"Quo Vadis, Aida?" zeigt auf erschütternde Weise, wie ein grausames Massaker seinen Lauf nahm

Deutschland - Einer der intensivsten und besten Filme des Jahres! "Quo Vadis, Aida?" startet am 5. August in den deutschen Kinos und behandelt den Völkermord von Srebrenica 1995 im Bosnienkrieg. Die TAG24-Filmkritik.

Bis zu 25.000 Flüchtlinge versammelten sich vor den Toren einer ehemaligen Batteriefabrik in Potocari im Osten Bosnien-Herzegowinas. Dort hatten die UN-Blauhelme ihr Quartier aufgeschlagen.
Bis zu 25.000 Flüchtlinge versammelten sich vor den Toren einer ehemaligen Batteriefabrik in Potocari im Osten Bosnien-Herzegowinas. Dort hatten die UN-Blauhelme ihr Quartier aufgeschlagen.  © PR/farbfilm verleih

Zu Beginn ist Aida Selmanagic (Jasna Djuricic) zu sehen, die als Übersetzerin für die UN arbeitet und den Blauhelmen um Colonel Thom Karremans (Johan Heldenbergh) bei der Verständigung mit ihren Landsleuten hilft.

Die Bosniaken bitten die UN um Hilfe, denn die Armee der Republika Srpska unter der Führung des ruchlosen Generals Ratko Mladic (Boris Isakovic) nähert sich Srebrenica nicht nur, sondern durchbricht die Schutzzone und "verwandelt die Stadt in einen riesigen Schlachthof", wie es im Radio heißt.

Karremans erklärt, dass es ein Ultimatum gebe. Würden sich Mladic und seine Leute bis dahin nicht zurückziehen, hätte das einen NATO-Luftschlag zur Folge. Die Jets stünden schon bereit. Diese Aussage überzeugt die Bosniaken allerdings nicht, weil die UN immer viel erzähle, dann aber nichts passiere.

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So sagen sie Karremans und seinen Leuten, dass sie für die kommenden Geschehnisse verantwortlich seien. Und die sind schlichtweg grausam. In Srebrenica herrscht Chaos, die Menschen fliehen verzweifelt und zu Zehntausenden vor die Tore einer früheren Batteriefabrik in Potocari im Osten Bosnien-Herzegowinas, wo die UN stationiert ist. Nachdem die Blauhelme einige Tausend Menschen hereinlassen, sind die Kapazitätsgrenzen erreicht.

Die restlichen Flüchtlinge müssen vor den Zäunen ausharren, während die Armee der Republika Srpska immer näherkommt. Auch Aidas Familie um ihren Mann Nihad (Izudin Bajrovic) und ihre beiden Söhne Hamdija (Boris Ler) sowie Sejo (Dino Bajrovic) haben es nicht nach drinnen geschafft. Doch auch dort sind die Zustände katastrophal. Es gibt keine Toiletten, kein Wasser und kein Essen für die erschöpften und verängstigten Leute.

Deutscher Trailer zu "Quo Vadis, Aida?" von Jasmila Zbanic mit Jasna Djuricic

"Quo Vadis, Aida?" ist ein intensives und ergreifendes Meisterwerk geworden

Colonel Thom Karremans (Johan Heldenbergh, 54, 2.v.r.) und Aida Selmanagic (Jasna Djuricic, 55, 2.v.l.) müssen im Kriegswirrwarr den Überblick behalten.
Colonel Thom Karremans (Johan Heldenbergh, 54, 2.v.r.) und Aida Selmanagic (Jasna Djuricic, 55, 2.v.l.) müssen im Kriegswirrwarr den Überblick behalten.  © PR/farbfilm verleih

Diese ergreifende Geschichte beruht auf dem Buch "Under the UN Flag" von Hasan Nuhanovic (53) und wurde von Jasmila Zbanic (46) überragend umgesetzt. Die bosnische Regisseurin nähert sich der heiklen und brisanten Thematik mit viel Fingerspitzengefühl sowie subtilem Ansatz.

Aufgrund der ausgefeilten Dialoge, des starken Drehbuchs und dessen exzellenter Umsetzung hat sie es überhaupt nicht nötig, viel Gewalt zu zeigen. Ihre Filmperle geht nämlich auch so an die Nieren, weil den Verantwortlichen das Kunststück gelingt, den Zuschauern von Beginn an Zugang zur Story und den Figuren zu ermöglichen. Dadurch kann man direkt tief in dieses erschütternde Werk abtauchen.

Man fiebert auch dank des brillanten Schnitts mit, verfolgt gebannt und zugleich entsetzt, wie eines der schlimmsten Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg nahezu ungehindert seinen Lauf nehmen konnte. Dabei vermeidet es Zbanic klugerweise, die moralische Keule zu schwingen, sondern hält sich an die geschichtlichen Fakten, verdichtet diese und leistet bei der Charakterdarstellung sowie -entwicklung großartige Arbeit.

So vielen verschiedenen Personen Substanz sowie Motive zu spendieren und deren Beweggründe herauszuarbeiten, das gelingt auf diesem Top-Niveau nur wenigen - Hut ab! Ob Blauhelme, Aida und ihre Familie, Mladic und seine Gefolgsleute, hier wird niemand nur als Monster oder Opfer dargestellt, sondern mit deutlich mehr Facetten.

Originaltrailer mit deutschen Untertiteln zu "Quo Vadis, Aida?"

