Downtown-Chefin im Corona-Interview: So steht's um den Dresdner Kult-Club

Dresden -  Die Corona-Pandemie hat das Jahr 2020 fest im Würgegriff. Sektorenübergreifend werden die Menschen vor große Herausforderungen gestellt. Das gilt dieser Tage insbesondere auch für die Party-Branche. Kann dieser Wirtschaftszweig überhaupt überleben? TAG24 hat mit Downtown-Geschäftsführerin Jana Gäbler jemanden getroffen, der seit 20 Jahren Teil der Dresdner Club-Kultur und somit tief in diesem Geschäft verwurzelt ist. 

Seit 20 Jahren fest verwurzelt mit dem Downtown in Dresden: Jana Gäbler. Das mixen von Cocktails und Longdrinks beherrscht sie im Schlaf.
Seit 20 Jahren fest verwurzelt mit dem Downtown in Dresden: Jana Gäbler. Das mixen von Cocktails und Longdrinks beherrscht sie im Schlaf.  © privat ; Max Patzig

Freitagabend. Viele Dresdnerinnen und Dresdner freuen sich nach einer anstrengenden Woche auf ein ereignisreiches Partywochenende. 

Die Neustadt ist da nicht weit und die Katharinenstraße ein beliebter Anlaufpunkt. Freitagabend ist Downi-Abend.

Doch die Pandemie droht der Party-Branche letztlich komplett den Stecker zu ziehen - und mittendrin auch dem Dresdner Kult-Club. Wie geht's also weiter? 

TAG24: Hallo Jana, Du bist seit 20 Jahren Teil der Downtown-DNA. Was bedeutet der Club für Dich?

Jana Gäbler: Ich glaube hier spreche ich nicht nur für mich. Das Downtown ist eine Familie, ein zweites Zuhause und ein Ort, an den man viele nette Menschen kennen lernt und an dem man natürlich auch sehr gut feiern kann. Es ist wirklich weit mehr als nur eine Arbeitsstelle.

Für mich steht das Team und der offene Kontakt mit der Kundschaft an oberster Stelle. Sie sind das Downtown, hier darf jeder so sein, wie er ist. Keiner verstellt sich. Es ist etwas besonderes, ein Phänomen, das sich schwer erklären lässt. Über die Jahre sind da auch tiefe Freundschaften entstanden. 

Corona anfänglich unterschätzt: "Wegen einer Vogelgrippe musste auch nichts schließen"

So manchem nur im Schatten der Dunkelheit bekannt. Der Downtown-Eingang in der Katharinenstraße in der Dresdner Neustadt.
So manchem nur im Schatten der Dunkelheit bekannt. Der Downtown-Eingang in der Katharinenstraße in der Dresdner Neustadt.  © Steffen Füssel

TAG24: Momentan ist vieles anders, die kalte Corona-Dusche hat auch Euch erwischt. Wann und Wo habt Ihr davon erfahren, dass ihr vorerst nicht mehr öffnen könnt?

Jana Gäbler: Das ist eine sehr witzige Frage. Mitte Februar kam mein Chef auf mich zu und fragte, ob ich glaube, dass wir das Downtown wegen Corona schließen müssen. 

Ich war wohl etwas blauäugig und hatte mich mit dem Thema auch noch zu wenig beschäftigt und antwortete flachs: "Wegen einer Vogel- oder Schweinegrippe musste auch nichts schließen" - ein fataler Fehler wie sich rückblickend herausstellte.

Die erste Schließung haben wir selbst für das Wochenende vom 13. und 14. März beschlossen. Das amtliche Verbot folgte dann in der Woche darauf durch die Medien.

TAG24: Das Downtown lebt ja schließlich nicht nur von den Gästen, sondern eben auch vom Personal. Den Chefs und den Barkeepern, den Reinigungskräften, aber auch Security und DJs. Wie war der Austausch untereinander?

Jana Gäbler: Am ersten Wochenende war alles natürlich sehr chaotisch. Das Personal war schon eingeteilt. Denen musste man dann so schnell wie möglich absagen.

