40 Jahre Städtepartnerschaft mit Manchester: Chemnitz feiert heute seine deutsch-britische Freundschaft

Chemnitz - Das "sächsische Manchester" und sein englisches Original - die beiden Städte mit ihrer ähnlichen Textilgeschichte eint seit 40 Jahren eine Partnerschaft. Dieses Jubiläum wird am heutigen Freitag in Chemnitz gefeiert. Im Mittelpunkt stehen vor allem künstlerische Begegnungen.

Der Wirkbau steht am heutigen Freitag kunstvoll unter Dampf.
Der Wirkbau steht am heutigen Freitag kunstvoll unter Dampf.  © Kristin Schmidt

"Die Idee entstand vergangenes Jahr bei einem Besuch in der Protokollstelle des Rathauses", erinnert sich Frank Weinhold (44) vom Kunstfestival "Begehungen".

Im Zentrum des Jubiläums sollte diesmal nicht der wirtschaftliche, politische oder wissenschaftliche, sondern der kulturelle Austausch stehen.

Die Idee: Künstler aus Chemnitz und Manchester sind in der jeweils anderen Stadt zu Gast, um dort "als Artist in Residence einen Blick von außen auf die Menschen zu werfen", wie Frank Weinhold beschreibt.

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Gegenseitige Künstlerbesuche wie diese finden seit 2019 regelmäßig statt.

Astarte Cara aus Manchester und der gebürtige Chemnitzer Florian Merkel bereiten die gemeinsame Ausstellung vor. Am heutigen Freitagabend findet die Vernissage statt.
Astarte Cara aus Manchester und der gebürtige Chemnitzer Florian Merkel bereiten die gemeinsame Ausstellung vor. Am heutigen Freitagabend findet die Vernissage statt.  © Kristin Schmidt
Frank Weinhold (44, "Begehungen") freut sich auf die künstlerischen Begegnungen.
Frank Weinhold (44, "Begehungen") freut sich auf die künstlerischen Begegnungen.  © Kristin Schmidt

Rauch steht im Mittelpunkt der Fotografien und Performance-Videos

Louise Adkins und Jonathan Purcell aus Manchester arbeiten im Wirkbau als Künstler-Duo.
Louise Adkins und Jonathan Purcell aus Manchester arbeiten im Wirkbau als Künstler-Duo.  © Kristin Schmidt

Drei Künstler von der Insel tun in Chemnitz seit einigen Tagen genau das und machen dabei mächtig Dampf. Was wörtlich gemeint ist: Rauch steht im Mittelpunkt der Fotografien und Performance-Videos, die in den vergangenen Tagen entstanden sind.

Sie werden von der Britin Astarte Cara (als Tandem mit dem gebürtigen Chemnitzer Florian Merkel) sowie vom Duo Louise Adkins/Jonathan Purcell am heutigen Freitagabend, 19 Uhr, im Wirkbau präsentiert.

Bilder von paffenden Sachsen, dazu läuft Sven Schulze (51, SPD) mit OB-Kollegin Yasmine Dar aus Manchester interessierten Blickes durch den Dunst einer Nebelmaschine - das dürfte unterhaltsam werden.

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Für das Stadtoberhaupt aus Manchester wird es der Höhepunkt eines langen Tages im Zeichen des 40-jährigen Jubiläums. Bereits 9.30 Uhr fährt Yasmine Dar in einer historischen Straßenbahn durch das einstige "Rußchamtz", 12 Uhr trägt sie sich ins Goldene Buch der Stadt ein.

Gefeiert wird im Wirkbau noch die ganze Nacht - dann wohl ohne Bürgermeister, dafür mit Live-Acts und DJ aus dem berühmten Manchester-Club "Soup", ab 21 Uhr im Atomino (Eintritt: 10 Euro).

Und am morgigen Samstag geht's weiter: 15 Uhr steht ein gemeinsames Tee- und Kaffeetrinken mit ausgewählten Chemnitzern im Grünen Salon des Rathauses auf dem Programm. Auf die Partnerschaft - very british.

Auf gute Partnerschaft: OB Sven Schulze (51, SPD) und die CVAG-Tram "Manchester".
Auf gute Partnerschaft: OB Sven Schulze (51, SPD) und die CVAG-Tram "Manchester".  © Maik Börner

Der Partner von der Insel

Schöne Partnerin im Norden Englands: Der Beetham Tower spiegelt sich im Manchester-Kanal.
Schöne Partnerin im Norden Englands: Der Beetham Tower spiegelt sich im Manchester-Kanal.  © 123RF/sakhaphotos

Einen Partner im kapitalistischen Ausland zu haben, das war in der DDR des Jahres 1983 etwas Außergewöhnliches - auch unter Städten. Dass die Städtepartnerschaft zwischen Chemnitz und Manchester dennoch besiegelt wurde, entsprang einer Initiative der Freundschaftsgesellschaft GB-DDR (Ortsgruppe Manchester).

Bis zur Wende gab es sporadisch Treffen zwischen Kindergruppen, Jugendlichen und Gewerkschaften, zumeist jedoch in Karl-Marx-Stadt. Dann brach der Kontakt zunächst ab - viele der einstigen "Freunde" verließen die englische Ortsgruppe.

Mit einem Besuch 1991 in Manchester nahm der damalige Chemnitzer OB Dr. Dieter Noll (1939 bis 2014) die Beziehungen wieder auf.

Es folgten mehr als 20 Schulpatenschaften und langjährige Kontakte zwischen Sportclubs, Museen und in den vergangenen Jahren auch verstärkt zwischen Akteuren der Kulturszenen beider Städte.

Verstehen und verzeihen

Kommentar von Mario Adolphsen

Partnerstädte in anderen Ländern - braucht Chemnitz so etwas überhaupt noch? Ja, unbedingt.

Angesichts der politischen Weltlage sogar nötiger denn je. Tea time im Rathaus, ein künstlerischer Austausch, gemeinsam tanzen gehen. Klingt zu selbstverständlich, nicht staatsmännisch genug? Aber das ist doch gerade der Verdienst einer Partnerschaft!

Rund 80 Jahre sind keine lange Zeit. So lange ist es her, dass deutsche Bomber am Anfang des Zweiten Weltkriegs Teile Manchesters zerstörten. Und am Ende des Krieges auch britische Bomber die Chemnitzer Innenstadt in Schutt und Asche legten.

Trümmer, Baulücken, zerrissene Familienbiografien. Wer offenen Auges durch die Stadt geht und mit alten Chemnitzern spricht, sieht und hört die Verwüstungen überall. Auch heute noch. Solche Wunden heilen langsam.

Nicht in Sprachlosigkeit zu verfallen angesichts historischen Leids, ist eine kulturelle Leistung. Wer verzeihen will, muss zuerst verstehen können.

Es setzt allerdings voraus, sich auf Augenhöhe zu begegnen. Sich nicht über andere Biografien und Kulturen zu stellen, nur weil sie einem fremd erscheinen. Das ist in der Praxis für viele schwerer, als es klingt.

Rauchzeichen, wie sie heute im Wirkbau künstlerisch bearbeitet werden, sind für mich darum Zeichen des Friedens. Auch künstlerischer Austausch ist wichtig. Er ist ein wirksames Mittel gegen Sprachlosigkeit.

Titelfoto: 123RF, sakhaphotos, Kristin Schmidt

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