Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch erstmals in gemeinsamer Ausstellung
Dresden - Die Malerin Paula Modersohn-Becker (1876-1907) kam in Dresden zur Welt. Zu ihrem 150. Geburtstag am 8. Februar kehrt sie nun in Gestalt ihrer Kunst zurück. Das Albertinum widmet ihr eine große Ausstellung und stellt sie Edvard Munch zur Seite. Zwei Künstler der Moderne, die sich nie trafen, deren Kunst sich aber in zentralen Fragen berührt.
Erstmals werden beide Werke einander gegenübergestellt. "Eine Ausstellung wie diese gab es noch nie", sagt Bernd Ebert, Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD).
Unter dem Titel "Die großen Fragen des Lebens" zeigt die Schau in unterschiedlichen Themenfeldern 151 Arbeiten aus Malerei, Grafik, Zeichnung und Skulptur, davon 75 von Modersohn-Becker und 55 von Munch, ergänzt von Arbeiten weiterer Künstlerinnen und Künstler der Moderne (darunter Rodin und Kirchner), um das kunsthistorische Umfeld um 1900 zu veranschaulichen.
Es geht um Geburt und Tod, Nähe und Einsamkeit, Körperlichkeit, Krankheit, Natur und Selbstbefragung – Themen, die um 1900 ebenso drängend waren wie heute.
Hilke Wagner, Direktorin des Albertinums, spricht im Blick auf die damalige Epoche von einer "Umbruchszeit". Modersohn-Becker und Munch näherten sich diesen Themen auf unterschiedliche Weise: hier die Reduktion, Stille und Konzentration, dort die emotionale Zuspitzung, das existenzielle Beben.
Es gebe neben den Unterschieden "sehr viele Schnittpunkte zwischen beiden", sagt Ausstellungskuratorin Birgit Dalbajewa. Modersohn-Becker wie Munch sei es - vor dem Hintergrund der modernekritischen Lebensreform-Bewegung um die Jahrhundertwende - darum gegangen, "das Leben auf die Bilder zu bannen".
Modersohn-Beckers Bilder wirken oft unspektakulär – und gerade darin radikal. Ihre Selbstbildnisse verzichten auf Pose und Inszenierung. Das berühmte "Selbstbildnis mit Hand am Kinn" zeigt eine Künstlerin, die sich selbst mit Ernst und Klarheit begegnet. Auch ihre Darstellungen von Müttern, Kindern und weiblichen Akten sind frei von Idealisierung. Körper erscheinen verletzlich, präsent, selbstverständlich. Leben wird nicht erklärt, sondern gezeigt.
Hilke Wagner: "Unser Konzept ist ein anderes"
Munchs Werke stehen unter stärkerer Spannung. In Bildern wie "Vampir" oder "Vier Mädchen in Asgardstrand" kippen Nähe und Gemeinschaft ins Fragile. Seine Figuren wirken emotional exponiert, manchmal isoliert, selbst wenn sie einander nahe sind. Wo Modersohn-Becker verdichtet, dramatisiert Munch.
Modersohn-Becker wie Munch suchen nach Bildern für das, was sich rational nicht fassen lässt. Gemeinsam ist ihnen auch die Vorliebe für die bildnerische Form des Selbstbildnisses - 60 gibt es von Modersohn-Becker, um die 80 von Munch. Einige sind hier zu sehen.
Im Übrigen: Munchs berühmtestes Gemälde "Der Schrei" gehört bewusst nicht zur Ausstellung. "Unser Konzept ist ein anderes", erklärt Hilke Wagner - Klischees, auch in der Rezeption des Malers, habe man vermeiden wollen.
Staatliche Kunstsammlungen verfügen über Bestand an Werken von Edvard Munch und Paula Modersohn-Becker
Die Ausstellung verweist auch auf ein Kapitel Dresdner Sammlungsgeschichte. In den 1920er-Jahren hatte der damalige Museumsdirektor Hans Posse zwei Gemälde Munchs für Dresden erworben, "Das kranke Kind" und "Das Leben".
Beide Bilder wurden später von den Nazis als "entartet" aussortiert, heute gehören sie dem Munch-Museum in Oslo beziehungsweise der Tate Gallery in London. Sie sind nicht Teil der Ausstellung. Gleichwohl verfügen die SKD über einen eigenen Munch-Bestand - 76 Arbeiten im Kupferstich-Kabinett, von denen viele in der Ausstellung zu sehen sind.
Auch von Modersohn-Becker gibt es Bestand. In der Ära des Museumsdirektors Ulrich Bischoff (1994-2013) kamen vier Gemälde und eine Zeichnung der Künstlerin als Schenkungen in die Sammlung. Diese Werke bilden ein wichtiges Fundament für die Ausstellung. Insgesamt verfügt das Albertinum über sechs Gemälde sowie acht Arbeiten im Kupferstich-Kabinett.
Geöffnet ist die Ausstellung bis 31. Mai. Ergänzt wird sie durch das partizipative Projekt "Life Letters" mit selbst verfassten Texten von Museumsbesuchern zu zentralen Lebensthemen.
Zur Ausstellung ist bei Sandstein ein Katalog erschienen (25 Euro).
Titelfoto: Steffen Füssel
