Musikfestspiele starten: Intendant Jan Vogler über die "Leichtigkeit des Seins"
Dresden - Im Mai und Juni steht Dresdens Kultur traditionell im Zeichen der Dresdner Musikfestspiele. Die haben sich für den bevorstehenden Jahrgang vom 14. Mai bis 15. Juni ein Motto verpasst, das allen gegenwärtigen Trends entgegenzustehen scheint: "Leichtigkeit des Seins". Eingeleitet wird das Festival trotzdem mit Gewicht, Richard Wagners "Götterdämmerung", abschließender Teil des Zyklus "Der Ring des Nibelungen", den die Musikfestspiele in historisch informierter Neubearbeitung seit 2023 aufführen. Damit kommt das Projekt "The Wagner Cycles" zu seinem vorläufigen Ende. Wir sprachen mit Intendant Jan Vogler (62).
TAG24: Herr Vogler, einmal mehr gehen die Musikfestspiele - am Vorverkauf gemessen und trotz Kürzung des städtischen Zuschusses - möglicherweise einem Rekordergebnis entgegen. Wie geht das?
Jan Vogler: Es sind wesentlich drei Faktoren. Da ist das Motto des Jahrgangs, "Leichtigkeit des Seins". Wir spüren deutlich, dass es gerade jetzt, in dieser von so vielen Problemen geprägten Zeit, ein Grundbedürfnis bei den Leuten anspricht. Wir betonen mit unserem Programm nicht die Schwere, nicht den Ernst, sondern die pure Lebensfreude, für die es auch in diesen Zeiten gute Gründe gibt. Dabei reagieren wir auch auf die Veränderungen in der Klassik, die sind gerade ziemlich extrem.
Wir stellen uns inhaltlich immer breiter auf, mit Klassik, Jazz und vielen anderen Genres. Bei uns findet man das London Philharmonic Orchestra neben Chilly Gonzales, Tomatito oder Till Brönner. Das kommt an. Noch dazu werden wir dank unseres großartigen Teams immer besser darin, neues Publikum zu finden. Stichwort Marketing: Wir sind etwa im digitalen Bereich sehr aktiv und effektiv.
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TAG24: Aus dem Festivalprogramm ragen zwei Veranstaltungen heraus, sie markieren Beginn und Abschluss. Zu Beginn schließen Sie die "Wagner-Cycles" mit dem letzten Teil des "Rings" - "Götterdämmerung" - ab, im Finale führen Sie noch einmal das "New Worlds"-Programm mit Hollywood-Star Bill Murray auf, das 2017 in Dresden Premiere hatte. Hat sich dieses Programm mit den Jahren verändert?
Vogler: Es hat sich stark verändert. Bill und ich haben da den gleichen Ansatz: Wir wollen uns nicht immer wiederholen. Es ist jetzt viel runder und harmonischer als noch am Anfang, wir haben allerhand mehr Showelemente eingebaut, es ist jetzt eine echte Achterbahn der Gefühle. Ich selbst wäre übrigens gar nicht auf die Idee gekommen, es noch einmal bei den Musikfestspielen anzusetzen. Mein Team hat darauf gedrängt, natürlich zu Recht. Dresden war Ausgangspunkt für den Erfolg von "New Worlds", hier war Uraufführung.
Bis heute haben wir mehr als einhundert Vorstellungen in aller Welt gespielt, von New York bis Sydney. So schließt sich jetzt in Dresden ein Kreis.
Bilanz zu "Wagner-Cycles"
TAG24: Die aufsehenerregenden "Wagner-Cycles" enden vorerst. Wie fällt Ihre Bilanz aus?
Vogler: Die "Wagner-Cycles" sind das größte Projekt, das die Musikfestspiele jemals gemacht haben, das war von Anfang an klar. Wir haben von Beginn an Großes erwartet. Dass es dann noch größer wurde, habe ich mir nicht vorstellen können. Der Erfolg, das Echo ist riesig, beim Publikum wie in der Forschung, der wir viele neue Impulse geben konnten. Man muss sich das noch einmal klarmachen: Dieses Projekt wird nicht am Rande von der Musikwissenschaft begleitet, sondern von ihr geführt. Unsere Wissenschaftler sind bei den Proben nicht nur dabei, sondern greifen auch ein, erklärend oder korrigierend. Wir haben für die Aufführungspraxis viel neues Wissen zutage gefördert.
TAG24: Wie ist es um das Nachleben des Projekts bestellt?
Vogler: Wir haben in den zurückliegenden Jahren jedes Jahr einen "Ring"-Teil erarbeitet und aufgeführt. Natürlich verlangt der Zyklus nach einer Gesamtdarstellung. Im Wiener Konzerthaus werden wir unseren Zyklus nächstes Jahr erstmals zusammenhängend aufführen. Und wir sind im Gespräch mit zwei anderen großen Häusern für weitere Gesamtaufführungen. Die vier Teile zusammenzuführen, ist beinah wie ein neues Projekt. Wir bekommen beim Schott-Verlag außerdem die Möglichkeit, die Erfahrungen aus unserer Arbeit zu dokumentieren. Sie werden in die Einrichtung der Notenschrift aufgenommen.
TAG24: Die Forschung in puncto Richard Wagner und am "Ring" wird ja mit Gesamtaufführung des Zyklus in den kommenden Jahren wahrscheinlich nicht beendet sein. Wie ließe sich eine Weiterführung des Wagner-Projekts auf eine finanziell solide Grundlage stellen?
Vogler: Wir bewirtschaften das Projekt wie auch die Wagner-Akademie, die es trägt, zu einhundert Prozent aus dem Etat der Musikfestspiele. Ohne Drittmittel aus Kulturförderung und Sponsoring, wie anfangs jene zwei Millionen Euro vom Bund, die Unterstützung der Familie Wirth bei "Siegfried" und jetzt die zwei Millionen Dollar vom Packard Humanities Institute in Los Altos, USA, ist das nicht machbar. Es gibt Themen, da sind Engagement und Interesse größer als bei anderen, auch weil sie international bedeutsam sind.
Wir erleben gerade, dass die Energie, die mit diesem Projekt von Dresden in die Welt ging, zu uns zurückfließt. Diese jüngste Spende beweist das. Wir werden alles dafür tun, dranzubleiben.
Titelfoto: Marco Grob