Einmal volltanken und ab dafür! Auf Probefahrt mit dem Wasserstoff-Auto

Dresden - "Raus aus der Kohle!", "Nie wieder Atomstrom!", "Zu wenig Gas aus Russland!" - die Energieversorgung in Deutschland steht vor ihrer größten Herausforderung seit 1945.

Eine Kohlebaggerschaufel: fossil war gestern.
Eine Kohlebaggerschaufel: fossil war gestern.  © dpa/Patrick Pleul

Alternative Energieträger sind gefragt. Schon hat ein Wettlauf begonnen, der gerade im Bereich Mobilität zur Glaubensfrage geworden ist: Elektroantrieb oder Brennstoffzelle?

Sachsen spielt bundesweit bei beiden Systemen ganz vorn mit. Doch während E-Mobilität inzwischen zum Alltag gehört, führt Wasserstoff (H2) noch immer ein Nischendasein.

Ein Zustand, der sich gerade ändert.

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Die Zukunft steckt in einer schnneweißen Box

Mein erstes Mal: TAG24-Reporter Torsten Hilscher (53) am Steuer eines Brennstoffzellen-Autos.
Mein erstes Mal: TAG24-Reporter Torsten Hilscher (53) am Steuer eines Brennstoffzellen-Autos.  © Holm Helis

Die Zukunft steckt in einer schneeweißen Box und wird noch relativ selten genutzt. Wer die Total-Tankstelle Wiener Straße in Dresden besucht, sieht am Rande des Areals eine einzelne Zapfsäule. Dahinter eine gut gesicherte Riesenkiste.

Die Anlage ist eine von 91 Wasserstofftankstellen, die es momentan in Deutschland gibt. 85 davon werden von der Firma H2 MOBILITY Deutschland betrieben, ein Konsortium mit Sitz in Berlin, hinter dem Linde, Air Liquide, Daimler Truck, OMV, Total Energies, Shell und Hyundai stehen.

"Das Ganze ist noch ein hochdefizitärer Bereich", räumt Firmensprecherin Sybille Riepe (49) ein. Eine Tankstation wie die Dresdner koste 1,2 Millionen Euro. Der Wasserstoff für Pkw koste 9,50 Euro pro Kilo und sei gestützt.

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Damit kommt man rund 100 Kilometer weit. Je nach Fahrweise und Geschwindigkeit, auf der Autobahn sind es im Schnitt 1,3 oder 1,4 Kilogramm auf 100 Kilometer.

Ein Diesel fährt in der Stadt günstiger, weil er auf 100 Kilometer umgerechnet 0,5 Kilogramm frisst. Auf der Autobahn hängt ihn ein H2-Pkw verbrauchseitig aber ab; Benziner liegen mit H2-Autos da wie dort gleichauf.

Momentan nur drei H2-Pkw-Modelle in Deutschland auf dem Markt

Sprecherin Sybille Riepe (49).
Sprecherin Sybille Riepe (49).  © PR

"Wir stehen vor dem Henne-Ei-Dilemma", sagt Riepes Kollege Marko Krex (51). "Erst den Bedarf abwarten oder erst investieren, um auf den Bedarf zu hoffen..." Als Operations Supervisor ist er verantwortlich dafür, dass die Anlagen laufen.

Er betreut acht von 14 H2-Tankstellen der Firma in Ostdeutschland. "Jede kontrolliere ich einmal im Monat. Gewartet werden sie aller halben Jahre." An diesem Morgen kommt Krex aus Halle/S., wo er einen der beiden sachsen-anhaltischen Tankpunkte besucht hat.

Der Cheftechniker fährt einen Hyundai Nexo. Das Gefährt kostet etwas mehr als 78.000 Euro und ist eines von drei H2-Pkw-Modellen, die es derzeit am deutschen Markt gibt. Die anderen beiden sind Toyota Mirai für 63.900 Euro und der Mercedes GLC für 75.000 Euro.

"Diese zwei Modelle stehen aber nur im Leasing zur Verfügung", so Krex. Sein Hyundai kann übrigens sechs Kilogramm H2 tanken - reicht für rund 500 Kilometer.

Achtung: Das Auto ist nicht zu hören

Überwacht und wartet: Marko Krex (51) mit der H2-Zapfpistole.
Überwacht und wartet: Marko Krex (51) mit der H2-Zapfpistole.  © Holm Helis

Tanken geht so: Zunächst braucht der Kunde eine Karte von der Betreiberfirma, die er beim Tankvorgang wie eine Geldkarte in den Schlitz an der Zapfsäule schiebt. Der Tankrüssel wird am Tankstutzen luftdicht arretiert. Am Kopf hat der Stutzen einen Infrarotsensor, über den er mit dem H2-Tank im Auto "spricht".

Beide tauschen sich zu Temperatur und Druck im Inneren aus. Besprochen wird auch, ob alles dicht ist. Das Tanken dann verläuft auf Knopfdruck automatisch, wobei die Füllmenge nach Wunsch variiert werden kann. Für eine Beladung von "fast leer" auf "voll" heißt es sechs Minuten warten. Die Abrechnung erfolgt übers Konto und NICHT an der Total-Tankstelle, wird betont.

Nun geht's ans Fahren. E-Autos kennen wir, kleine Modelle. Die Tour mit einem Brennstoffzellen-Auto ist eine Jungfernfahrt, zumal in einem solchen Luxuswagen. Die Antriebsenergie ist sofort verfügbar, was E-Autos und Brennstoffzeller gemeinsam haben. An der Ampel hängen wir alle ab.

Gefährlich für Umstehende: Das Auto ist nicht zu hören. Auch ohne "Gas"-Pedal rollt die mehr als zwei Tonnen schwere Fuhre los, wenn man die Bremse lupft. Unterwegs hingegen bremst er sanft ab, wenn der Fuß das "Gas" verlässt. Zusätzlich kann die Rekuperation zugeschaltet werden, die Bremskraft als Energie-Guthaben zurückführt.

Schöne neue Welt, die aber nur langsam Zuspruch findet. Riepe zufolge gab es vergangenes Jahr an der Dresdner H2-Zapfsäule 706 Betankungen. Dabei wurden insgesamt 2241,5 Kilo Wasserstoff gekauft.

Info: Das ist Wasserstoff

Die Dresdner Wasserstoff-Zapfstelle an der Wiener Straße. Davor der Brennstoffzellen-Hyundai.
Die Dresdner Wasserstoff-Zapfstelle an der Wiener Straße. Davor der Brennstoffzellen-Hyundai.  © Holm Helis

Wasserstoff ist das leichteste aller Elemente, hat aber eine sehr hohe Energiedichte: In einem Kilogramm steckt dreimal so viel Power wie in einem Kilo Erdöl.

Hergestellt wird H2 (die chemische Formel für Wasserstoff), indem man Wasser (H20) in Wasserstoff (H2) und Sauerstoff (O) aufspaltet. Wenn die dazu benötigte Energie ausschließlich aus Wind- und Solarkraft gewonnen wird, entsteht Grüner Wasserstoff.

Standard ist momentan Grauer Wasserstoff, worunter man H2 versteht, das mithilfe fossiler Energieträger (vorwiegend Gas) gewonnen wird.

H2 oder Batteriestrom fürs Auto? E-Mobilisten bemängeln den geringeren Wirkungsgrad von H2 beim Antrieb und enorme Energieaufwendungen bei der Herstellung.

Titelfoto: Bildmontage: Holm Helis/PR

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