Radikalisierung an Schulen: Schwuler Ex-Salafist fordert mehr Aufklärung über Islamismus
Berlin - Tugay Saraç (29) kennt die Gefahr von Radikalisierung aus eigener Erfahrung. Heute setzt sich der Berliner Aktivist für Aufklärung über Islamismus, Queerness und Menschenrechte ein.
Besonders Kinder und Jugendliche seien durch soziale Medien gefährdet, sich zu radikalisieren. Deshalb sei die Schule der wichtigste Ort, um Radikalisierung vorzubeugen, sagte Saraç im Interview mit dem "Tagesspiegel".
Der 29-Jährige weiß, wovon er spricht: Als Jugendlicher war er selbst Teil der salafistischen Szene. Heute setzt er sich als Bildungsreferent und schwuler Muslim gegen Islamismus und Queerfeindlichkeit ein.
Laut Saraç liegt ein Problem darin, dass sich viele Lehrkräfte und Sozialarbeiter scheuen, islamistische Einstellungen offen anzusprechen. Sie hätten Sorge, sich mit dem Islam nicht ausreichend auszukennen oder "unsensibel und rassistisch" zu äußern.
Als Konsequenz fordert er, das Thema Islamismus deutlich stärker im Lehramtsstudium zu verankern.
Wie er im Interview erklärte, müssten angehende Lehrkräfte befähigt werden, extremistischen Aussagen selbstbewusst zu widersprechen – auf Grundlage des Grundgesetzes und der Menschenrechte, nicht theologischer Debatten.
TikTok als "Radikalisierungsmotor"
Der studierte Kulturwissenschaftler, der heute unter anderem Workshops zu Queerness und Islam an Berliner Schulen gibt, sieht zudem die sozialen Netzwerke als entscheidenden Faktor. Insbesondere TikTok sei ein "Radikalisierungsmotor". Salafistische Influencer würden dort gezielt kurze, leicht konsumierbare Inhalte verbreiten und so Jugendliche erreichen.
Mit einzelnen Präventionsangeboten sei dieser Entwicklung nur schwer entgegenzuwirken. "Es ist nicht leicht, mit einem 90-minütigen Workshop gegen das anzukommen, was die Jugendlichen tagtäglich in den sozialen Medien konsumieren", sagte Saraç dem Tagesspiegel.
Neben einer stärkeren Ausbildung von Lehrkräften sprach sich Saraç außerdem für grundlegende Änderungen im Schulunterricht aus. Statt eines bekenntnisorientierten Religionsunterrichts plädiert er für Religionskunde oder Ethikunterricht mit einem wissenschaftlichen Blick auf Religionen. Auch Themen wie Radikalisierung innerhalb von Religionsgemeinschaften müssten dort behandelt werden.
Mit Blick auf den Anschlag auf den CSD warnte Saraç zugleich davor, das Thema Islamismus aus Angst vor einer rassistischen Instrumentalisierung zu verschweigen.
Probleme müssten klar benannt werden, ohne pauschal Muslime unter Generalverdacht zu stellen. Sein Appell: Demokratie und Menschenrechte müssten dabei die gemeinsame Grundlage bleiben.
Titelfoto: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa

