Eine ganze Region zittert: Was wird aus Zwickau, wenn das VW-Werk stirbt?
Zwickau - Noch rollen in Zwickau-Mosel Elektroautos von den Bändern. Noch kommen morgens Hunderte Beschäftigte durch die Werkstore. Doch seit wenigen Tagen schwebt über allem eine Frage, die in Zwickau jahrzehntelang kaum jemand ernsthaft zu stellen wagte: Was passiert mit dieser Stadt, wenn Volkswagen nicht mehr da ist?
Die Nachricht schlug am Dienstagabend ein wie eine Bombe. Nach Medienberichten erwägt der VW-Vorstand, die Fahrzeugproduktion in Zwickau 2031 auslaufen zu lassen. Ausgerechnet dort, wo der Konzern Milliarden in die Elektromobilität investierte und Zwickau zum Vorzeigewerk der neuen VW-Welt machte.
Der Erste, der nach dem Paukenschlag öffentlich Worte fand, war der Landrat vom Landkreis Zwickau, Carsten Michaelis (53, CDU). Dabei musste auch er die Nachricht erst einmal verdauen.
"Ich habe wirklich ein bisschen gewartet und durchgeatmet", sagt Michaelis über den Moment, als ihm der Bericht zugeschickt wurde. Zunächst habe er sich sogar gefragt, ob die Meldung überhaupt stimmt. Denn nur wenige Tage zuvor war VW-Konzernchef Oliver Blume (58) in Zwickau gewesen.
Die Botschaft: Konkrete Pläne für eine Schließung des Standortes gebe es nicht. Michaelis sagt, diese Widersprüchlichkeit habe ihm "die Augen geöffnet". Sein Eindruck ist bitter: "Welches Theater oder welche Choreografie wird dort dargeboten und abgespielt?"
Zwickaus OB Constance Arndt (49, BfZ) steckt der Kloß immer noch im Hals. Sie wolle sich aktuell nicht äußern, sei aber nächste Woche vor Ort in Wolfsburg, lässt sie über das städtische Pressebüro ausrichten.
Betriebsrats-Chef: "Sind in Zwickau seit rund zwei Jahren mit Zukunftsängsten konfrontiert"
Die Unsicherheit jedenfalls ist längst in den Werkshallen angekommen. VW-Sachsens Betriebsrats-Chef Mike Rösler (43) sagt: "Wir sind in Zwickau und in der gesamten Region mittlerweile seit rund zwei Jahren mit Zukunftsängsten konfrontiert."
Es gehe längst nicht mehr allein darum, ob Papa oder Mama in ein paar Jahren noch bei VW arbeiten. "Viele Kolleginnen und Kollegen sorgen sich auch um die Perspektiven ihrer Kinder und Enkel."
Auch bei der Zwickauer Arbeitsagentur dürften die Szenarien längst auf dem Tisch liegen. Doch Behördenchef Andreas Fleischer (60) hält sich mit Prognosen zurück. Zu einzelnen Arbeitgebern äußere man sich grundsätzlich nicht.
Nur so viel: "Wir verfügen über langjährige Erfahrung, Veränderungsprozesse zu begleiten." Doch: Von Betroffenen sei "Flexibilität hinsichtlich der Konditionen" gefragt.
Heißt übersetzt: Wer jahrelang VW-Tarif gewohnt ist, müsse bei einem neuen Arbeitgeber häufig Abstriche machen.
Autozulieferer reagiert zurückhaltend
Wie schnell das Problem vor den Werkstoren weiterwandert, zeigt sich knapp 20 Kilometer entfernt. In Meerane produziert der Autozulieferer Adient (470 Mitarbeiter) Sitzsysteme für das nahe gelegene Elektroauto-Werk.
Sprecherin Annika Wiertz reagiert zurückhaltend: "Zum jetzigen Zeitpunkt liegen uns jedoch keine Informationen vor, die über die öffentlich bekannten Angaben hinausgehen."
Deshalb wolle Adient über mögliche Folgen für Meerane nicht spekulieren. Doch man werde die Situation "weiterhin aufmerksam" beobachten.
Noch steht in Mosel Volkswagen dran. Aber wie lange noch? In Zwickau geht die Angst um.
Was sagen Zwickauer zur VW-Hängepartie?
Diego Wünsch (22, Zigarrenhändler "Maethe"): "Wir merken schon jetzt, dass die Kunden weniger ausgeben. Wenn VW zumacht, könnten viele Menschen Zwickau verlassen. Unser Geschäft hat aber auch schon zwei Weltkriege überstanden. Wir werden das spüren, aber nicht zusammenbrechen."
Silvia Grimm (70, Rentnerin): "Ich finde es sehr traurig, dass es so weit gekommen ist. Schlimm, dass sich der Vorstand nicht öffentlich stellt. Einfach beschämend."
Uwe Gärtner (55, Schlosser): "Ich habe noch Hoffnung, dass es bei VW weitergeht. Die Nachricht hat mich nicht gleich verrückt gemacht. Und selbst wenn VW geht, könnte ein anderer das Werk übernehmen oder die Fabrik anderweitig nutzen."
Andreas Streit (64, Juwelier): "Mir tut es sehr leid für die Mitarbeiter. Vieles halte ich dort für hausgemacht. Für unser Geschäft befürchte ich keine dramatischen Folgen. Viele VW-Mitarbeiter haben Haus und Auto zu finanzieren und deshalb ohnehin hohe Kosten."
Welche Meinung TAG24-Reporter Raik Bartnik zur VW-Hängepartie hat, lest Ihr im Artikel "Kommentar zur VW-Hängepartie in Zwickau: Es braucht Klarheit!".
Titelfoto: Bildmontage: Jan Woitas/dpa, Kristin Schmidt (4)

