Corona im Pflegeheim: "Der Tod meiner Mutter wäre vermeidbar gewesen!"

Olbernhau - Wenn Karin Fischer (68) am Grab ihrer Mutter steht, kommen ihr noch immer die Tränen: "Sie hatte Freude am Leben, war unternehmungslustig und hätte noch einige schöne Jahre haben können." Doch ihre Mutter infizierte sich im Dezember 2020 im Pflegeheim mit Corona und verstarb an der Krankheit.

Wie viele Heimbewohner konnte ihre Mutter Angehörige monatelang nur aus der Ferne durch ein geöffnetes Fenster sehen.
Wie viele Heimbewohner konnte ihre Mutter Angehörige monatelang nur aus der Ferne durch ein geöffnetes Fenster sehen.  © Repro: Uwe Meinhold

"Ihr Tod und der vieler anderer Pflegeheimbewohner in Sachsen wäre vermeidbar gewesen", findet ihre Tochter und verlangt eine öffentliche Aufarbeitung der Fehler im Pandemie-Management.

"Wenn man gewollt hätte, hätte man viele von ihnen retten können", ist die pensionierte Ärztin überzeugt. Dass ihre Mutter 92 Jahre alt war, ist für Karin Fischer kein Trost. "Die alten Leute waren ahnungslos und dem Virus schutzlos ausgeliefert."

Schon im April 2020 hatte die besorgte Medizinerin in E-Mails ans Sozialministerium und an die Heimleitung auf regelmäßige prophylaktische Corona-Tests gedrängt. "Doch die zu diesem Zeitpunkt gültigen Hygienevorschriften sahen Tests in Pflegeeinrichtungen lediglich bei Symptomen oder nach einem positiven Fall vor", erinnert sich Karin Fischer.

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Auch Aufklärung über AHA-Regeln habe es für die Senioren nicht gegeben. "Meine Mutter und viele andere geistig rüstige Heimbewohner hätten verstanden, wenn man ihnen erklärt hätte, dass Masken sie vor einer Ansteckung schützen. Stattdessen wurden die Senioren erst weggesperrt, dann lagen sie sich in Wiedersehensfreude im Garten in den Armen."

Corona-Schnelltests wurden in Pflegeheimen 2020 eingesetzt, wenn ein positiver Fall unter Bewohnern oder Mitarbeitern bekannt wurde.
Corona-Schnelltests wurden in Pflegeheimen 2020 eingesetzt, wenn ein positiver Fall unter Bewohnern oder Mitarbeitern bekannt wurde.  © DPA

Die Olbernhauer Medizinerin kommt zu dem Schluss: "Was hier mit unseren Alten passiert ist, war fahrlässige Tötung." Karin Fischer erstattete deshalb Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Chemnitz. Zu einem Verfahren kam es nicht.

"Voraussetzung für Ermittlungen ist das Vorliegen zureichender tatsächlicher Anhaltspunkte hinsichtlich verfolgbarer Taten. Der mitgeteilte Sachverhalt ließ eine konkrete strafrechtliche Relevanz nicht erkennen", begründet Staatsanwalt Jörn Wunderlich.

Staatsanwalt Jörn Wunderlich begründet, warum es keine Ermittlungen gibt.
Staatsanwalt Jörn Wunderlich begründet, warum es keine Ermittlungen gibt.  © Klaus Jedlicka
Karin Fischer (68) findet keine Ruhe in der Trauer um ihre an Corona verstorbene Mutter.
Karin Fischer (68) findet keine Ruhe in der Trauer um ihre an Corona verstorbene Mutter.  © Uwe Meinhold

So hoch war die Sterblichkeit

Corona-Erkrankungen von Heimbewohnern und Pflegekräften werden seit vorigen Oktober nicht mehr statistisch erfasst.
Corona-Erkrankungen von Heimbewohnern und Pflegekräften werden seit vorigen Oktober nicht mehr statistisch erfasst.  © dpa/Sebastian Willnow

Senioren, die im Pflegeheim wohnen, hatten ein hohes Risiko, an Corona zu versterben: "Im Jahr 2020 wurden in Sachsen 188 Ausbrüche mit 5132 Betroffenen, darunter 492 Todesfälle, aus Altenpflegeheimen übermittelt", teilte das Sozialministerium Sachsen auf Anfrage mit.

Das entspricht einer Fallsterblichkeit von 9,58 Prozent. Bezogen auf die Heimbewohner dürfte diese noch deutlich höher gelegen haben, denn in den erfassten Zahlen sind auch Heimmitarbeiter enthalten. Im Jahr 2021, seitdem Corona-Impfungen verfügbar waren, sank das Risiko in den Pflegeheimen zunächst deutlich.

Bis Ende September meldeten die Gesundheitsämter in Sachsen 114 Ausbrüche mit 5796 Betroffenen und 86 Todesfällen in Altenpflegeheimen.

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Wie sich die Lage im letzten Viertel des Jahres 2021 entwickelt hat, bleibt ungewiss, weil die Gesundheitsämter wegen Überlastung die Daten nicht mehr ermittelt haben.

Titelfoto: Uwe Meinhold

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