"She Said": Harvey Weinstein - der Lügner, der Erpresser, der Vergewaltiger

Deutschland - Es ist der Anfang vom Ende für Harvey Weinstein (70)! "She Said" kommt am 8. Dezember in die Kinos. Darin decken zwei Journalistinnen die Schandtaten des früheren Hollywood-Moguls auf. Das Drama der deutschen Regisseurin Maria Schrader (57) besticht durch seine gekonnte Abgrenzung (und Vermengung!) von Sachlichkeit und Emotionalität. Die TAG24-Filmkritik.

Seit Ende der 70er missbrauchte Harvey Weinstein (70) junge Schauspielerinnen. Erst 2017 wurde er gestoppt.
Seit Ende der 70er missbrauchte Harvey Weinstein (70) junge Schauspielerinnen. Erst 2017 wurde er gestoppt.  © Fotomontage: dpa/Seth Wenig, Universal Studios

2017 - Harvey Weinstein ist immer noch einer der einflussreichsten Männer in Hollywood. Doch eines Tages erhält "New York Times"-Journalistin Jodi Kantor (Zoe Kazan, 39) einen Tipp, der das Machtgefüge der Traumfabrik für immer umstürzen könnte.

Weinstein soll Schauspielerin Rose McGowan missbraucht haben, als sie erst 23 Jahre alt war. Kantors Recherche trägt schnell Früchte. Auch Ashley Judd und Gwyneth Paltrow (beide spielen sich im Film selbst) erzählen ihr von quälenden Erlebnissen mit dem Produzenten. Doch genau wie McGowan wollen sie in einem möglichen Enthüllungsartikel nicht namentlich genannt werden.

Kantor gibt nicht auf. Gemeinsam mit Investigativ-Spezialisten Megan Twohey (Carey Mulligan, 37) dringt sie noch tiefer in die Abgründe Hollywoods vor.

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Weinstein scheint nur die Spitze des Eisbergs - wie konnte er jahrzehntelang ohne jegliche Konsequenzen weitermachen? Die beiden Journalistinnen scheinen immer wieder in Sackgassen zu landen. Viele Frauen sind an Verschwiegenheitsklauseln gebunden und haben Angst, gegen den "Miramax"-Gründer auszupacken.

Schließlich beginnt Weinstein auch noch, sich gegen die Recherche zur Wehr zu setzen....

Der Trailer zu "She Said", dem Film über das Ende von Harvey Weinstein

Maria Schrader erobert Hollywood

Zoe Kazan (39, l.) und Carey Mulligan (37) mimen in "She Said" die Journalistinnen Jodi Kantor und Megan Twohey.
Zoe Kazan (39, l.) und Carey Mulligan (37) mimen in "She Said" die Journalistinnen Jodi Kantor und Megan Twohey.  © Universal Studios

Mit ihrer ersten Hollywood-Produktion gelingt Maria Schrader ("Vor der Morgenröte", "Unorthodox") sofort der große Wurf. Nachdem sie dem deutschen Feuilleton längst als feinfühlige Filmemacherin bekannt war, erreichte sie durch ihre Arbeit mit Netflix und an dem diesjährigen deutschen Oscar-Kandidaten ("Ich bin dein Mensch") auch erste internationale Anerkennung - und den Job als Regisseurin für "She said".

Für ihre Hollywood-Karriere dürft es erst der Anfang gewesen sein. Denn das Weinstein-Drama überzeugt in fast jeder Hinsicht. Der Film beruht auf einem gleichnamigen Sachbuch von Kantor und Twohey, eben jenen Journalistinnen, die auch in der Verfilmung die Hauptfiguren sind.

Mit der Umsetzung fürs Kino ist Schrader eine Lobeshymne auf den (Investigativ-) Journalismus gelungen. Besonders in rechtlich undurchsichtigen, komplizierten Fällen, braucht es manchmal mutige Recherche, wie die von Kantor und Twohey.

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Dabei zeigt "She Said", wie gute journalistische Arbeit funktioniert und das es dafür nun mal beides braucht: Sachlichkeit und Emotionalität.

"She Said" und das Problem der wahren Begebenheit

Kantor und Twohey versuchen alles, um Weinsteins Machenschaften aufzudecken.
Kantor und Twohey versuchen alles, um Weinsteins Machenschaften aufzudecken.  © Universal Studios

Kantor und Twohey legen ein gesundes Maß an Distanz und Objektivität an den Tag, nur so werden sie von dem Sachverhalt nicht endgültig überwältigt und gelangen nicht zu unsachlichen, voreiligen Schlüssen.

Gleichzeitig hilft ihr emotionaler Zugang zu der Causa, mit den Opfern Weinsteins ins Gespräch zu kommen und die Bedeutung ihrer eigenen Arbeit zu begreifen. Kazan ("The Big Sick") und Mulligan ("Promising Young Woman") haben ihre Aufgabe genau verstanden und transportieren die Gefühle der Journalistinnen eindrucksvoll auf die Leinwand.

Jeder der "She Said" sieht, versteht, warum #MeToo so wichtig war. Das Drama leistet einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung, hat dabei aber ein dem Thema geschuldetes Problem.

Der Film weiß der Geschichte keine spektakulären cinematografischen Kniffe mitzugeben. Wie kann man mit so einem äußerst brisanten Thema umgehen, dabei sachlich und nah an der Wahrheit bleiben und trotzdem nicht zu sehr in das Dokumentarische verfallen?

Die Möglichkeiten sind begrenzt. "She Said" setzt dabei in erster Linie auf Rückblenden, harte Schnitte und Einblicke in das Privatleben von Kantor und Twohey.

Die Redaktion der "New York Times" im erhitzten Gespräch mit Weinstein.
Die Redaktion der "New York Times" im erhitzten Gespräch mit Weinstein.  © Universal Studios

Doch wer den Film schaut, dürfte in der Regel auch nichts anderes erwarten. Es geht darum, noch einmal aufgearbeitet zu bekommen, wie Weinstein zu Fall gebracht wurde und warum sein Sturz so wichtig war.

"She Said" ist auch eine Erinnerung daran, dass die Arbeit noch lange nicht getan ist. Derartige Strukturen existieren bis heute, höchstwahrscheinlich auch in Hollywood.

Gepaart mit dem bestechenden Cast, der unaufgeregt aufgeregten Regiearbeit und dem subtilen Soundtrack, ist die brisante Story von "She Said" einen Gang ins Kino auf jeden Fall wert.

Titelfoto: Fotomontage: dpa/Seth Wenig, Universal Studios

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