Wagners Karfreitagsstück "Parsifal" an der Semperoper: Gralslegende aus Kinderaugen

Dresden - Mit der Neuinszenierung von Wagners "Parsifal" stellt man sich an der Semperoper einer der größten Herausforderungen des Opernrepertoires: dieses schwergängige, handlungsarme, doch komplexe Stück von viereinhalb Stunden Nettolänge unterhaltsam zu machen, ohne seine Ernsthaftigkeit zu beschädigen. Premiere war am Sonntag, und: Es gelingt.

Leidende Kundry (Michèle Losier, v.), dahinter Eric Cutler (l.) und Leander Wilde als Parsifal und sein Alter Ego.
Leidende Kundry (Michèle Losier, v.), dahinter Eric Cutler (l.) und Leander Wilde als Parsifal und sein Alter Ego.  © Jochen Quast

Regisseur Floris Visser verlegt in dieser seiner ersten Arbeit am Semperhaus die mittelalterliche Gralsgeschichte in die Ruine einer Abtei (Bühne: Frank Philipp Schlössmann).

Zwischen bröckelnden Mauern bewegen sich Touristen und Schüler, beiläufig bis desinteressiert. Daraus entsteht eine dichte Perspektive: Die Handlung erscheint als Imagination eines Schülers, der sich mit einem Buch in die Welt der Gralslegende hineinträumt.

Die kindliche Sichtweise ist ein kluger Zugriff. Sie verhindert museale Erstarrung und übersetzt die religiöse Symbolik in lebendige Bilder. Weihrauch, Blut, Versuchung und Erlösung sind nicht dogmatisches Pathos, sondern spielerische Visionen.

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Im Programmheft beschreibt Visser "Parsifal" als Werk über das Leiden der Welt – von Religionsgeschichte bis zu aktuellen Krisen wie Ungleichheit, Klimawandel und Krieg. "Wir wollten einen Weg finden, all das in einer einzigen Inszenierung zu erzählen", so Visser. Der Anspruch ist durchaus unbescheiden.

Der Abend führt durch Schmerz, Sehnsucht und Erlösung

Die Semperoper Dresden bringt Wagners letztes Werk eindrucksvoll auf die Bühne. (Archivfoto)
Die Semperoper Dresden bringt Wagners letztes Werk eindrucksvoll auf die Bühne. (Archivfoto)  © Robert Michael/dpa

"Big Jim war ein edler Charakter. Er hatte viel gelitten, aber er litt gerne und fand überall etwas zu leiden", heißt es in Chaplins "Goldrausch" über den angesprochenen Protagonisten.

Eine Charakterisierung, wie sie auch auf "Parsifal" passt - in keinem anderen Werk des Musiktheaters wird so existenziell und lustvoll gelitten wie in Wagners "Bühnenweihfestspiel": Titurel, Amfortas, Kundry, auch Gurnemanz und Parsifal selbst sind Leidtragende, die (anders als Big Jim, der nur nach Gold und Futter sucht) nach Erlösung dürsten.

Visser lädt die mittelalterliche Geschichte religiös enorm auf, von der Ursünde bei Adam und Eva bis zum Auftritt des Heilands; er lässt Amfortas die Dornenkrone Christi tragen, der sich wiederum in Parsifal verkörpert und schlussendlich die gestrauchelten Weggefährten, wie Kundry, die hier Prostituierte ist, von ihrem Leiden erlöst. Visser malt da mit dickem Pinsel, doch schrecken auch überbordende und drastische Bilder - wie eines der Kreuzigung - nicht, weil sie klug gebrochen werden.

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Visuell wie musikalisch entfaltet der Abend enorme Sogwirkung. Die Bühne wirkt wie ein Ort zwischen Traum und Albtraum, irgendwo zwischen mittelalterlicher Mystik und moderner Fantasy-Ästhetik, wenn man ob der Düsternis oder der zum Leben erweckten Märchenfiguren an Umberto Ecos "Der Name der Rose" oder Cornelia Funkes "Tintenherz" denken muss.

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Musik und Szene verschmelzen zu einem fesselnden Gesamterlebnis

Beim Publikum sorgte das Stück für gemischte Gefühle. (Symbolfoto)
Beim Publikum sorgte das Stück für gemischte Gefühle. (Symbolfoto)  © 123RF/lapandr

Inszenierung und Musik passen wie angegossen. Musikalisch setzt Dirigent Daniele Gatti auf beinah zeremonielle Tempi, doch wird der Klang an keiner Stelle weihevoller als nötig (ohnehin möchte an Gott glauben, wer diese Musik vernimmt).

Eine famose Leistung der Staatskapelle, auch des Staatsopernchors. Eric Cutler (Parsifal), Oleksandr Pushniak (Amfortas), Albert Dohmen (Titurel), Georg Zeppenfeld (Gurnemanz), Scott Hendricks (Klingsor) und Michèle Losier (Kundry) geben singend wie spielend überzeugende bis herausragende Vorstellungen, ebenso Leander Wilde in der Rolle des Schülers und Alter Egos Parsifals, dessen Fantasie die Geschichte in Gang bringt.

Er singt nicht, er spricht nicht, dabei ist er in so gut wie jeder Szene dabei, oft als Angelpunkt. Ein fabelhafter Auftritt.

Trotz mancher Buhrufe für die Regie bleibt der Eindruck eines gelungenen Wagnisses. Aus dem oft ehrfürchtig erstarrten Bühnenweihfestspiel wird ein lebendiger, mitunter verstörender, doch durchweg fesselnder Theaterabend.

Titelfoto: Jochen Quast

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