"Der Florentiner Hut" an der Semperoper: Oper statt Kino
Dresden - Nino Rota, wer den Namen hört, denkt daran, wie Marcello Mastroianni als Promireporter durch Rom flaniert (Fellini, "Das süße Leben"), Burt Lancaster als alternder Fürst mit Claudia Cardinale Walzer tanzt (Visconti, "Der Leopard") oder Al Pacino sich in der Glut Siziliens vor einer New Yorker Mordtat versteckt (Coppola, "Der Pate").
Außer ungefähr 150 ikonischen Filmmusiken hat der Komponist aus Mailand (1911-1979) zehn Opern geschrieben, 23 Ballett- und Bühnenmusiken, drei Sinfonien und drei Klavierkonzerte, die kaum jemand kennt. Mit der Produktion der Oper "Der Florentiner Hut" nach dem Stück von Eugène Labiche (1815-1888) an der Semperoper ändert sich das nun - endlich. Premiere war am Sonntag in der Semperoper. Die Inszenierung ist eine Übernahme der Oper Graz, von Semperoper-Intendantin Nora Schmid, die eben dort vorher im Amt war, nach Dresden mitgebracht.
"Der Florentiner Hut" ist eine Farce in vier Akten. Am Tag seiner Hochzeit mit Elena gerät Bräutigam Fadinard in Panik, weil sein Pferd den Strohhut einer Dame, Anaide, gefressen hat. Da die Besitzerin den Hut dringend ersetzen muss, um eine Affäre zu verbergen, beginnt eine wilde Jagd durch die Stadt. Zwischen eifersüchtigen Liebhabern und einer vergnügungssüchtigen Baronin zieht die von Schwiegervater Nonancourt angeführte ahnungslose Hochzeitsgesellschaft ziellos durch Paris, wobei aus immer neuen Missverständnissen immer größeres Chaos entsteht.
Der Kniff von Regisseur Bernd Mottl, Bühnenbildner Friedrich Eggert und Kostümbildner Alfred Mayerhofer ist besonders. Als Filmkomponist war Rota einer, der die Bilder von anderen musikalisch auflud. In diesem Fall ist es umgekehrt, wird seine Musik mit Bildern aufgeladen, die so süffig und sinnlich sind wie die Musik. Das Bild vom eifersüchtigen Beaupertuis, der im Nachthemd auf der Toilette sitzt und ein Fußbad nimmt, und überhaupt die fantastisch-surreale Szenerie aus riesigen Hutschachteln, deren Innenleben vom Salon bis zum Gefängnis jeglichen Schauplatz entfalten, sind selbst wie aus einem Fellini-Film.
Nino Rotas Oper sorgt für Standing Ovation
Nino Rota entfaltet eine Partitur zwischen Buffa und Operette mit vielen Anspielungen auf andere Meister und voller Bewegung, Witz und überraschender Stilwechsel. Ein "Bouquet leichter Melodien", wie die "Opernwelt" mal schrieb. Fast jede Szene scheint zu rennen, zu tanzen oder zu stolpern - als würde die Musik selbst dem verlorenen Hut hinterherjagen. Das Tempo des Spiels ist hoch, das Timing stimmt, womit eine Hauptforderung an das Genre Komödie erfüllt ist. Was Sängerinnen und Sänger - Piotr Buszewski (Fadinard), Alexander Grassauer (Nonancourt), Maire Therese Carmack (Baronin de Champigny), Rosalia Cid (Elena), Neven Crnić (Beaupertuis), Valerie Eickhoff (Anaide), Danylo Matviienko (Emilio), Florian Stern (Onkel Vézinet) und andere, ebenso der Chor - stimmlich und schauspielerisch vorführen, ist phänomenal. Die Staatskapelle unter Leitung von Daniele Squeo beweist einmal mehr, wie gut sie außer Schwere auch Leichtigkeit kann.
Nino Rotas Musik mithilfe dieses "Florentiner Huts" im großen Stil wieder- und neu zu entdecken, wäre zu wünschen. Stürmischer Applaus im Stehen.
Titelfoto: Mark Schulze Steinen