TAG24-Interview mit Jan Nast: Der Dresdner aus Berlin bleibt in Wien

Wien/Dresden - Jan Nast (60), Intendant der Wiener Symphoniker, hat seinen Vertrag vorzeitig um fünf Jahre verlängert. Damit wird der gebürtige Berliner und langjährige Dresdner bis 2032 in dieser Funktion bleiben.

Intendant Jan Nast (60) am Wiener Donaukanal.
Intendant Jan Nast (60) am Wiener Donaukanal.  © Wolf-Dieter Grabner

Nast steht dem Orchester seit 2019 vor und hat es in dieser Zeit organisatorisch modernisiert und programmatisch neu ausgerichtet. Vor seinem Wechsel nach Wien war Nast 22 Jahre lang Orchesterdirektor der Staatskapelle Dresden.

TAG24: Herr Nast, die Wiener Symphoniker haben den Vertrag mit Ihnen verlängert. Das spricht für eine erfolgreiche Zusammenarbeit. Worin besteht der Erfolg?

Jan Nast: Wir haben uns von Beginn an mittel- und langfristige Ziele gesetzt: mehr Sichtbarkeit durch ein starkes Branding, mehr Präsenz in der Stadt durch neue Formate und eine kontinuierliche Weiterentwicklung der künstlerischen Qualität.

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Diesen Weg haben wir trotz Pandemie und veränderter Marktbedingungen konsequent fortgeführt. Mit der Berufung von Petr Popelka zum Chefdirigenten haben wir zudem eine genau richtige Entscheidung getroffen und uns als zeitgemäßer, moderner Klangkörper positioniert. Natürlich freut es uns, dass diese Arbeit wahrgenommen wird.

Intendant Jan Nast: "Zweigleisigkeit war oft sehr energieraubend"

TAG24: Sie waren viele Jahre Orchesterdirektor der Staatskapelle Dresden, bevor sie 2019 nach Wien gingen. Der Schritt bedeutete eine Beförderung im Amt. Hatten Sie Bammel davor?

Jan Nast: Die Kernaufgaben sind vergleichbar: ein Orchester in Stadt, Region und international zu positionieren. Die Rahmenbedingungen unterscheiden sich jedoch - Dresden ist nicht Wien.

Man muss sich darauf einlassen, und genau darin liegt auch eine Chance, wenn man mit einem frischen Blick von außen kommt: Welche Erwartungen gibt es? Was ist vorhanden, was fehlt?

Ich glaube, dass ich an beiden Orten viel bewegen konnte. Am Ende steht immer das Orchester als Kollektiv im Mittelpunkt. In Dresden ist die Staatskapelle Teil der Semperoper, im Konzertbereich aber relativ unabhängig. Ein internationales Konzertorchester braucht eine eigene Identität und Klangvorstellung - ohne zu verleugnen, dass es gleichzeitig ein Opernorchester ist, was im Fall der Semperoper glücklicherweise ohnehin unverzichtbar ist.

Diese Zweigleisigkeit war jedoch oft sehr energieraubend. Bei den Wiener Symphonikern ist das anders. Wir spielen zwar auch Oper – im MusikTheater an der Wien oder jeden Sommer in Bregenz -, aber in erster Linie sind wir ein Konzertorchester, das den Großteil seiner Auftritte im Wiener Konzerthaus und im Musikverein absolviert.

Abwägen von Risiken und Chancen gehört zu den Kernaufgaben

TAG24: Worin besteht die Freiheit eines Intendanten, worin sein Risiko?

Jan Nast: Von einem Intendanten, einer Intendantin darf man einen kreativen Ansatz erwarten. In der Entwicklung der Marke, für die Entwicklung eines Orchesters. Man darf nie stehenbleiben, sondern muss Dinge ausprobieren und ja, auch riskieren. Auch ein Scheitern darf mal passieren. Natürlich nicht zu häufig, aber das Abwägen von Risiko und Chance ist eine meiner Kernaufgaben.

Das Wichtigste dabei ist, dass man stets die Kolleginnen und Kollegen, das Publikum und alle Partner mitnehmen muss. Das ist manchmal gar nicht so einfach! Gleichzeitig trägt man die wirtschaftliche Verantwortung für Gelingen und Bestandsfähigkeit der Institution.

TAG24: Augenfälligste Verbindung zwischen Ihrer Arbeit in Dresden und Wien ist die Person Ihres Chefdirigenten Petr Popelka - der war zehn Jahre Stellvertretender Solokontrabassist der Staatskapelle, bevor er Dirigent wurde. Sie haben ihn in Dresden dirigieren lassen und holten ihn nach Wien. Ein Glücksgriff, wie es scheint?

Jan Nast: Ja, Petr Popelka ist in jeder Hinsicht ein großer Glücksfall. Ich durfte ihn in Dresden auf seinem Weg beobachten und begleiten. Ich habe gesehen, dass sich Musikerinnen und Musiker aus der Kapelle freiwillig, also ohne Bezahlung, bereit erklärt haben, unter seiner Leitung zu spielen. Spätestens da war klar, da passiert gerade etwas Besonderes.

Ich habe ihm damals in Dresden die Freiheit gegeben, Dirigent werden zu können und ihm jetzt die Chance gegeben, dies mit einem Orchester wie den Wiener Symphonikern zu zeigen. Und ich muss sagen: Alle - Orchester wie Management - stehen komplett hinter ihm. Er ist ein Ausnahmetalent, und es ist eine große Freude, diesen Weg mitzugehen.

Jan Nast: "Ich freue mich immer sehr, nach Dresden zurückzukehren"

TAG24: Christian Thielemann, der ehemalige Chefdirigent der Staatskapelle, betonte stets, wie ähnlich sich Wien und Dresden seien. Wie erleben Sie das?

Jan Nast: Da ist sicherlich viel dran. Beide Städte waren Residenzstädte, sie haben eine lange Geschichte, und in beiden Städten haben Kunst und Kultur eine enorm hohe Bedeutung.

TAG24: Die Wiener Symphoniker gelten in der allgemeinen Wahrnehmung als zweites Orchester der Stadt, nach den Wiener Philharmonikern. Spielt diese Hierarchie im kulturellen Leben Wiens eine Rolle, auch in Nachbarschaft all der anderen großen Kulturinstitutionen der Stadt, wie Staatsoper, Burgtheater, Albertina usw.?

Jan Nast: Die Wiener Symphoniker sind völlig anders positioniert als die Philharmoniker. Wir sind das Konzertorchester der Stadt und spielen mit Abstand die meisten Konzerte in den beiden großen Sälen. Uns war es wichtig, ein eigenes Profil zu schärfen: Wer sind wir? Für wen sind wir da? Was macht uns aus? Diese enge Bindung an die Stadt zeigen wir in unseren Spielstätten - etwa mit Konzerten im Prater, im Stephansdom oder am Heldenplatz - sowie in zahlreichen Kooperationen mit anderen Wiener Institutionen. Und das wird sehr positiv wahrgenommen.

TAG24: Wie blicken Sie im Rückblick auf Ihre Dresdner Zeit, welche Verbindungen nach Dresden sind noch lebendig?

Jan Nast: Nach 22 intensiven Jahren gibt es natürlich viele fortbestehende Kontakte - private wie berufliche. Den Internationalen Schostakowitsch Tagen in Gohrisch bin ich seit der ersten Stunde eng verbunden und versuche, jedes Jahr dabei zu sein. Ich freue mich immer sehr, nach Dresden und in die Region zurückzukehren.

Titelfoto: Wolf-Dieter Grabner

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