"Quo Vadis, Aida?" ist ein extrem spannendes und hochklassiges Anti-Kriegsdrama geworden

Der berüchtigte serbische General Ratko Mladic (Boris Isakovic, 54, v.) treibt seine barbarischen Pläne im Geheimen voran.
Der berüchtigte serbische General Ratko Mladic (Boris Isakovic, 54, v.) treibt seine barbarischen Pläne im Geheimen voran.  © PR/Condor Distribution

Mladic wird beispielsweise mehrfach dabei gezeigt, wie er sich vor der Kamera großherzig und gütig inszeniert, obwohl er kalt berechnend längst ganz andere Pläne hat.

Vor allem aber die Hauptfigur macht den Einstieg in dieses meisterliche Drama leicht. Denn Aidas Motive sind universell. Sie will einfach nur ihre Familie in Sicherheit bringen und fleht die niederländischen UN-Soldaten teilweise auf Knien an, ihre Angehörigen zu verstecken.

Ihren Einsatz für ihre geliebten Verwandten, aber auch ihre Machtlosigkeit gegen die Mühlen des Krieges fängt der Film grandios ein. Er gibt einem durchweg das Gefühl, mittendrin zu sein und geht dabei sogar noch schonend vor, weil er die Kriegsgräuel oft nicht zeigt, sondern nur andeutet.

Das ist allerdings schrecklich genug. In den leeren Gesichtern der Statisten, die die Flüchtlinge mimen, ist die Müdigkeit nach so vielen Jahren des Kampfes deutlich zu sehen. Ebenso, was sie schon alles erlebt haben und ihre Sorgen. Schließlich wissen sie nicht, ob sie den nächsten Tag überhaupt überleben. Ob Frauen, Kinder, alte Menschen oder auch Männer: Sie alle werden durch die anrückende Armee in die Enge getrieben und sind auf deren Gnade angewiesen. Nicht nur in diesen Sequenzen muss man auch das Szenebild, Make-up, die Frisuren und die Kostüme loben, die viel zur dichten Atmosphäre beitragen.

All das fängt die österreichische Kamerafrau Christine A. Maier (52, "Satte Farben vor Schwarz") mit ruhigen, bedrückenden Aufnahmen ein. Auch die hervorragend ausgesuchten, stimmig in Szene gesetzten Locations und die fantastische Musikuntermalung vom polnischen Komponisten Antoni Lazarkiewicz (41, "Die Spur"), der momentan in Berlin lebt, tragen viel zum Gelingen des Films bei.

Major Franken (Raymond Thiry, 61, r.) weigert sich erst, bewaffnete Soldaten der Armee der Republika Srpska auf den UN-Stützpunkt zu lassen, weil das gegen die Regeln verstößt. Obwohl er protestiert, beugt er sich schließlich dem Befehl von Karremans.
Major Franken (Raymond Thiry, 61, r.) weigert sich erst, bewaffnete Soldaten der Armee der Republika Srpska auf den UN-Stützpunkt zu lassen, weil das gegen die Regeln verstößt. Obwohl er protestiert, beugt er sich schließlich dem Befehl von Karremans.  © PR/farbfilm verleih

Jansa Djuricic, Johan Heldenbergh und Boris Isakovic zeigen imponierende Leistungen

Hamdija Selmanagic (Boris Ler, 36, 2.v.r.) und sein Vater Nihad (Izudin Bajrovic, 58) versuchen, auf den UN-Stützpunkt vorzudringen, was von den Blauhelmen verhindert wird.
Hamdija Selmanagic (Boris Ler, 36, 2.v.r.) und sein Vater Nihad (Izudin Bajrovic, 58) versuchen, auf den UN-Stützpunkt vorzudringen, was von den Blauhelmen verhindert wird.  © PR/farbfilm verleih

Entscheidenden Anteil an der hohen Qualität haben auch die Schauspieler. Ausgerechnet die Serbin Djuricic (55, "Circles") begeistert in ihrer tragenden Rolle und hat die Seele ihrer innerlich zerrissenen Protagonistin bis ins kleinste Detail erfasst. Mit welcher Kraft und Ausdrucksstärke sie das Publikum mitreißt, ist beeindruckend.

An ihrer Seite überzeugen besonders der niederländische Schauspielstar Heldenbergh (54, "The Broken Circle", "Die Frau des Zoodirektors", "Das brandneue Testament") und der international anerkannte serbische Darsteller Isakovic (54, "Vater - Otac", "Last Christmas", "Klopka - Die Falle").

Aufgrund dieser Qualität ist es fast schon bedauerlich, dass "Der Rausch" den "Oscar" als bester fremdsprachiger Film gewann und "Minari - Wo wir Wurzeln schlagen" den "Golden Globe" in derselben Kategorie.

"Quo Vadis, Aida?" hätte beide Preise aufgrund der emotionalen Wucht, zutiefst bewegenden Handlung und Themenvielfalt allemal verdient gehabt.

Denn obwohl er viele wichtige Dinge einarbeitet und abarbeitet, ist er zu keinem Zeitpunkt auch nur ansatzweise überfrachtet. Stattdessen behält man als Zuschauer trotz der chaotischen Kriegszustände immer den Überblick. Dieses Drama ist einfach ganz, ganz großes Kino und bleibt noch lange im Gedächtnis!

Titelfoto: PR/farbfilm verleih

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