Dresdner Musikfestspiele: Dirigent Wellber und der "gute Groove"
Dresden - Vier Jahre lang, zwischen 2018 und 2022, war er Erster Gastdirigent an der Semperoper, seit vergangenem Jahr ist er Generalmusikdirektor und Chefdirigent der Hamburgischen Staatsoper: Der israelische Dirigent Omer Meir Wellber (44) kehrt nun mit dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg im Rahmen der Dresdner Musikfestspiele für zwei Konzerte nach Dresden zurück.
In "What a Wonderful World" (9. Juni, Kulturpalast), mit Gaststar Till Brönner (55), geht es um die Verbindung von Jazz und Klassik, in "Klangvolles Abenteuer" (10. Juni, Militärhistorisches Museum), mit dem Blauen Ensemble, um musikalische Überraschungen.
Wir sprachen mit Wellber.
TAG24: Herr Wellber, Sie reisen mit zwei sehr unterschiedlichen Programmen an - Louis Armstrong, Frank Sinatra und Franz Schubert im ersten, Haydn, Schnittke und anderes im zweiten Programm. Lieben Sie Gegensätze?
Omer Meir Wellber: Ja, sicher, Gegensätze erzeugen Spannung. Aber wichtiger ist mir doch das, was musikalische Gegensätze auf einer tieferen Ebene gemeinsam haben. Da gibt es dieses schöne deutsche Wort "Spaß", dem man häufig mit Missgunst begegnet, weil man damit Oberflächlichkeit verbindet.
Ich möchte dieses Wort rehabilitieren. Tatsächlich ist Spaß ein wichtiges Element künstlerischer Erfahrungen. Spaß bedeutet keineswegs nur ausgelassenes Lustigsein, sondern ein inneres Erfülltsein, wenn man auf der Bühne oder im Zuschauersaal während einer Aufführung mit anderen gemeinsam atmet und etwas Besonderes erlebt. Dieser Ansatz ist es, mit dem wir so unterschiedliche Künstler wie Armstrong, Sinatra, Schubert und Schnittke miteinander verbinden.
TAG24: Jazzmusik mit Orchester läuft immer Gefahr, weichgespült zu sein. Till Brönners Alben sind auch nicht eben musikalisch progressiv. Ist unsere Skepsis unbegründet?
Wellber: Ich glaube schon. Zunächst passt dieser Abend gut zum Festivalmotto "Leichtigkeit des Seins". Man darf aber nicht den Fehler machen, Leichtigkeit mit Trivialität gleichzusetzen. Das Leichte kann enorme Schwere haben, und das Schwere kann sehr wirkungsvoll sein, wenn es mit Leichtigkeit daherkommt.
Was all diese Musik über die unterschiedlichen Stilrichtungen hinweg braucht, ist ein guter Groove. Nicht nur der Jazz, auch Schubert klingt besser, wenn er groovt.
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Wellber über das Blaue Ensemble
TAG24: Ambitioniert ist das zweite Programm mit dem Blauen Ensemble im Militärhistorischen Museum. Zunächst: Was ist das Blaue Ensemble?
Wellber: Das Blaue Ensemble ist wie ein Orchester im Orchester, ein Ensemble für kleinere, experimentellere oder anderweitig ungewöhnliche Produktionen, das sich von Fall zu Fall in wechselnden Besetzungen aus dem Philharmonischen Staatsorchester neu zusammensetzt.
Ich habe es nach meinem Amtsantritt in Hamburg im vergangenen Jahr gegründet, um unsere Ausdruckspalette zu erweitern und dem Publikum ein zusätzliches Angebot zu machen.
Die Farbe Blau ist eine intuitive Referenz an das Wasser – die Elbe, die Alster und den Hafen von Hamburg.
Für Wellber kommt es auf den Kontext an
TAG24: Der Veranstaltungsort verspricht ein besonderes Spannungsverhältnis. Im Militärhistorischen Museum sind Krieg und Nazizeit präsent, der große Keil des jüdischen Architekten Daniel Libeskind mahnt an den Bombenangriff, der Dresden zerstörte, ein weiterer Jude mit Namen Omer Meir Wellber macht jetzt dort Musik. Verbinden Sie mit dem Konzert eine politische Aussage?
Wellber: Das Gebäude ist fantastisch. Ich bewundere es, seit ich zum ersten Mal nach Dresden kam. Das Gebäude war Arsenal zur Kaiserzeit, Heeresmuseum bei den Nazis, Kunsthalle nach dem Krieg, dann Armeemuseum der DDR und nun Militärhistorisches Museum der Bundesrepublik, umgebaut von einem jüdischen Architekten, in dem ein jüdischer Musiker auftritt.
Ich habe Intendant Jan Vogler schon vor vielen Jahren gesagt: "Lass uns dort etwas machen!" Ich verbinde mit dem Gedanken nichts vordergründig Politisches, vielmehr geht es mir um die Geschichte des 20. Jahrhunderts und ihre brutalen Brüche. Musik klingt in diesem Kontext anders. Wir spielen im Programm unter anderem Haydn und Schnittke – erst Haydn, dann Schnittke, dann wieder Haydn.
Der zweite Haydn-Satz wird anders klingen, weil er nicht auf Haydn, sondern auf Schnittke folgt. Auf den Kontext kommt es an! Deshalb wird auch die Musik in diesem besonderen Museum anders wirken als in einem beliebigen Konzertsaal.
Warum ist Wellber kaum noch in Dresden zu sehen?
TAG24: Musik und Politik - wie verhalten sie sich zueinander?
Wellber: Nehmen Sie Mozarts Oper "Die Hochzeit des Figaro": damals ein skandalöser Stoff und nicht ohne Risiko für Mozart, weil er mit dieser unkonventionellen Liebesgeschichte die fürstliche Autorität angriff. Heute ist der Skandal nur noch eine ferne Erinnerung, weil die Zeiten sich geändert haben. Dabei ist diese Oper heute dasselbe Meisterwerk wie damals. Während das Politische sich unentwegt wandelt, überdauert die Kunst. Wenn sie große Kunst ist, bleibt sie es für lange Zeit.
TAG24: Herr Wellber, Sie waren zwischen 2018 und 2022 als Erster Gastdirigent ein maßgebender Künstler an der Semperoper. Seither sieht man Sie kaum noch in Dresden. Wieso nicht?
Wellber: Ich hatte eine sehr schöne Zeit an der Semperoper, seit 2010 habe ich regelmäßig mit dem Haus gearbeitet und mich dort sehr verbunden gefühlt. Nach meiner Zeit als Erster Gastdirigent bis 2022 hat sich für mich der natürliche Moment ergeben, neue künstlerische Wege zu gehen und andere Schwerpunkte zu setzen. Das lag also weniger an einzelnen Personen, sondern an meiner eigenen Entscheidung, mich weiterzuentwickeln und auch Abstand zu gewinnen, um neue Perspektiven zu gewinnen.
Umso mehr freue ich mich, dass der Kontakt nach Dresden weiterhin besteht und ich nun als Gast der Dresdner Musikfestspiele zusammen mit "meinem" Philharmonischen Staatsorchester Hamburg wieder hier sein kann – und ich würde natürlich sehr gerne auch künftig wieder einmal an die Semperoper und zur Staatskapelle zurückkehren.
Lieber Omer Meir Wellber, wir danken Ihnen für das Gespräch!
Titelfoto: Oliver Killig

