Jim E. Brown live in Berlin: Meisterhafter als Morrissey
Berlin - Wenn der Pop-Veteran Morrissey (66) seine eigene Parodie geschrieben hätte, dann hat Jim E. Brown sie konsequent zu Ende gedacht: Am Samstag gab der ewig 19-Jährige sein allererstes und ausverkauftes Berlin-Konzert im Kreuzberger Privatclub. Ein Auftritt zwischen Bifi, Bier und Botulismus.
Jim E. Brown wurde nach eigenen Angaben in Manchester am 10. September 2001, einen Tag vor dem Terror-Anschlag auf das World Trade Center, geboren.
Er tritt mit der Selbstbeschreibung eines fettleibigen, alkoholkranken Popstars aus Manchester auf, der an degenerativen Erkrankungen leidet. Das ist, natürlich, eine Räuberpistole: Das Netz vergisst nicht, was ein junger Mann aus Philadelphia mit Vorliebe für Gitarren-Effektgeräte vor Äonen auf YouTube veröffentlichte. Allerdings wirkt die Bühnenfigur so irritierend wie glaubwürdig, dass Wahrheit und Fiktion verschmelzen.
Mit seinen skurrilen, fleischbetonten Essensbewertungen auf Instagram nimmt Brown Foodies aufs Korn, seine Followerzahlen gehen durch die Decke und machen ihn zur Internet-Sensation. Doch er ist weitaus mehr als das.
Schon vor dem ersten Song wird klar, dass es bei dem Konzert nicht um klassische Live-Musik geht. Brown steht am Mikrofon, murmelt, stellt sich wiederholt mit seinem Running Gag "My name is Jim E. Brown" vor.
Textlich bewegt sich das Konzert konsequent im Terrain von Hoffnungslosigkeit und Alltagsmisere. Mit seinen lustig-tragischen Hits "I'm Quitting Prozac to Continue Drinking", "I'm Naked in my Room Huffing Nitrous Balloons" und "I Know I'm Going to Die of A Stroke" holt Brown das junge und gemischte Publikum direkt ab. Brown beobachtet den Alltag genau, überzeichnet ihn aber und ringt ihm groteske Seiten ab.
Musikalisch bleibt alles reduziert: Drum-Loops, einfache Synth-Flächen, gelegentlich eine Gitarre. Stilistisch bewegt sich das Ganze irgendwo im Fahrwasser von 80er-Indie-Pop mit klaren Anklängen an Bands wie Cocteau Twins oder The Cranberries.
Jim E. Brown gibt Zusatzkonzert in Berlin
Deutlich ist ferner die direkte Anspielung auf den Frontmann von The Fall, Mark E. Smith (1957 - 2018). In einem Video zu einem Bifi-Test trägt Brown auch ein Shirt der Band.
Zwischen den Songs dominieren Browns, der das Morrissey-Konzert in Frankfurt am Main im Februar 2026 besuchte, lakonisch-missmutige Publikumsansprachen. Er fragt in den Saal, ob er weiterspielen oder "einfach abhauen" solle, bittet um Bier und preist seine Bücher an, die an diesem Abend gar nicht zum Verkauf stehen.
Wenig helle, dafür betrunkene Zwischenrufe stören das Konzert, wenn auch nur für einen Moment. Es ist aber die normative Kraft des Faktischen, dass die Show auch Leute anzieht, die am besten mit Browns Song "I'm a worm" beschrieben werden können.
Irgendwie passt es aber auch in das Gesamtbild, denn unterm Strich ist ein Auftritt von Jim E. Brown nie ganz ernst gemeint. Genau darin liegt seine eigentliche Stärke: sich der Eindeutigkeit verweigern.
Am Ostersonntag tritt Brown in der 8MM Bar in Berlin-Prenzlauer Berg auf. Zehn Karten gibt es noch für das Zusatzkonzert.
Titelfoto: Denis Zielke/TAG24 (Bildmontage)

