Anfang und Ende in Dresden: Nach 20 Jahren ist Schluss mit diesem Theater-Dauerbrenner
Dresden - Wenn ein Theaterabend über viele Jahre hinweg Bestand hat, spricht das weniger für modische Aktualität als für innere Substanz. Das Programm "Als ich ein kleiner Junge war", mit Walter Sittler (73) und den Sextanten, produziert vom sagas.ensemble, gehört zu jenen seltenen Arbeiten, die sich dem schnellen Zeitgeist entziehen und gerade dadurch dauerhaft wirken. Am 19. Februar ist das Programm ein letztes Mal zu sehen – im Schauspielhaus, wo es 2006 seine Premiere erlebte.
Kästner in Dresden, seiner Heimatstadt - wo sonst? In seinem berühmten Buch "Als ich ein kleiner Junge war" erzählt der Schriftsteller berührend von seiner Kindheit in Dresden, dem Aufwachsen etwa an der Königsbrücker Straße.
Es ist sicher eines der schönsten seiner Bücher und für die literarische Theateraufführung ein passender historischer Resonanzraum: Kästners Geburtsstadt bildet den Hintergrund vieler Erinnerungsbilder, die im Laufe des Abends lebendig werden.
Die Produktion ist Beispiel für erzählerisches Theater, das auf Genauigkeit, Vertrauen in den Text und künstlerische Haltung setzt. Sie folgt keiner klassisch-dramatischen Struktur. Stattdessen steht das erzählende Theater im Mittelpunkt, getragen von Sprache und Musik.
Walter Sittler gestaltet Kästners Text mit Zurückhaltung und Genauigkeit. Seine Interpretation verzichtet auf demonstrative Emotionalität und vertraut auf die Wirkung der Sprache selbst. Humor, Ironie und Melancholie stehen gleichberechtigt nebeneinander und machen den Abend zu einer reflektierten Annäherung an Kindheit, Herkunft und Zeitgeschichte.
Kästner-Premiere war Auftakt für besonderes Bühnenformat
Eine wesentliche dramaturgische Funktion übernimmt die Musik von Libor Šíma, Komponist und Orchesterleiter, Mastermind der Sextanten, geboren 1967 in Ústí nad Labem.
Die Musik ist integraler Bestandteil der Inszenierung und strukturiert den Abend ebenso wie der Text. Die Kompositionen schaffen Übergänge, vertiefen Stimmungen ohne die Sprache zu überlagern. Es musizieren die Sextanten, ein sechsköpfiges Ensemble.
Konzipiert und inszeniert wurde der Abend von Martin Mühleis (wird morgen 69), Produzent und Regisseur aus Schwäbisch-Gmünd und künstlerischer Leiter des sagas.ensembles. Auch die Textfassung ist von ihm.
Die Kästner-Premiere 2006 bildete den Auftakt für dieses besondere Bühnenformat, das Literatur, Spiel und Musik auf eine Weise verbindet, die damals neu wahr und eine ganze Reihe ähnlicher Produktionen inspirierte.
Einige der Programme, etwa "Eine Weihnachtsgeschichte" von Charles Dickens, wahlweise mit Samuel Finzi und Herbert Knaup oder Udo Wachtveitl und Miroslav Nemec, oder "Der erste Mensch" nach Albert Camus, mit Joachim Król und L'Orchestre du Soleil (neuerdings mit Jens Harzer oder Wolfram Koch), sind in Sachsen immer wiederzusehen.
"Als ich ein kleiner Junge war": 20. Saison ist Anlass zum "Schlussstrich"
Schwierigkeiten, Stars zu gewinnen, hat Mühleis nicht mehr. "Zu Anfang war es mühsames Klinkenputzen", erinnert er sich, "inzwischen ist es ein schönes Miteinander mit namhaften Schauspielerinnen und Schauspielern".
Mit Walter Sittler entstanden zwei Folgeprogramme zu Kästner, auch sie waren auf Dresdner Bühne schon zu sehen. Nun geht es mit dem Ursprungsprogramm und seiner letztmaligen Aufführung nach Dresden zurück.
"Wir nehmen die zwanzigste Saison zum Anlass, den Schlussstrich zu ziehen", so Mühleis. "Wir hören zu einem Zeitpunkt auf, wo wir alle noch Topleistungen erbringen können." Nach Zählung von Walter Sittler, "der genau Buch führt", ist es die 563. Vorstellung. Mehr als nur ein Hauch von Spannung liege für Schauspieler und Produzent über diesem Finale, sagt Mühleis: "Es ist fast so wie bei einer Premiere."
Am 19. Februar, 20 Uhr, ist die Aufführung ein letztes Mal zu sehen. Karten gibt es für 25 bis 39 Euro.
Titelfoto: Bildmontage: Norbert Neumann, André Albrecht

