Rente mit 76 Jahren: Friseurmeisterin aus Sachsen macht Salon zu

Döbeln - Lieber früher als spät: Mit 63 Jahren verabschieden sich viele Sachsen in Rente. Gegen den Trend arbeitete Johanna Friedel (76) aus Döbeln: Die Friseurmeisterin schnitt mehr als 60 Jahre lang Menschen aus der Region die Haare, machte jetzt erst ihren Salon zu - mit 76 Jahren!

Nach 60 Jahren in ihrem Beruf legt Friseurmeisterin Johanna Friedel (76) nun die Scheren nieder und geht in den Ruhestand.
Nach 60 Jahren in ihrem Beruf legt Friseurmeisterin Johanna Friedel (76) nun die Scheren nieder und geht in den Ruhestand.  © Norbert Neumann

Mit 15 Jahren fing sie im Friseursalon ihrer Cousine in Roßwein an, lernte das Handwerk, machte 1967 ihren Meister.

Ab 1970 arbeitete sie im Döbelner Ortsteil Choren im Friseurladen, den sie nach der Wende übernahm - und darin bis zuletzt Haare schnitt. "Für mich war das einfach, ich musste ja nur die Treppe runter", sagt die Seniorin bescheiden.

Dass sich ihre Wohnung im selben Haus befindet wie ihr Geschäft, ist aber nur einer der Gründe, warum sie 2009 nicht in Rente ging.

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"Viele Kunden haben gefragt, was sie ohne mich machen sollen. Einen anderen Friseursalon gibt es in der Nähe nicht", sagt sie.

"Aber ich mochte auch die Gespräche mit den Kunden, habe viele Freunde gefunden. Manche waren noch Kinder, als ich ihnen die Haare schnitt. Später schickten sie ihre eigenen Kinder."

Der gute Kontakt mit ihren Kunden hatte Johanna Friedel bereits 2002 geholfen, den Tod ihres Ehemanns Gerold (†59) nach einem Herzinfarkt zu überwinden.

Anfang der 90er-Jahre: Hier machte sie gerade Mittagspause.
Anfang der 90er-Jahre: Hier machte sie gerade Mittagspause.  © Repro: Norbert Neumann
Seit 1970 arbeitete die Meisterin in diesem Friseursalon im Döbelner Ortsteil Choren.
Seit 1970 arbeitete die Meisterin in diesem Friseursalon im Döbelner Ortsteil Choren.  © Norbert Neumann
Ihr Beruf half ihr auch, den Tod ihres Mannes Gerold (†59) zu überwinden. Das Paar hatte 1967 geheiratet.
Ihr Beruf half ihr auch, den Tod ihres Mannes Gerold (†59) zu überwinden. Das Paar hatte 1967 geheiratet.  © Repro: Norbert Neumann

Damals kostete ein Herren-Haarschnitt eine Mark, heute 14 Euro

Die Meisterin hat immer ein Lächeln auf den Lippen: "Das Wichtigste ist, immer nett zu den Kunden zu sein."
Die Meisterin hat immer ein Lächeln auf den Lippen: "Das Wichtigste ist, immer nett zu den Kunden zu sein."  © Norbert Neumann

Was sich in den vielen Jahrzehnten änderte? "Früher kamen die Damen jede Woche, auch für die Pflege der damals beliebten Dauerwellen. Heute meist nur, wenn es nötig ist."

Einst schnitt sie die Herren für gut eine Mark, zuletzt für 14 Euro. Malheure seien ihr nie passiert und die Kunden stets zufrieden gewesen. "Oder haben es zumindest immer gesagt", so die Meisterin.

Letztlich verschob sie ihren Ruhestand Jahr für Jahr, kämpfte sich durch die Corona-Zeit, öffnete zuletzt noch an drei Tagen die Woche. Nun war die Zeit aber doch reif, Silvester war ihr letzter Arbeitstag. "Da kamen alle noch mal, haben Blumen, Pralinen und Sekt mitgebracht."

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Etwas traurig ist sie schon. Aber sie freut sich auch, mehr Zeit für Sauna, Gartenarbeit und Skat zu haben. Ein Comeback schließt Johanna Friedel aus - nur für ihre Enkel will sie die Schere noch mal in die Hand nehmen.

Titelfoto: Norbert Neumann

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