CSD-Opfer brechen ihr Schweigen: "Ich dachte, ich werde da sterben"

Berlin - Ein Zischen, schwere Verletzungen, Todesangst: Sebastian S. (47) wird beim islamistischen Anschlag am Rand des Christopher Street Day (CSD) in Berlin mit einer Machete attackiert und überlebt nur knapp. Auch Luise D. (Name geändert) wird lebensgefährlich verletzt. Bis heute haben beide das Gefühl, dass dieser Teil der Tat kaum wahrgenommen wird.

31 Menschen wurden bei dem Anschlag verletzt, eine Frau starb.  © Andreas Rabenstein/dpa

Mehr als einen Monat später berichten beide im Podcast "based" erstmals, was ihnen im Tiergarten widerfahren ist.

Neben den körperlichen Folgen des Angriffs haben sie das Gefühl, dass die Macheten-Attacke in der öffentlichen Erinnerung an den CSD-Anschlag kaum vorkommt. Vielmehr seien es die Bilder vom weißen Kleintransporter, die die Berichterstattung prägen. "Mein Attentat hat bis jetzt gar nicht stattgefunden", sagt Luise und setzt hinterher: "Ich hätte sterben können, hätte behindert sein können, ich hätte entstellt sein können."

Auch bei einer Gedenkveranstaltung im Roten Rathaus sei die Attacke mit der Machete aus ihrer Sicht weitgehend untergegangen. Luise drückt dieses Gefühl in einem kurzen Satz aus: "Für mich ist das belastend, dass wir einfach nicht stattfinden."

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Sebastian erzählt, Menschen hätten seine Schilderung sogar angezweifelt: "Die Leute erklären mich teilweise für verrückt." Immer wieder müsse er erklären, dass er im Tiergarten mit einer Machete angegriffen worden sei. Manche würde seine Aussagen sogar bezweifeln.

Rückblick: Der Abend des 25. Juli, an dem eine 65-jährige Frau aus Polen später sterben würde und insgesamt 31 Menschen verletzt wurden, beginnt für die Freunde völlig unspektakulär. Sebastian will eigentlich schon nach Hause, bleibt aber bei einer Gruppe von Bekannten im Tiergarten.

Rund 14 Freunde stehen nach einem Bericht des "Tagesspiegel" nahe der Skulptur "Amazone zu Pferde" zusammen. Von der Amokfahrt, die sich zeitgleich im Park abspielt, bekommen sie zunächst nichts mit, als plötzlich ein Mann aus dem Gebüsch auftaucht.

Luise wird als Erste angegriffen und mehrfach am Oberkörper getroffen. Kurz darauf verliert sie das Bewusstsein. Ihre Schreie alarmieren Sebastian. Der 47-Jährige versucht, den Angreifer aufzuhalten und wird dabei selbst von der Machete getroffen. Mehrere Rippen brechen, seine Lunge wird schwer verletzt. "Ich habe dann so ein Zischen gehört", erinnert er sich, "und sah, dass meine Lunge nach außen trat." Schwer verletzt versucht er noch, Hilfe zu finden. "Ich dachte wirklich, ich werde da sterben", blickt er zurück.

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CSD-Anschlag: Stundenlange Operationen retten ihr Leben

Der Islamist Abdul Ballout (21) raste mit dem weißen Kleintransporter durch den Park.  © Sebastian Gollnow/dpa

Für Luise und Sebastian beginnt danach ein Kampf ums Überleben. Luise schwebt bis in die frühen Morgenstunden in Lebensgefahr und wird notoperiert. Sebastian liegt fünfeinhalb Stunden im OP. Nach eigener Darstellung war er zwischenzeitlich klinisch tot.

Offen bleibt ein entscheidender Punkt: Wer war der Macheten-Angreifer? Die Erinnerungen der beiden Opfer gehen auseinander. Luise ist überzeugt, dass es nicht Abdul Ballout (21) war. Sebastian dagegen glaubt, den Islamisten auf Fotos erkannt zu haben, die ihm das Landeskriminalamt im Krankenhaus zeigte. Beide beschreiben den Täter als kleiner als zunächst von der Polizei angegeben.

Spekulationen über einen zweiten Täter konnten die Ermittler bislang nicht erhärten. Auch die mutmaßliche Tatwaffe wurde trotz umfangreicher Suche nicht gefunden.

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