Wir arbeiten am Abend mit vielen Pauschalkräften und Selbstständigen zusammen. Darunter auch beispielsweise die DJs. Wir haben Chats eingerichtet, um miteinander kommunizieren zu können. Viel lief aber auch übers Telefon.

Pauschalkräfte spürbar verunsichert, DJs von heute auf morgen ohne Aufträge

Vor Corona hat das Downtown jedes Wochenende seine Pforten für Feierwütige geöffnet. Die Floors sind in aller Regel prall gefüllt.
Vor Corona hat das Downtown jedes Wochenende seine Pforten für Feierwütige geöffnet. Die Floors sind in aller Regel prall gefüllt.  © Max Patzig

TAG24: Worüber wurde da größtenteils gesprochen?

Jana Gäbler: Hauptsächlich ging es darum, den Stand der Dinge auszutauschen. 

Auch die Frage, ob es irgendeine finanzielle Unterstützung vom Staat gibt. Manche auch einfach nur, weil sie in Sorge waren und selbstverständlich auch Ängste hatten.

Unsere Eigentümer Stefan Schulz, Klaus Körner und Andreas Preuß sind allerdings Profis und schon lange in dieser Branche tätig. Sie mussten schon den einen oder anderen Rückschlag in Kauf nehmen. Ich persönlich bewundere deren Ruhe in dieser Situation.

TAG24: Ihr habt auch zahlreiche Pauschalkräfte. Wie erging es diesen, leiden sie vielleicht noch mit am meisten am Lockdown?

Jana Gäbler: Bei ihnen waren die Ängste für mich am spürbarsten. Viele von Ihnen sind auf das zusätzliche Einkommen angewiesen, es ist nicht nur ein zusätzliches Taschengeld. Bei uns arbeiten beispielsweise angehende Erzieherinnen, die mit dem BAföG und dem zu zahlenden Schulgeld nur ein sehr geringes Einkommen besitzen.

Aber auch die DJs, die ein fester Bestandteil sind und zum wichtigsten Unterhaltungspunkt in einem Club zählen, hat es extrem hart getroffen. Viele von Ihnen sind selbstständig. Da kann das Einkommen mal schnell in Gänze ausfallen.

Doch trotz all dieser Zukunftsängste sind alle sehr ruhig geblieben und waren weiterhin engagiert. Das war sehr schön zu beobachten.

"Gut beraten gefühlt, hat sich sicherlich keiner"

Tristes Bild: Die Cocktailbar im oberen Bereich des Downis ist aktuell menschenleer.
Tristes Bild: Die Cocktailbar im oberen Bereich des Downis ist aktuell menschenleer.  © Max Patzig

TAG24: An wen habt Ihr euch wenden können bzw. an wen könnt ihr euch wenden, wenn IHR Fragen hattet bezüglich Lockerungen, oder gar einer möglichen Wiederaufnahme des (regulären) Betriebs? Habt ihr euch gut beraten gefühlt oder eher allein gelassen und im Regen stehend?

Jana Gäbler: Gut beraten gefühlt, hat sich sicherlich keiner aus den betroffenen Branchen. Die meisten Informationen lieferten uns das Internet und die Medien, allerdings war es natürlich sehr schwer, sich hier treffende und die richtigen Informationen zusammen zu suchen.

Da waren auch einige Falschmeldungen dabei. Dennoch, ein Hygienekonzept zu erstellen war nicht die Herausforderung. Viel eher musste dieses eine bestimmte Form einhalten. Doch dazu gab es keinerlei Formulare von den Ämtern. 

Man musste sich durch viele Verordnungen wühlen, hatte Checklisten von zu großem Umfang.

"Frustration steigt", aber es bewegt sich was

Am Wochenende brennt hier die Luft, der Schweiß tropft mimt dem Konfetti im Gleichschritt von der Decke.
Am Wochenende brennt hier die Luft, der Schweiß tropft mimt dem Konfetti im Gleichschritt von der Decke.  © Max Patzig

TAG24: Da du vorhin von der Unterstützung deiner Mitarbeiter gesprochen hast: Das Thema Kurzarbeit war relativ schnell und plötzlich für eine Vielzahl der Arbeitnehmer ein Thema. Ihr habt nun seit vier Monaten völligen Stillstand, wie geht man mit einer solchen Durststrecke um?

