Ausverkauf an der "Borsi": Dresdens ältester Spielzeugladen macht zu

Dresden - Das Ende einer Ära: Dresdens ältester noch existierender Spielzeugladen muss schließen. Chefin Christiane Heinrich (62) sah auf der Borsbergstraße unzählige Dresdner aufwachsen und selbst Kinder kriegen. Kurz vor der Rente verliert sie den Kampf. Gegen die Online-Riesen. Und immer getriebenere Kinder.

Überm Laden an der Borsbergstraße steht noch immer Simeonis Name.  © Steffen Füssel

"Wenn man etwas ein Leben lang gemacht hat, kann man nur schwer damit aufhören", lächelt Frau Heinrich in ihren Laden hinein.

Eigentlich sprach sie gerade von der Vorbesitzerin, Liesel Willert, gerade 88 geworden, Tochter des Gründers Maximilian Simeoni, dessen Name noch heute über der Ladenfront steht. Doch Heinrichs glasige Augen gelten auch ihr selbst.

Schon zu "tiefsten DDR-Zeiten" führte sie die Bücher für Simeonis Spielzeug-Großhandel. Bis heute beliefert man Sonnenland- und Saurierpark, sogar Kioske im Spreewald. Doch Ende Mai schließen Groß- und Einzelhandel für immer.

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"Allein in den letzten fünf Jahren hat sich der Umsatz halbiert", sagt sie. Die Kundenzahlen seien noch deutlicher eingebrochen. Im Sommer '21, nach Corona-Lockdown 2, rannten sie ihr für kurze Zeit die Bude ein. "Das hat nicht mal bis Weihnachten gehalten."

Das Ende begann in den 90ern, als mit der Wende die Kinder wegblieben. Mit den ohne Spielzeug zurückgekehrten Konsum-Ketten erholte es sich in den 2000ern. Kurz. Denn schon 2011, als Heinrich übernahm, war "die schnellere Computer-Welt" eine andere.

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Chefin Christiane Heinrich (62, l.) und Mitarbeiterin Steffi Johne (55) im Laden.  © Steffen Füssel
Seit Jahrzehnten gab es hier Spielwaren für Jungs und Mädchen - nun muss alles raus.  © Steffen Füssel
Früh übt sich das Kaufmannsleben. In echt ist es nicht mehr überall von Erfolg gekrönt.  © Steffen Füssel

Große Versandhäuser kommen, die Geduld verschwindet

Hinterm Tresen von Frau Heinrich gibt es dieser Tage jede Menge Rabatte.  © Steffen Füssel

Heinrich und ihre Verkäuferin Steffi Johne (55) sind sich einig: Es liegt auch an der Bequemlichkeit. Die großen Geschenke lassen sich die Leute von Amazon und Co. nach Hause liefern, höchstens fürs Zubehör kämen sie vorbei.

"Nervende" Kinder würden vor der "elektronischen Oma" geparkt, wie Steffi Johne die Tablets nennt, die man immer häufiger in Kinderwagen sieht.

"Die Geduld von früher ist nicht mehr da", sagt sie. Heute müssten Kinder am besten schon mit 4 lesen, schreiben, rechnen können, dazu Geigenunterricht und Fußballtraining für das in jedem Fall anzustrebende Abitur.

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"Dadurch bleibt aber das Spielen auf der Strecke, zum Selberkreativwerden kaum Zeit." Auch die Erwachsenen kauften weniger Puzzle oder Bastelsachen. Ja, ist denn alles schlecht? Nein, sagt Christiane Heinrich, Gesellschaftsspiele, "es wird sich zusammengesetzt".

Noch bis Ende Mai haben Sie die Chance zur Trendumkehr - und auf Rabatte bis zu 70 Prozent. "Alles muss raus, wie's halt so ist", sagt die Chefin. "Ob's noch mal so schön wird", grübelt Frau Johne, "das weiß ich nicht. Aber so ist der Lauf der Zeit."

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