Da kiekste, wa: Warum berlinert keiner mehr in Berlin?

Von Matthias Kuhnert, Sarah Knorr

Berlin - Na wat denn? Ick glob dit mal jar nüscht. Ist aber nicht nur gefühlt, sondern tatsächlich so: Immer weniger Menschen in der Hauptstadt berlinern. Das dürfte allerdings auch wenig überraschen, ist Berlin voll mit hippen Zugezogenen. Haben die Schwaben nicht nur Prenzlauer Berg eingenommen?

Auch in Neukölln hört man immer weniger den typischen Berliner Dialekt.  © Christophe Gateau/dpa

Zahlen, wie viele Berliner überhaupt noch berlinern, gibt es nicht, doch der Verfall ist nicht neu. "Die Anzahl der Sprecherinnen und Sprecher von Berlinisch (Akademiker sprechen von Berlinisch und Berlinerisch) hat massiv abgenommen - und zwar schon zu Mauerzeiten", erklärt Sprachwissenschaftler Horst Simon (FU) der dpa.

Es gab früher jedoch große Unterschiede, je nachdem, wo in der Stadt man sich befand. "In West-Berlin galt es als unsexy, Berlinisch zu reden." Anders als im Osten: "In der Ostberliner Intellektuellen- und Künstlerszene war es viel weniger verpönt, den Berliner Dialekt zu verwenden."

Nach dem Mauerfall hat sich das allerdings geändert. "Nach der Wende ist es insgesamt weniger geworden, was zum Teil auch damit zusammenhängt, dass die ältere Generation stirbt", erläutert der Sprachwissenschaftler.

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35 Jahre nach der Wende verhält es sich mit dem Berliner Dialekt wie mit dem Wohnraum für Berliner: Sie werden verdrängt. Wer "Icke", "Molle" oder "JWD" hören will, muss ironischerweise tatsächlich ganz weit raus. Am besten raus aus der Stadt. "Die nähere Umgebung von Berlin, der Speckgürtel, ist eigentlich das Rückzugsgebiet des Berlinischen." Das sei mittlerweile sogar eher Berlin-Brandenburgisch.

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Berliner Dialekt verändert sich

Manche Begriffe werden dennoch nicht verschwinden.  © Alexandra Stober/dpa

Es kommen nach wie vor viele Menschen aus den unterschiedlichsten Regionen in die Hauptstadt - und das "verwässert den lokalen Dialekt", erklärt er.

Das typische Berlinerisch wird zwar immer weniger, dennoch stirbt der Berliner Dialekt nicht aus. Er verändert sich.

"Es gibt eine neue Art, in der Innenstadt von Berlin nicht Standarddeutsch zu sprechen. Dieses auf migrantische Ursprünge zurückgehende Deutsch wird in der Wissenschaft 'Kiezdeutsch' genannt", sieht der Experte einen Dialektwechsel.

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Wie geht es also weiter? "Die Berliner Stadt ist als Migrationszentrum dermaßen divers geworden, dass es witzlos ist, den Dialekt erhalten zu wollen", erläutert Simon. Es gebe allerdings auch Wörter, die man auch künftig noch hören werde. "In Berlin wird man weiterhin lange Zeit noch 'Buletten' hören."

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