Jana Gäbler: Alle Festangestellten sind noch auf Kurzarbeit und kein Ende ist in Sicht - natürlich steigt die Frustration. Wir sind nicht alle auf 100 Prozent Kurzarbeit, wir nutzen die Zeit um neue Konzepte zu entwickeln, das Downtown umzubauen und zu verschönern.

Allerdings ist hier der finanzielle Aspekt sehr deprimierend, man hat Ausgaben aber Null Einnahmen, hier trifft es am meisten die Eigentümer.

TAG24: Hört man sich in der Branche um, sprechen viele davon, dass es aufgrund der unplanbaren Situation keine wirklich langfristige Marschroute gibt. Man muss abwarten. Habt Ihr für das Downtown dennoch ein eigenes "Corona-Konzept"?

Jana Gäbler: Wir sind alle gut vernetzt, gerade in der Neustadt. Einen genauen Zeitplan gibt es nicht. Momentan dürfen wir langsam wieder öffnen, unter sehr unkomfortablen Bedingungen. Es ist ein Spagat zwischen dem Wunsch dem Publikum Alternativen bieten zu können und aber auch einigermaßen wirtschaftlich zu handeln.

Wir haben nun für verschiedene Situationen mehrere Konzepte erstellt. Mit einem werden wir dann am 11. Juli starten.

Nach 28 Jahre: Steht die Existenz des Downtowns auf dem Spiel?

"Wir können hier nur optimistisch denken." Jana Gäbler hofft, dass sich die Bars in ihrem geliebten Club bald wieder mit Menschen füllen werden.
"Wir können hier nur optimistisch denken." Jana Gäbler hofft, dass sich die Bars in ihrem geliebten Club bald wieder mit Menschen füllen werden.  © Max Patzig

TAG24: Jetzt mal Butter bei die Fische: Eine Neustadt ohne Downtown ist für viele kaum vorstellbar. So weh es tut, aber besteht die Gefahr, dass dieser Albtraum schließlich Realität wird, ihr möglicherweise gar nicht wieder aufmacht und Corona nicht überleben könntet?

Jana Gäbler: Das Downtown gibt es seit 28 Jahren, wir können hier nur optimistisch denken. Spätestens mit einem Impfstoff sollten wir wieder in der normalen Größe auftreten können. 

So lange müssen wir durchhalten - und das werden wir! Aber wir brauchen auch die Unterstützung der Ämter und Behörden, das ist klar.

TAG24: Anfang letzter Woche gab es erneute Lockerungen. Endlich scheint sich auch für die Club-Szene etwas getan zu haben. Wie stehst Du dazu? Eine gute Sache, oder eher Entscheidungen der Marke "nichts gekonnt"?

Jana Gäbler: Es mussten schnell viele Entscheidungen auf einmal getroffen werden, da kann es passieren, dass der eine oder andere Bereich schlicht vergessen wird. Aber vielleicht wäre es dennoch sinnvoll gewesen, mal denjenigen der viel Zeit hat und selbst betroffen ist, zu fragen, welche Ideen und Vorschläge er hat.

Bars, Restaurants, Theater oder Kinos haben schon wieder eine Weile auf. Sie alle haben Gemeinsamkeiten. Nimmt man jetzt den Club dazu, unterscheidet er sich nur in der Tanzfläche. Aber warum unterscheidet man nicht nach Unterhaltungsbereichen für das Publikum? 

Auf alle Unterhaltungsarten mit großer Publikumsdurchmischung muss verzichtet werden, aber ein Barbetrieb mit abgesicherten Künstlerbereich ist für alle Veranstaltungsstätten möglich.

Das ist den Behörden jetzt anscheinend auch aufgefallen und deshalb dürfen wir in diesem Rahmen ab dem 30.6. öffnen. Stellt sich jetzt eben nur die Frage: Warum nicht eher?

Man hätte uns eher ins Boot holen können und unseren Ansätzen Gehör schenken können. So hatte man zwischenzeitlich das Gefühl, vergessen worden zu sein.

Titelfoto: privat ; Max Patzig

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