Musical-Uraufführung "Simsalabim" an der Staatsoperette: Zaubertricks und Lebenslügen

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Dresden - Geht das? Kann man ein unterhaltsames Musical machen über "Hitlers liebsten Magier", einen charakterlich fiesen Nazi-Mitläufer, dem auch nach 1945 eine große Karriere als Zauberkünstler gelang, der dafür seine Täterschaft leugnete, quasi wegzauberte? Die Staatsoperette hat dieses Wagnis unternommen - und es ist geglückt! Die begeistert gefeierte Uraufführung der opulenten Eigenproduktion "Simsalabim - Das magische Leben des Dr. Schreiber" war am Samstag.

Verblüffender Hokuspokus: Magier "Kalanag" (Marcus Günzel) lässt Partnerin "Gloria" (Sybille Lambrich) schweben.
Verblüffender Hokuspokus: Magier "Kalanag" (Marcus Günzel) lässt Partnerin "Gloria" (Sybille Lambrich) schweben.  © Lutz Michen

Lug und Trug, Täuschung und Publikumsverführung - das ist das Handwerkszeug der Magier. Helmut Schreiber (1903-1963), der sich als Zauberkünstler "Kalanag" nannte, beherrschte alle Tricks. Und er war wohl - das Musical "Simsalabim" legt es ungeschönt nahe - ein veritables Arschloch. Ein Typ, der immer auf den eigenen Vorteil bedacht war, der seine Eltern, seine Frauen, seine Töchter, seinen Freund und sein Publikum hinterging und benutzte. Marcus Günzel verkörpert ihn meist leichtfüßig, selten zweifelnd - und dieser grandiosen Darstellung ist es zu verdanken, dass wir seine Figur nicht verachten, sondern mögen.

Das ist die Glanzleistung dieser Inszenierung: Die zwei Seiten eines schillernden Charakters glaubhaft zu zeigen. Sein Show-Talent, aber auch die dunklen Kapitel seiner Lebensgeschichte, in der er sich Hitler und Goebbels andiente (Buch: Dirk Laucke). Die Geschichte beginnt mit einem Lazarett-Ballett mit Kriegsversehrten an Krücken und Trümmerfrauen zum Songtext "Ausgehitlert, ausgehungert, ausgebombt" (Liedtexte: Martin G. Berger). Von 1913 bis 1963 wird Schreibers Leben geschildert; kaleidoskopartig, in der Geschichte hin- und herspringend, klug und schlüssig.

Erzählt wird, wie sich Helmut in den 20ern zur Präsidentschaft des "Magischen Zirkels" schlawinert, wie er seinen Freund Max (stark: Gero Wendorff) bei Propagandafilmen im Berlin der 30er-Jahre als Juden diffamiert, wie er mit seiner Frau Anneliese als "die große Gloria" (wunderbar: Sybille Lambrich) Zaubertricks im US-Fernsehen der 50er aufführt, danach unmoderner wird. Und wie man ihn mit seiner NS-Vergangenheit konfrontiert, die er scheinbar spurlos verschwinden lässt. "Ein Zauberer ist von Berufs wegen ein Lügner", heißt es. Die Lebenslüge wird mehrfach besungen: "Ein neuer Name, ein neues Leben, die gleiche Welt".

"Simsalabim - Das magische Leben des Dr. Schreiber": Eindrucksvolle Bühnenbild und verblüffende Tricks

Die australische Komponistin Elena Kats-Chernin hat wunderbare, fast zeitlose Melodien geschrieben ("Ratz-Fatz" oder das in mannigfaltigen Reprisen wiederholte "Simsalabim - Alles ist möglich"), die mal an 20er-Swing oder 50er-TV-Shows erinnern. Chefdirigent Michael Ellis Ingram lässt diese Akzente mit seinem hervorragenden Orchester aber wie aus einem Guss klingen - klassischer, mitreißender Musical-Sound.

Das eindrucksvolle Bühnenbild (Jelena Nagorni) nutzt zwei Drehbühnen voller Spiegel, die die Täuschungen der Illusionisten unterstreichen, Regisseur Matthias Reichwald findet viele fantasievolle Bilder. Am Ende singt Günzels als entlarvter Schreiber: "Sie würden's nie tun, weil Sie die Guten sind" und durchbricht die vierte Wand, ans Publikum gerichtet: "Ihr würdet's nie tun." Dass dabei der Begriff "Brandmauer" fällt, ist ein unnötig didaktischer Schlenker. Dann glimmt es aus, kein großes Finale folgt mehr. Eigentlich schade.

Verblüffend sind die echten Bühnentricks, wenn "Kalanag" seine "Gloria" im Reifen schweben lässt, wenn Günzel für Besucher aus der ersten Reihe Wein aus Wasser zaubert. Stark gespielt, gesungen und getanzt: Eine gelungene, thematisch mutige und runde Inszenierung.

Titelfoto: Lutz Michen

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