Augen-Scan in der Altmarkt-Galerie: Was passiert hier wirklich mit unseren intimsten Daten?
Dresden - Einmal drehen am Glücksrad, ein schneller Blick in eine Hightech-Kamera – und schon winkt der 20-Euro-Gutschein! In der Dresdner Altmarkt-Galerie lockt derzeit ein großer Promotionstand massenhaft Neugierige an. Die Masche: Wer seine Iris über eine futuristisch anmutende Silberkugel scannen lässt, kassiert ab. Doch was passiert hier wirklich mit unseren intimsten Daten?
Seit dem 22. April und noch "voraussichtlich bis 21. Juni" läuft die Aktion, wie Center-Manager Christian Polkow (45) auf TAG24-Nachfrage bestätigt. Das Ziel der Macher hinter der "World App" (ehemals Worldcoin): Sie wollen ein riesiges Netzwerk aus "echten Menschen" aufbauen, um Bots im Internet auszusperren.
"Du musst nur verifizieren, dass du ein echter Mensch bist", flöten die Mitarbeiter am Stand. Mit der App besitzt man dann einen digitalen Identitätsnachweis für das Internet und kann gleichzeitig Kryptowährungen wie den "Worldcoin" verwalten.
Klingt simpel, doch im Netz brodelt die Gerüchteküche. Zeugen berichten von teils aggressiven Methoden. Promoter würden Passanten zum App-Download drängen, den Blick in die Linse verlangen.
Ein Nutzer schimpft in den sozialen Netzwerken: "Meiner Meinung nach haben diese Damen von vielen Menschen persönliche biometrische Daten gestohlen, ohne ihnen die Konsequenzen angemessen zu erläutern." Niemand wisse, wohin die Daten vielleicht wirklich gehen.
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App-Macher haben früher Daten gesammelt, die sie nicht hätten anrühren dürfen
Zwar betonen die Macher rund um den OpenAI-Chef Sam Altman (41), dass die Augen-Fotos sofort gelöscht und nur als anonymer Zahlencode gespeichert werden. Doch die Datenschützer sind misstrauisch.
Weil der Europasitz in München ist, hat das Bayerische Landesamt für Datenschutzaufsicht (BayLDA) bereits Nachbesserungen erzwungen. Die Datenschützer haben im Dezember 2024 die "Löschung bestimmter, bisher ohne ausreichende Rechtsgrundlage erhobener Datensätze angeordnet".
Heißt übersetzt: Die App-Macher haben damals Daten gesammelt, die sie nicht hätten anrühren dürfen.
Auch in Sachsen ist man in Sorge. Die Sächsischen Datenschutzbeauftragten teilen die bayerischen Bedenken und warnen: "Generell sollten Bürger bedenken, dass es sich bei Iris-Codes um hochsensible Daten handelt, die mit der eigenen Person verknüpft sind."
Ob man solche Daten an ein Unternehmen preisgibt, sollten sich Bürger daher sehr genau überlegen.
Augen auf! – Ein Kommentar von TAG24-Reporter Benjamin Schön
Es klingt im ersten Moment fast zu schön, um wahr zu sein: Einmal kurz am Glücksrad drehen, den Blick in eine Hightech-Kamera richten und als Belohnung einen Shopping-Gutschein einsacken. Doch mitten im Einkaufsgetümmel wird hier mit hochsensiblen Gütern gehandelt.
Das Versprechen des World-Gründers Sam Altman klingt zwar edel – er will das Netz mit einem digitalen Ausweis vor der Bot-Flut schützen. Doch ausgerechnet er hat diese Flut mit seiner künstlichen Intelligenz von OpenAI selbst mit angeheizt.
Nun preist seine Firma die Lösung für ein "Problem" an, das sie selbst mitverursacht hat. Und dabei geht es nicht darum, die KI schlechtzureden, denn sie ist in vielen Bereichen wichtig und nicht mehr wegzudenken.
Dass bei der weltweiten Nutzerjagd jedoch mit absolut harten Bandagen gekämpft wird, hinterlässt einen unerträglichen Beigeschmack. Im Sudan wurden etwa von "World" AirPods verlost, in Indonesien Scan-Aktionen dreist als Regierungs-Workshops getarnt. Und auch in Dresden wird beim Werben um die Gunst der Passanten scheinbar ordentlich Druck gemacht.
Dabei ist dieser sensible Iris-Scan für uns Bürger absolut überflüssig. Schon das Bundesinnenministerium stellte klar: Wer sich im Netz sicher und pseudonym identifizieren möchte, kann das längst mit dem deutschen Personalausweis tun – ganz ohne das Risiko, seine biometrischen Daten an ein privates Unternehmen zu übergeben.
Wenn uns die Datenschützer also eindringlich warnen, dass diese Augencodes ein Leben lang unveränderbar mit uns verknüpft sind, sollten wir ganz genau hinhören. Ein 20-Euro-Gutschein ist schnell ausgegeben, unsere biometrischen Daten aber vielleicht für immer nicht sicher.
Titelfoto: IMAGO/Aton Chile

