeintlichen Mord 14 Jahre im Gefängnis. Nun ist er mit Krebs im Endstadium wieder auf freiem Fuß und will alte Rechnungen begleichen.  © PR/Tim Rosenbohm / Port au Prince Pictures

"In Berlin wächst kein Orangenbaum" ist ein vielschichtiges Gangsterdrama geworden

Pflichtverteidiger Anselm Stoffenburg (Tom Schilling) rät Nabil (Kida Khodr Ramadan), das Dokument zu unterschreiben und seine letzten Tage bzw. Wochen in Freiheit zu verbringen.
Pflichtverteidiger Anselm Stoffenburg (Tom Schilling) rät Nabil (Kida Khodr Ramadan), das Dokument zu unterschreiben und seine letzten Tage bzw. Wochen in Freiheit zu verbringen.  © PR/Tim Rosenbohm / Port au Prince Pictures

Ramadan hat erkennbar viel Herzblut in sein Werk gesteckt und es gelungen mit einem durchgehend erkennbaren roten Faden umgesetzt. Man kann der Handlung von Anfang bis Ende problemlos folgen, weil sie oberflächlich betrachtet simpel ist: ein schwerkranker Mann will sich mit seiner Familie versöhnen. 

Doch das ist nur die erste Ebene. Darunter arbeitet Ramadan viele universelle Themen in sein Drama ein. Immer wieder entlarvt er mit schlagfertigem Humor Vorurteile (Szene an einem Imbiss in Brandenburg), setzt sich auf interessante eigene Weise mit dem Umgang mit schweren Krankheiten auseinander, plädiert dafür, das Leben zu genießen und sich auf die Dinge zu besinnen, die wirklich wichtig sind.

Darüber hinaus verdeutlicht Ramadan in seinem Film, dass es nie zu spät ist, sich um Menschen, die einem am Herzen liegen, zu bemühen und sich der eigenen Vergangenheit zu stellen und aus ihr für die Zukunft zu lernen. Es gibt noch ein ganzes Füllhorn weiterer Dinge, die der gebürtige Libanese einfließen lässt, ohne sein Projekt zu überfrachten.

Im Gegenteil. Er ist angenehm übersichtlich gehalten und hat einen klaren Fokus, weshalb es Tiefe erreicht. Das gilt besonders für die Figuren. Denn Ramadan, da erkennt man den Schauspieler in ihm, gewährt auch den Nebencharakteren wichtige Szenen, in denen sie bzw. ihre Schauspieler glänzen können.

Großartiges deutsches Schauspielensemble überzeugt in "In Berlin wächst kein Orangenbaum"

Nabil (Kida Khodr Ramadan) bricht immer wieder zusammen und spuckt Blut.
Nabil (Kida Khodr Ramadan) bricht immer wieder zusammen und spuckt Blut.  © PR/Tim Rosenbohm / Port au Prince Pictures

Hier zeigt sich auch, wie gut vernetzt Ramadan in der Filmwelt ist. Ob Lau ("Ummah - Unter Freunden", "4 Blocks", "Betonrausch"), Schilling ("Who Am I - Kein System ist sicher", "Lara", "Werk ohne Autor") oder Sabin Tambrea ("Babylon Berlin") in kleinen Gastrollen, Erceq ("Unknown Identity"), Schudt (Martina Bönisch im "Tatort") oder Raymond Tarabay ("4 Blocks") in Nebenparts oder die flippige Dragunova ("Der Trafikant") in der weiblichen Hauptrolle: Ramadans erstklassiges Ensemble hat sichtlich Spaß bei der Arbeit!

Das gilt auch für die Crew. Hier liefert beispielsweise der herausragende Kameramann Ngo The Chau ("Berlin Falling", "Stereo", "Phantomschmerz") wie gewohnt sehr gute Bilder ab.

Außerdem sind die Locations passend ausgewählt und verleihen dem Geschehen mit ihrem Kontrast aus ländlichem Brandenburg und urbanem Berlin ebenso Glaubwürdigkeit, wie die lässige Deutschrap-Musikuntermalung. Zu guter Letzt muss man auch noch den Schnitt loben, weil die 90 Minuten wie im Flug vergehen.

Deshalb ist "In Berlin wächst kein Orangenbaum" ein interessanter Genrefilm geworden, der zu punkten weiß. Sehenswert!

Titelfoto: PR/Tim Rosenbohm / Port au Prince Pictures

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