Uraufführung von "Träume in Europa" im Schauspielhaus: Im Strudel des Unbewussten

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Dresden - Schlafrhythmen und Traumlogik prägen das Theater von Regisseur Sebastian Hartmann erheblich. Mit seiner neunten Inszenierung am Staatsschauspiel Dresden nimmt er das ernster denn je: Auf die Bühne kam "Träume in Europa" von Wolfram Lotz. Dreieinhalb irreale Stunden voller Rätsel - mit viel Zauber, aber auch Längen.

Das Ensemble trägt Kulissen und Mitspieler von der Bühne - aber alles kehrt zurück.
Das Ensemble trägt Kulissen und Mitspieler von der Bühne - aber alles kehrt zurück.  © Sebastian Hoppe

Sebastian Hartmann scheint Regisseur der Stunde zu sein. Am vergangenen Wochenende war er - in dieser Doppelung bemerkenswert - mit zwei radikal unterschiedlichen Inszenierungen zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Und an diesem Samstag schon kam seine neueste Dresdner Inszenierung zur Uraufführung.

Wie immer in der Hartmann eigenen Ästhetik, mit seiner Handlungsverweigerung und seinem spiralförmigen, Sog-artigen Bühnenrausch in schwarzweißer Zwischenwelt.

Die Kombination Hartmann/Lotz ist nicht neu: Schon 2019 hatte Hartmann die "Rede zum unmöglichen Theater" von Wolfram Lotz bei seiner Dostojewski-Dekonstruierung von "Schuld und Sühne" verwendet. Jetzt stützt er sich komplett auf einen Lotz-Text.

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Der hatte nach seinem monumentalen 900-Seiten-Tagebuch "Heilige Schrift I" von 2022 in diesem Januar "Träume in Europa" herausgebracht, eine nur 100-seitige Sammlung von Traumschilderungen, die er in Internet-Foren von Menschen aus ganz Europa fand. Kein politisches Ganzes, sondern ein allgemein gesammeltes Unbewusstes.

98 dieser Träume lässt Hartmann von seinem Ensemble aneinanderreihen. Jede Vignette ist ein brillanter Monolog, also seien alle Darsteller hier benannt (und ausdrücklich gerühmt): Marin Blülle, Gina Calinoiu, Jakob Fließ, Philipp Grimm, Henriette Hölzel, Nihan Kirmanoğlu, Paul Kutzner, Torsten Ranft, Sarah Schmidt und Nadja Stübiger - in erst hellenischen Gewändern, dann in schwarzweißen Kostümen (von Adrian Braga Peretzki).

Nicht die beste Hartmann-Inszenierung, aber sie unterstreicht seine Handschrift

Versuchen, ihre Träume zu sortieren (v.l.): Henriette Hölzel, Marin Blülle, Nihan Kirmanoğlu, Torsten Ranft, Sarah Schmidt.
Versuchen, ihre Träume zu sortieren (v.l.): Henriette Hölzel, Marin Blülle, Nihan Kirmanoğlu, Torsten Ranft, Sarah Schmidt.  © Sebastian Hoppe

Sie sitzen anfangs an einer langen Tafel, die an da Vincis Abendmahl erinnert (Bühne: wie immer Sebastian Hartmann selbst). Die Traumerlebnisse bleiben unsortiert: wenn man in Amsterdam ein Taxi fährt, obwohl man als Fahrgast drinsitzt, wenn die USA Atombomben in eigenen Städten zünden, um Kriegsanlässe zu erzeugen, wenn man auf verstorbene Kinder trifft, wenn einem Justin Bieber begegnet und man zu wissen meint, was eine Fabrik zu fühlen glaubt.

Nadja Stübiger pupst einen Vogel aus ihrem Anus, sieht sich später als Hitler, Sarah Schmidt imaginiert eine Vergewaltigung und die eine Stunde lang splitternackt spielende Henriette Hölzel fantasiert eine Prostitutions-Situation.

Das alles zieht sich zeitweise, weil eine dramaturgische Handlung fehlt. In der zweiten Hälfte beginnen die Darsteller dann aber - Hartmann-typisch - Kulissen zu drehen, rennen im Kreis, tanzen, schreien und entwickeln damit eine mitreißende Dynamik.

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Am Ende bauen sie die Kulissen ab, tragen die noch sprechenden Darsteller-Kollegen weg - aber alles kehrt zurück, wie im Traum. Zudem wunderbar untermalt durch die meist elektronische Live-Musik von Friederike Bernhardt.

Es ist nicht die beste Hartmann-Inszenierung, aber sie unterstreicht seine Handschrift. Restlos überzeugend allerdings "Atmosphere", das vielleicht schönste Lied der Post-Punk-Band Joy Division, vom Ensemble wunderbar warmherzig intoniert.

Titelfoto: Sebastian Hoppe

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