Neue Sorgen für Chemnitzer Tätowierer: EU-Farbverbot in tristen Corona-Zeiten

Chemnitz - Schwere Zeiten für die stechende Zunft: Wegen Corona sind ihre Studios seit mehr als einem Monat wieder dicht. In dieser Woche trat dazu noch eine neue EU-Richtlinie in Kraft, die ab sofort bestimmte Inhaltsstoffe in Tattoo-Farben verbietet. Chemnitzer Künstler kritisieren die Regeln scharf.

Künstler Friedrich "Benten" Benzler (41) hat bereits neue Farben erhalten.
Künstler Friedrich "Benten" Benzler (41) hat bereits neue Farben erhalten.  © Sven Gleisberg

Worum geht es konkret? Am 4. Januar trat eine Änderung der Chemikalienverordnung namens "REACH" in Kraft, um Tätowierfarben und Permanent-Make-up sicherer zu machen.

Die EU bemängelt, dass in bislang verwendeten Mischungen gefährliche Stoffe enthalten sein können, die Hautallergien und andere schwerwiegende Auswirkungen auf die Gesundheit wie genetische Mutationen und Krebs verursachen.

Die Chemnitzer Tätowiererin Michaela Neubert (40) von "Kuller and Color Tattoo" hält dagegen: "Das ist eine These, die bislang nicht mit Daten belegt ist."

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Sie treffe die neuen Regeln persönlich sehr hart: "Ich mache mein Geschäft fast nur mit Farbtattoos." Wenn sie ihr Studio wieder öffnen dürfte, könne sie vorerst nur mit zugelassenen REACH-konformen Schwarz- und Weißtönen arbeiten.

"Lockdown ist das Eine, aber das ist bald noch schlimmer." Schließlich würden so auch viele angefangene Projekte nicht fertig. "An einem kompletten Rücken sitzt man zwei Jahre."

Gelassener sieht es Friedrich Benzler (41) von "Benten Tattoo". Er habe durch Kontakte bereits neue bunte und gleichzeitig REACH-konforme Farben erhalten. Der Künstler kritisiert aber auch, dass die neue EU-Verordnung ohne wissenschaftliche Grundlage erfolgte. "Kontrolle für bessere Farben ja, aber nicht auf diese Art und Weise."

Tomas Hilbert (45) von "Art Of Style Tattoo" hat ebenfalls kein Verständnis für die neuen Regeln. "Die Tätowier-Community hat keine Lobby in der EU". Er glaubt, dass er noch lang auf neue Farben warten muss. Für ihn seien die Probleme, welche die neue Verordnung gegenüber Corona mit sich bringen, aber "ein Witz".

Tätowiererin Michaela Neubert (40) muss wegen der neuen Vorschriften ihre alten Farben wegwerfen.
Tätowiererin Michaela Neubert (40) muss wegen der neuen Vorschriften ihre alten Farben wegwerfen.  © Sven Gleisberg

Woanders hinschauen

Gefährliche Körperbemalung? Die EU ist der Ansicht, dass Farbtattoos gesundheitsschädlich sein könnten. (Symbolfoto)
Gefährliche Körperbemalung? Die EU ist der Ansicht, dass Farbtattoos gesundheitsschädlich sein könnten. (Symbolfoto)  © 123RF/Yaroslav Astakhov

Kommentar von Martin Gottschling

Tätowierer sind durch die Corona-Krise schwer gebeutelt. Monatelang konnten sie im Lockdown ihren Beruf nicht ausüben. Viele haben Existenzsorgen. Da kommt die neue EU-Richtlinie, die den Einsatz bislang gebräuchlicher Farben verbietet, zur Unzeit.

Dabei ist der Grundgedanke von "REACH" richtig - Tattoos sollen nicht gesundheitsschädlich sein. Inhaltsstoffe in Farben müssen gründlich dahingehend untersucht werden, ob sie zum Beispiel Krebs auslösen können.

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Wenn solch ein Verdacht besteht, ist ein vorläufiges Verbot der Farben zwar sinnvoll, um auf Nummer sicher zu gehen und Menschen zu schützen. Es stellt sich aber die Frage: Warum schaut die EU nicht auch in anderen Branchen genauer hin?

Dass zum Beispiel Rauchen oder der Konsum von Alkohol krebserregend sein können, ist bislang viel besser erforscht als die Gefahren von Tattoos. Über ein Verbot von Zigaretten, Bier, Wein und Co. denkt die EU aber trotzdem nicht nach.

Es gibt für Tätowierer sicher in Zukunft neue, alternative Farben - diese hätte man aber in ausreichender Menge für alle Betroffenen bereits vor der Änderung der "REACH"-Verordnung zur Verfügung stellen müssen.

Titelfoto: Sven Gleisberg

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