"Die Stadt ohne Juden": Tacheles in der Semperoper
Dresden - Der Stummfilm "Die Stadt ohne Juden" ist ein filmhistorisches Dokument von besonderer Güte. Dass es einmal so sein würde, war im Produktionsjahr 1924 nicht absehbar und wurde Wirklichkeit erst durch Verfolgung und Vernichtung in der Nazizeit. Am 28. Mai erlebt der Film seine Wiederaufführung in der Dresdner Semperoper in einem besonderen Programm.
Ein Thema, das angesichts des sich erneut ausbreitenden Antisemitismus von beklemmender Aktualität ist. Im Rahmen des Themenjahres "Tacheles – Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen 2026" zeigt die Semperoper den österreichischen Stummfilm von Hans Karl Breslauer in einer Aufführung mit Live-Musik der Komponistin Olga Neuwirth (57), gespielt vom Wiener Ensemble Phace unter Leitung von Nacho de Paz.
Den Auftakt des Abends bildet eine Lesung des Schauspielers Jörg Schüttauf (64) aus dem Roman "Die Stadt ohne Juden." Die literarische Vorlage zum Stummfilm veröffentlichte der österreichische Journalist, Schriftsteller und Drehbuchautor Hugo Bettauer 1922.
Das Buch entwirft das Bild einer fiktiven Stadt, hinter der unschwer Wien zu erkennen ist. Unter dem Druck antisemitischer Stimmung beschließt die Regierung die Ausweisung aller Juden. Was zunächst als politischer Erfolg gefeiert wird, schlägt bald in wirtschaftlichen Niedergang, kulturelle Verarmung und moralischen Zerfall um. Diese düstere Vision macht den Roman bis heute eindringlich – er beschreibt Mechanismen von Ausgrenzung und gesellschaftlicher Selbstzerstörung.
Die Verfilmung von 1924 zählt zu den bedeutendsten Werken früher österreichischer Filmgeschichte. Breslauer zeigt eine Gesellschaft, die sich durch Hass und Extremismus ihrer eigenen kulturellen Grundlagen beraubt. Im Rückblick wirkt der Film wie eine Vorahnung jener Verbrechen, die Europa wenig später heimsuchen sollten. Zusätzliche Tragik erhält das Werk durch das Schicksal seines Autors: Bettauer wurde 1925 von einem Nationalsozialisten ermordet.
"Die Stadt ohne Juden": Wiederaufführung eines legendären Stummfilms
Nach seiner Uraufführung verschwand der Film aus dem Blick der Öffentlichkeit. Zwar blieben einzelne Fragmente erhalten, doch erst ein Zufallsfund auf einem Pariser Flohmarkt im Jahr 2015 ermöglichte dem Filmarchiv Austria die nahezu vollständige Restaurierung. Seitdem wird das Werk international wieder gezeigt – nicht nur als filmhistorische Sensation, sondern auch als Warnung vor den Folgen gesellschaftlicher Ausgrenzung.
Die Aufführung verbindet diese wiederentdeckte Filmgeschichte mit einer zeitgenössischen musikalischen Perspektive. Neuwirths Komposition, 2017 entstanden und 2018 im Wiener Konzerthaus uraufgeführt, begleitet den Film nicht bloß, sondern kommentiert ihn klanglich. So ist der Abend mehr als eine schlichte Wiederaufführung. Er ist im Zusammenspiel von Literatur, Kino und Musik eine Erinnerung daran, wie zerbrechlich das kulturelle Fundament einer offenen Gesellschaft sein kann.
Karten für 16 Euro.
Titelfoto: Markus Bruckner
