Wenn der globale Chip-Markt brennt, spielt diese Dresdner Firma die Feuerwehr
Dresden - Manchmal bringt ein kleiner Engpass eine große Produktion ins Stocken. Die Automobilindustrie kann davon ebenso ein leidiges Liedchen singen wie IT-Produzenten. Dann ist die bange Frage: Woher nehmen, wenn nicht stehlen?
Plötzlich fehlende elektronische Bauteile förmlich herbeizuzaubern, darauf hat sich der Dresdner Chip-Makler 4Source electronics AG spezialisiert.
Hier erzählen die Bauteil-Feuerwehrleute, wie sie weltweit versteckte Chip-Bestände aufstöbern und damit zerstörte Lieferketten kitten und Produktionsengpässe verhindern.
Des einen Leid' ist des anderen Freud'. Das zählt auch und vor allem in der Chipindustrie. Als im vergangenen Jahr wegen Bauelementemangels die halbe Autoproduktion Europas abzuschmieren drohte, war auch der Dresdner Chip-Makler 4Source ein Retter in der Not.
Die 50-köpfige Besorger-Feuerwehr wird in Mangellagen bei gestörten Lieferketten durch Blockaden, Naturkatastrophen, Kriege oder Zölle alarmiert.
Ihre Hauptkunden sind neben Telekommunikations- vor allem Automobilhersteller und -zulieferer. So wie im Oktober vergangenen Jahres, als wegen Streitereien zwischen der Halbleiterfirma Nexperia in den Niederlanden und ihrer chinesischen Muttergesellschaft Wingtech klitzekleine Bauteile wie Transistoren und Dioden über Nacht zur Mangelware wurden.
Der ausbleibende Nachschub dieser Cent-Artikel drohte sogar, Werksschließungen und Kurzarbeit auszulösen.
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In Dresden laufen die Drähte heiß: 4Source zaubert binnen 24 Stunden ein Angebot herbei
Dann kamen die Bauteil-Detektive von 4Source ins Spiel. Und das recht schnell. "Wir können unseren Auftraggebern innerhalb von durchschnittlich 48 bis 72 Stunden ein Angebot unterbreiten, in akuten Mangellagen sogar innerhalb von 24 Stunden", verspricht 4Source-Vorstand Jörg Wilking (58).
In Dresden liefen die Drähte heiß. 50 Mitarbeiter, die neben Englisch auch Chinesisch, Französisch, Spanisch, Italienisch und Tschechisch sprechen, gehen dann als Chip-Schnüffler in die Spur. Weltweit.
Sie fahnden am Telefon und im Internet nach Restvorräten, kratzen Chips, Transistoren und Dioden zusammen. Wo gibt es die gewünschten Teile und vor allem - in welchen Mengen?
Wilking: "Manchmal werden nur 100 Stück bestellt, manchmal aber auch mehrere 100.000 Artikel geordert."
Während sich für seine Kunden in Versorgungsnöten die Wartezeit wie eine Ewigkeit anfühlt, erscheint für die Beschafferbelegschaft ein Krisentag oft wie ein Wimpernschlag.
4Source: Kumpels gründen Firma in Kneipe
Immerhin müssen sie unter enormem Zeitdruck nicht nur in jedem Winkel der Welt verborgene Elektronikteile aufspüren, sondern dabei auch Währungsschwankungen und Qualitätsunterschiede verschiedener Margen im Auge behalten.
"Wir haben exklusive Quellen, können weltweit auf Hunderte Lieferanten zurückgreifen, die vor allem in China, Japan, den USA, Singapur, Taiwan und Australien sitzen - einer sogar in Afrika", sagt Wilking.
Die Firma entstand vor 27 Jahren aus einer feuchtfröhlichen Laune heraus in einer Münchner Kneipe. "Ich habe 4Source dort gemeinsam mit drei Freunden gegründet, was auch die Ziffer '4' im Firmennamen erklärt", sagt Wilking.
Chip-Broker gab es damals zwar schon, doch man handelte noch über Faxgeräte. Wilking wollte es mit dem "neumodischen Kram" versuchen - mit dem Internet, das damals noch in den Kinderschuhen steckte.
30 Millionen Euro Jahresumsatz: So erfolgreich läuft das Chip-Geschäft
"Wir suchten nach einem Standort mit günstigen Lebenshaltungskosten, und weil ein Mitgründer an der TU Dresden studierte, fiel die erste Wahl auf Sachsens Hauptstadt", erzählt Wilking. "Meine damalige Frau ist gebürtige Chemnitzerin und freute sich, dass wir in ihre alte Heimat nach Sachsen zurückzogen."
In einem Zwischenhof in der Dresdner Neustadt arbeiteten 2001 die ersten 15 Chip-Broker. Seinen ersten Auftrag vergisst man nie. Für Wilking war es ein westdeutscher Maschinenproduzent, der händeringend Computerchips suchte. 4Source konnte sie ausfindig machen. Der Premierendeal war perfekt.
2006 zog die Firma in die Glacisstraße um und legte sich ein Lager für obsolete Bauteile zu - elektronische Komponenten, die vom Originalhersteller nicht mehr produziert und geliefert werden können: Halbleiter, Widerstände, Chips.
Die dort schlummernden Auslaufmodelle erweisen sich in Mangellagen als wahre Goldstücke. Dann werden sie aus ihrem Dornröschenschlaf wachgeküsst und im Eiltempo an die in Bedrängnis geratenen Auftraggeber verschickt. Überhaupt laufen alle Deals über Dresden als Dreh- und Angelpunkt. "Wir prüfen hier erst die Qualität jeder Lieferung, bevor wir sie zu unseren Auftraggebern weiterleiten", sagt Wilking.
Zur Corona- als Spitzenbeschaffungszeit wurden in der Firma 120 Pakete umgeschlagen - täglich! Jahresumsatz 2025: knapp 30 Millionen Euro. "Im vergangenen Jahr verdoppelte die drastische Bauteil-Krise unseren Gewinn im vierten Quartal", sagt 4Source-Sprecher Werner Witt (56). Des einen Leid' ist eben des anderen Freud'.
Ein Labor prüft auf Echtheit
Wo Mangel herrscht, ist Betrug nicht weit. Um ihre Auftraggeber vor Fake-Ware zu schützen, betreibt 4Source ein eigenes Labor mit zehn Angestellten. "Alle angelieferten Bauteile müssen sich hier auf 40 verschiedene Parameter durchchecken lassen", sagt André Rose (33), Chef der Qualitätssicherung.
Dafür verfügen die Bauteil-Detektive zum Beispiel über fünf digitale Lichtbildmikroskope (Wert: je 50.000 Euro) und zwei Röntgenschränke, mit denen sich Chips durchleuchten lassen.
Bislang größte Überraschung dabei: "Ein Zulieferer hatte uns mal leere Chips geschickt", erzählt Rose. Ob genau die richtige Anzahl von Bauelementen geliefert wie berechnet wurde, ermittelt zudem ein Röntgen-Bauteilzählgerät automatisch in Sekundenschnelle. Das würde sonst zur Sisyphusarbeit ausarten, sind doch auf manchem Diodengurt gleich 4000 der Miniaturbauelemente aufgewickelt.
Mit einer Azetonlösung und einem einfachen Wischtest wird zudem Etikettenschwindel aufgedeckt. Rose: "Färbt sich ein Wattebausch dabei tiefschwarz, ist das ein Indiz für abgerubbelten Lack. Der wurde von Betrügern vorher über die im Original eingelaserte Typenbezeichnung gepinselt und mit einer Fake-Beschriftung versehen." Schließlich prüft eine Röntgenfluoreszenzanalyse-Anlage, ob verbotene Elemente wie Blei, Kadmium oder Quecksilber in den Chips verbaut wurden, ohne die Bauelemente dabei zu zerstören.
Erst wenn alle Test ohne Befund verlaufen sind, werden die Auftraggeber mit den Teilen beliefert, die teilweise 15 Jahre in Lagern auf der ganzen Welt auf ihren Einsatz warteten. Die Fake-Quote ist gering: Etwa einmal im Quartal gibt's Schummelalarm.
Titelfoto: Bildmontage: Stefan Häßler, 4Source/PR

