Chemnitz - Erst der politische Knall, dann der Kultur-Aufschrei, jetzt die große Rechenangst: Nach dem Vorstoß von SPD-Stadtrat Detlef Müller (61), das Chemnitzer Opernhaus und Schauspielhaus perspektivisch unter einem Dach zu denken, verteidigt SPD-Kreis-Chef Sebastian Reichelt (40) die Debatte - warnt aber zugleich vor schöngerechneten Theaterplänen.
Chemnitz bekomme über Sondervermögen und Sachsenfonds "mal etwas mehr als 100 Millionen zusätzlich", gleichzeitig sei die Wunschliste riesig: kaputte Dächer reparieren, Schulen, Busbahnhof, Feuerwehr, Messe, Sport, Kultur.
Für das Schauspielhaus hätten zuletzt rund 59 Millionen Euro im Raum gestanden. "Das muss man dann auch allen Menschen in der Stadt verkaufen können", sagt Reichelt.
Den Vorstoß seiner Parteigenossen im Stadtrat versteht er als politischen Weckruf. "Er war sehr provokant", sagt Reichelt.
Aber genau das habe die festgefahrene Debatte aufgebrochen. Vorher hätten sich viele hinter dem Verwaltungsvorschlag versteckt. Jetzt sei "Schwung in der Kiste".
SPD-Chef warnt vor der nächsten Kostenfalle
Der Müller-Vorschlag sorgt seit Ostern in Chemnitz für große Diskussionen. Nachdem auch die Stadtspitze neu agiert und den mutmaßlichen Neubau des Schauspielhauses von der Wunschliste für das Sondervermögen wieder streichen will, sehen Theaterfreunde, Kulturszene und Teile der Stadtgesellschaft ein eigenes Schauspielhaus für Chemnitz wackeln.
Das stellt Reichelt nicht infrage. Auf die provokante Frage, ob Chemnitz überhaupt ein eigenständiges Schauspielhaus brauche, antwortet er klar: "Mit der Geschichte des Chemnitzer Schauspielhauses stellt sich die Frage nicht."
Doch der SPD-Chef warnt vor der nächsten Kostenfalle. Beim alten Gebäude war von Brandschutz und Sanierung die Rede, dann seien die Summen förmlich explodiert. Besonders kritisch sieht er Pläne, Opernsanierung und neues Schauspielhaus parallel aus dem Sondergeld zu stemmen.
"Wir werden dann die 100 Millionen knacken", sagt der SPD-Chef. Das sei keine ideologische, sondern eine nüchterne Frage der Baukosten. Bei Großprojekten gebe es genug Erfahrungswerte, "dass es weit über dem Limit ist".
Dirigent Ekkehard Klemm warnt vor Fusion
In der Debatte um Fusion von Opernhaus und Schauspielhaus wird der Ton auch außerhalb der Kommunalpolitik schärfer.
Der in Chemnitz geborene Dirigent und frühere Hochschulrektor Ekkehard Klemm (67) nennt die Pläne auf Facebook "beschämend und unfassbar".
Die "Attraktivität der ganzen Stadt" würde darunter leiden. Auch Unisono, die Deutsche Musik- und Orchestervereinigung, mischt sich ein. Der Verband warnt vor kurzfristigem Sparen an der falschen Stelle. Wer alles unter ein Dach pressen will, riskiert am Ende nicht nur weniger Bühne, sondern auch weniger Strahlkraft.
Und selbst Schauspiel-Star Armin Rohde (71) griff das Thema auf, ohne es direkt zu kommentieren. Auf der Plattform Threads teilte er die Stellungnahme der Chemnitzer Theaterleitung, die eine Zusammenlegung als massiven Einschnitt für das kulturelle Angebot der Stadt sieht.