Dresden - "Die Kollegen dachten, ich bin bekloppt": Sven "Kasi" Kasimirs (45) Küche muss liefern. 1100 Süppchen, Enten und Tiramisus wollen sekundengenau vor den Gästen von gleich zwei Dinnershows stehen. So bleibt keine Zeit zum Schwitzen und Schreien. Es sei denn, ein Lieferant reißt ihn aus dem Schlaf. TAG24 durfte ihn eine Schicht lang begleiten.
20:43:37 Uhr, behauptet die Anzeige im Satellitenzelt. Hat sie recht, sind sie zu spät.
"Die Klöße, bitte!", brüllt einer der Köche zum dritten Mal. "Das Band rollt nicht!", blafft es zurück. "Kasi" brummt: "Wir haben Verspätung." Und plötzlich geht alles ganz schnell.
Zwei heiße Teller mit Preiselbeer-Apfelrotkohl landen auf dem inzwischen angelaufenen Fließband. Im Akkord werden mit Semmelbutter gefüllte Kartoffelrouladen und in Honig gebackene Entenkeulen hinzugelegt, bevor Bratensauce und ein letzter Schliff das Ensemble abrunden. Niemand spricht. Bis sich Dutzende Revierkellner ihre Beute vom "Pass" nehmen.
"Können wir rüber?", fragt ein Koch im Wissen, gleich noch mal 550 Teller zu drapieren. "Wenn du mir noch eine Ente schickst", sagt ein Kellner, "dann sind alle zufrieden."
Koch konnte früher nicht einmal Pudding kochen
"Jede Sekunde zählt", ist Gesetz der besten Küchen der Welt. Kasis Küche zählt zweifellos dazu: Nirgendwo sonst in Deutschland werden zwei unterschiedliche Dinnershows gleichzeitig und frisch bekocht. Schon gar nicht 1100 Gäste auf einmal. Wieso tut man sich das an?
"Ich konnte nicht mal Pudding kochen früher", lacht der Küchenchef wenige Stunden zuvor.
Warum er Koch geworden ist, weiß er selbst nicht mehr. "Ich bin eines Tages zu meiner Mutti gegangen und habe gesagt, ich hab's", erzählt er TAG24 im Lagerraum. Dieses Gefühl blieb nun seit fast 30 Jahren.
In einem Hotel hat der Dresdner mit 17 das Kochen gelernt, reiste als Mietkoch um die Welt. 2012 landete er schließlich bei den Dinnershows im Dresdner Ostra-Dome. "Das ist jetzt mein 13. Mal Mafia Mia", grübelt er. Doch mit der zweiten "Moments"-Show begann der Wahnsinn erst.
"Wunderwaffe" von "Kasi": Sechs Fließbänder
"Als uns der Chef sagte, dass er zwei Shows gleichzeitig machen will, hat die Hälfte der Leute den Raum verlassen", lacht Kasi. Doch in ihm wuchs der Ehrgeiz.
"Würden wie im Restaurant zwei Mann Suppe eingießen, während drei mit Pinzetten das Gemüse anrichten, dann dauern die Shows eine halbe Woche. Aber wenn der Pate den Hauptgang ankündigt, muss das Servicepersonal reinströmen."
So kam ihre "Wunderwaffe" ins Spiel: sechs Fließbänder, die mehr an Supermarkt als Cuisine erinnern, sorgen dafür, dass der erste Gast die Ente exakt um 20.47 Uhr vor sich stehen hat. Für Vegetarier und Allergiker hilft ein zweites Pass-Anrichten.
Die kleine Küche, die Spül- und eine zweite Anricht-Schleuse durfte er mit entwerfen. "Bei der Premiere der Doppel-Dinnershow waren wir nur 15 Sekunden hinterher", sagt Kasi.
"Kasi" machte sich 2012 selbstständig
2012 hat er sich selbstständig gemacht, seit '22 beschäftigt er eine eigene Crew.
"Manche sind seit über zehn Jahren dabei." Wohl auch, weil sie sich nicht an die strenge Hierarchie der französischen Cuisine halten.
"Maître" Kasi hat einen Stellvertreter, den sogenannten "Souschef" Stan. Doch schon die Riege Köche darunter (les "Chefs de Parties") hat höchstens bei der Musikauswahl den Hut auf. "Ich koche eine Suppe nie allein. Meine Handschrift ist, dass jeder die Chance hat mitzufühlen, mitzuwirken, mitzuplanen. Also nett sein."
Nicht bloß bei Schneestürmen reißen ihn Lieferanten um 5 Uhr aus dem kurzen Schlaf. Dazu Verantwortung, Zeitdruck, Stress.
"Du kriegst von früh bis spät auf die Fresse. Und machst es morgen noch mal", lacht er, aber meint es ernst. Denn "ich gehe nicht auf Arbeit, ich gehe zu meinem Hobby".
Kasi sagt: "Essen kochen ist wie Kunst. Nur dass unsere Kunst innerhalb von 10 Minuten weg ist. Die Einzigen, die sagen können, wie es aussah, saßen drumrum. Jemand, der ein geiles Haus baut, ist für immer im Gespräch. Aber wer sagt schon, 'ich hab’ vor sechs Monaten ein geiles Steak gegessen'? Und genau das ist mein Anspruch."
Der "Wahnsinn" in Zahlen
Damit vor der Bühne gestaunt und gemampft werden kann, wirbeln im Hintergrund mehr als 120 Mitarbeiter.
Schon am Vormittag decken 10 Leute Ostra-Dome und Nebenzelt für die beiden Veranstaltungen ein. Mit immer 50 frischen Kränzen vom Blumenladen oder 250 Lampen. Am Abend kümmern sich insgesamt 31 Revierkellner ums leibliche Wohl der 1100 Gäste, werden dabei von nochmal so vielen Läufern unterstützt.
Apropos: Es laufen auch 380 Meter Tischdecken aus schwarzem Samt.
Neun Spüler reinigen in zwei Schichten 13.650 Geschirrteile, darunter 6200 Teller und Schälchen und 6600 Messer, Löffel und Gabeln. In etwa 8800 Gläsern werden über 30 Cocktails serviert, wobei die Alkoholfreien allmählich übernehmen.
Auch die Uhr scheint abgezählt: So sollte zum Beispiel der erste Moments-Gast um exakt 19.27 Uhr seine Suppe vor sich stehen haben, 22.48 Uhr verlässt das erste Mafia-Dessert die Küche.