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Darum ist die jüdische Ärztin Vera Kosova in der AfD

Vera Kosova im TAG24-Interview: "Sobald Juden sich in der Öffentlichkeit zu erkennen geben, gibt es Probleme"

Die Gründung der Vereinigung der Juden in der AfD sorgte für Aufsehen. Wir haben mit der Vorsitzenden Vera Kosova gesprochen.

Von Patrick Hyslop

Stuttgart - Seit etwas über einem Jahr gibt es die Vereinigung der Juden in der AfD (JAfD). Insbesondere der Zentralrat der Juden zeigte sich angesichts der Gründung schockiert. Wir haben mit Vera Kosova (37) gesprochen. Die Ärztin ist Vorsitzende der JAfD.

Vera Kosova ist Vorsitzende der Vereinigung JAfD.

TAG24: Frau Kosova, der Zentralrat der Juden schrieb, die AfD sei "eine Gefahr für jüdisches Leben in Deutschland" und "eine Partei, in der Judenhass und die Relativierung bis zur Leugnung der Schoa ein Zuhause haben". Warum sind Sie dennoch in der Partei?

Vera Kosova: Weil diese Vorwürfe haltlos sind. Mir fehlt da die differenzierte Auseinandersetzung des Zentralrats mit uns und unserer Partei.

Nach unserer Gründung habe ich (der früheren Präsidentin des Zentralrats, Anm. d. Red.) Charlotte Knobloch ein Gespräch angeboten. Sie schloss das aus mit der Begründung, dass sie uns dadurch nicht legitimieren wolle.

Es hat mich enttäuscht, dass man gar nicht wissen wollte, für was wir stehen. Für mich war das ein Zeichen, dass diese Menschen den offenen demokratischen Diskurs ablehnen.

TAG24: Gab es je ein Gespräch mit dem amtierenden Präsidenten des Zahlrats, Josef Schuster?

Vera Kosova: Das gab es nicht. Ich rechne da aber auch mit der gleichen Ablehnung.

TAG24: Nach dem antisemtischen Anschlag von Halle mit zwei Toten hieß es, die AfD trage eine Mitschuld. Etwa weil sie den Ton gesellschaftlicher Debatten in Deutschland verschärfe, auch von geistigen Brandstiftern war die Rede. Sie bezeichnen die AfD als "einzige Hoffnung für uns jüdische Deutsche". Weshalb?

Vera Kosova: Die Antisemitismus-Debatte führen wir nicht ehrlich. Wenn Sie sich die Polizeiliche Kriminalstatistik zu dem Thema anschauen, dann besagt diese, dass die meisten Straftäter aus dem rechten Spektrum kommen.

Es gibt jedoch eine Studie der Uni Bielefeld aus dem Jahr 2017. In dieser wurden direkt Juden in Deutschland danach befragt, wer sie angreift. Diese Umfrage ergab ein anderes Bild: Die meisten Übergriffe passieren demnach durch Muslime.

Von der AfD verspreche ich mir nun, dass Zahlen und Fakten so genannt werden, wie sie sind. Das man sagt: 'So ist die Realität. Auch wenn sie nicht schön ist. Und das sind die Probleme.' Und wenn wir sehen, dass der Antisemitismus zunimmt, dann müssen wir uns überlegen, was wir dagegen unternehmen können.

Wie steht Björn Höcke zum Grundsatzprogramm der AfD?

Björn Höcke, Gesicht des rechtsnationalen Flügels der AfD.

TAG24: Antisemitismus und Gewalt gegen Juden nehmen zu in Europa. Wie nehmen Sie das wahr? Und was hören Sie aus der Community?

Vera Kosova: Bei einer Bevölkerung von 82 Millionen sind wir in Deutschland gerade einmal rund 100.000 Juden. Ein winziger Teil der Gesellschaft also. Und nicht jeder davon ist gleich als Jude zu erkennen. Was wir aber erleben: Sobald Juden sich in der Öffentlichkeit zu erkennen geben, gibt es Probleme.

