Dresdnerin Hang fühlt sich nicht deutsch und nicht vietnamesisch: "Das war ein Zuhause, aber auch Druck"
Dresden - Hang (33) ist als Tochter vietnamesischer Vertragsarbeiter in Dresden geboren und aufgewachsen, fühlt sich hier zu Hause. Trotzdem wusste sie lange nicht, ob sie sich als (Ost-)Deutsche oder als Vietnamesin fühlt und hat viele Jahre gebraucht, es herauszufinden.
Für die 33-Jährige ist Sachsens Hauptstadt Heimat. Ob sie sich ostdeutsch fühlt, kann sie nicht so recht sagen - ihre Freunde haben dazu aber eine klare Meinung: "Ich finde an Hang ihren Dialekt ostdeutsch", sagt Franz in der ZDF-Doku "37 Grad Leben" schmunzelnd.
"Ich fühle mich auf jeden Fall dresdnerisch", sagt die Lehrerin für Englisch und Französisch selbst. Doch das war wohl nicht immer so. "Dieses nicht klar wissen, wer ich bin, war schon so, als ich vier war." Bereits im Kindergarten habe sie gemerkt, dass sie anders aussah als andere, anders sprach.
Hangs Eltern kamen 1987 als Vertragsarbeiter aus Vietnam in die DDR, arbeiteten in einer Schuhfabrik in Radebeul. Beide haben den Krieg in ihrem Heimatland miterlebt, beide wollten sich in Dresden ein sicheres Leben aufbauen.
Obwohl sie 1992 hier zur Welt kam, habe sich Hang immer in einer Art Schwebezustand befunden zwischen Deutsch- und Vietnamesischsein - oder vielleicht auch beidem. Dieses Gefühl sei für sie lange unerträglich gewesen, weil sie sich weder abgrenzen noch richtig dazugehörig fühlen konnte.
Sie hatte deutsche Freunde, gehörte aber auch zur vietnamesischen Gemeinschaft. Dort galten Werte wie "ein Mädchen ist immer hübsch, nett, hörig." Sie teilten Kultur und Tradition, aber: "Das war ein Zuhause, aber auch Druck", beschreibt sie die Situation damals.
"37 Grad" (ZDF): Hang und ihre Eltern hatten verschiedene Vorstellungen vom Leben
Hangs Eltern erwarteten von ihren Kindern, besser zu sein als die Deutschen, weil sie das Gefühl hatten, besonders unter Beobachtung zu stehen. Doch irgendwann wurde der jungen Frau das zu viel.
Sie wollte für sich herausfinden, wer sie ist oder sein will, was sie möchte. "Ich sah vietnamesisch aus, aber ich hab mich schon sehr deutsch gefühlt, war auf Partys mit meinen Freunden, hab Indie-Musik gehört und keinen vietnamesischen Pop", erzählt sie.
Und so zog sie bereits mit 21 Jahren aus, womit ihre Mutter gar nicht einverstanden war. "Ich bin feiern gegangen. Meine Familie dachte kurz, mein Leben würde auseinanderfallen."
Diese "Überlebensangst" ihrer Eltern sieht sie heute in deren Erfahrung mit dem Krieg in Vietnam begründet. Auch sie selbst habe immer ein wenig das Gefühl gehabt, sich nach allen Seiten absichern zu müssen.
Heute, da sie auch ein Stück weit auf den Spuren ihrer Eltern wandelt, fühlt sie sich sicherer. "Ich bin dankbar, dass meine Eltern entschieden haben nach Deutschland zu kommen, wo ich als Mensch mich auch gefördert sehe und natürlich auch das Gefühl von einer Entscheidungsfreiheit habe", zieht die 33-Jährige ein Resümee.
Die ganze Folge "37 Grad Leben: Being ostdeutsch" läuft am Sonntagmorgen ab 9.03 Uhr im ZDF oder schon jetzt im Stream in der Mediathek.
Titelfoto: ZDF/Moritz Bauer