Jüngster Fall war ein jüdischer Fitnessstudio-Besucher in Freiburg der angegriffen wurde, weil er die Kippa (traditionelle jüdische Kopfbedeckung, Anm. d. Red.) trug. Das ist besorgniserregend. Und von solchen Zwischenfällen alleine in diesem Jahr wimmelt es. Aus Berlin gibt es ja nahezu wöchentlich Meldungen.

Sowas zwingt uns dann natürlich dazu, in der Öffentlichkeit vorsichtiger zu sein. Dann verzichtet man etwa auf die Kippa oder einen Davidstern.

TAG24: In der AfD gewinnt der rechtsnationale Flügel unter Björn Höcke an Stärke. Höcke sprach einst davon, dass er mit dem Begriff "christlich-jüdisches Abendland" nichts anfangen könne - und dass Christentum und Judentum einen Gegensatz darstellten. Wenn so jemand in ihrer Partei an Macht gewinnt, was geht da in Ihnen vor?

Vera Kosova: Unsere Partei steht zur christlich-jüdischen Tradition, das ist auch in unserem Grundsatzprogramm verankert. Es gibt ja auch die Vereinigung der Christen in der AfD. Wir arbeiten eng zusammen und tauschen uns aus.

Es ist schade, dass Höcke zu dieser Einschätzung kommt, dass er nicht diese Verbindung sieht. Die Mehrheit der Partei tut dies aber sehr wohl. Da muss man wohl eher fragen, wie er zu unserem Grundsatzprogramm steht.

Wobei ich aber auch ehrlicherweise sagen muss: Gibt es überhaupt ein Grundsatzprogramm, mit dem man sich zu hundert Prozent identifizieren kann?

Jüdisches Leben hinterm Sicherheitszaun

Halle am 9. Oktober: Polizisten sichern an der Mauer zur Synagoge die Umgebung, auf der Straße liegt abgedeckt eines der Opfer.

TAG24: In Deutschland kommt es immer wieder zu antisemitischen Übergriffen im Alltag. Den attackierten Studenten aus Freiburg hatten Sie bereits angesprochen. In München wurden ein Rabbiner und seine Söhne vor einer Synagoge bespuckt. In Berlin wurde ein Diskobesucher geschlagen, weil er hebräisch sprach. Was muss getan werden, um Juden in Deutschland zu schützen?

Vera Kosova: Alleine schon das Phänomen, dass jüdische Einrichtungen hinter einem Sicherheitszaun existieren in Deutschland - und das nicht erst, seitdem es die AfD gibt - macht fassungslos. Wenn ich eine Synagoge besuchen will, dann gibt es da Security vor der Tür. Und im schlimmsten Fall noch Polizeischutz.

Und wenn ich kurzentschlossen in eine Synagoge möchte, so wie Christen einfach spontan in eine Kirche gehen, dann wird es schwierig. Ich war etwa in Frankfurt zu Besuch, wollte dort spontan ins Gotteshaus. Ohne Termin ging das nicht.

Da muss ich fragen: Wie viel Freiheit haben wir Juden in Deutschland bei der Ausübung unserer Religionsfreiheit?

TAG24: Da klingt überdeutlich die Sehnsucht nach Normalität heraus. Ist Ihnen angesichts dieser Hürden im Alltag schon mal der Gedanke gekommen, die Bundesrepublik zu verlassen?

Vera Kosova: Für mich persönlich nicht, ich lebe seit 20 Jahren in Deutschland. Ich bin mit 15 hierher gekommen, für mich ist das meine neue Heimat. Aber ich habe zwei kleine Kinder und natürlich frage ich mich da, wie soll es weitergehen? Wie wird das Land in 20 oder 40 Jahren aussehen?

Sehen Sie: Ich möchte einfach frei durch die Stadt laufen können, mit Davidstern am Hals. Ich möchte, dass mein Kind eine Kippa tragen kann.

Aber wenn ich mir unsere europäischen Nachbarn anschaue, insbesondere Frankreich und Schweden, wo man bereits vom Exodus der Juden spricht, dann ist nicht auszuschließen, dass auch wir irgendwann mal unsere Koffer packen müssen.

Fotos: DPA