Das Rauschen der Wälder ist sein Lebenswerk: Der Revierförster vom Kahleberg geht in den Ruhestand

Von Egbert Kamprath

Altenberg - Sie waren jahrzehntelang sein Revier, die Wälder rund um den Kahleberg bei Altenberg. Eckhard Heinze hat in den 1980ern ihren Untergang erlebt, als saurer Regen und Borkenkäfer die Landschaft zur Einöde machten. Und er hat mit dafür gesorgt, dass heute wieder Fichten am Kamm des Osterzgebirges rauschen. In diesen Tagen übergibt Heinze "seinen" Wald, seine Lebensaufgabe, in jüngere Hände.

Mit einer goldenen Pflanzhacke, einem Geschenk der Grünen Liga, steht Eckhard Heinze zum letzten Mal als Revierförster auf dem Kahleberg. 46 Jahre eines Arbeitslebens verbinden ihn mit diesen Wäldern.
Mit einer goldenen Pflanzhacke, einem Geschenk der Grünen Liga, steht Eckhard Heinze zum letzten Mal als Revierförster auf dem Kahleberg. 46 Jahre eines Arbeitslebens verbinden ihn mit diesen Wäldern.  © Egbert Kamprath

Schon als Kind streifte er durch die Wälder rund um seinen Heimatort Ulberndorf. So war es wenig überraschend, als er 1975 nach der Schule in Morgenröthe-Rautenkranz eine Lehre zum Forstfachwirt begann. Hier lernte Heinze seine spätere Ehefrau Ina kennen, die ebenfalls den Waldarbeiterberuf erlernte.

Eigentlich war anschließend ein Forststudium geplant, doch fachliche Eignung war zu DDR-Zeiten kein Garant für eine Zulassung.

Also begann der Naturliebhaber im Technikkomplex Bärenfels, zu dem damals der Forst-Maschinenpark gehörte. Hier machte der junge Waldarbeiter einen Berechtigungsschein nach dem anderen. Immer mit dem Ziel, beruflich weiterzukommen.

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Ab 1986 absolvierte er die Meisterschule, durfte sich danach erstmals Förster nennen. "Nach der ganzen Ackerei vorher war ich auf diesen Titel damals mächtig stolz", verrät Eckhard Heinze.

Er übernahm neue Aufgaben, war nun beim Forst für Logistik und Holzverkauf zuständig. 1989 rückte dann der große Traum vom Revierförster in Reichweite.

Die dafür nötige Qualifikation sollte Heinze an der Fachhochschule nachholen - so wurde aus dem mit 33 Jahren noch jungen Förster plötzlich der in seinem Fachbereich älteste Student.

Für die geschlossene Baude auf dem Kahleberg hätte Heinze gern noch einen neuen Pächter gefunden.
Für die geschlossene Baude auf dem Kahleberg hätte Heinze gern noch einen neuen Pächter gefunden.  © Egbert Kamprath
Wegweiser am Kahleberg.
Wegweiser am Kahleberg.  © picture alliance/Andreas Franke
Das Birkhuhn ist im Osterzgebirge wieder heimisch - auch ein Verdienst des scheidenden Revierförsters.
Das Birkhuhn ist im Osterzgebirge wieder heimisch - auch ein Verdienst des scheidenden Revierförsters.  © 123RF

Eckhard Heinze erlebte Waldsterben und Wiederaufforstung

In den 90ern forstete Eckhard Heinze bei Zinnwald mithilfe der Deutschen Waldjugend wieder auf.
In den 90ern forstete Eckhard Heinze bei Zinnwald mithilfe der Deutschen Waldjugend wieder auf.  © Egbert Kamprath

1992 wurde er Altenberger Revierförster, später wurde daraus das Revier Schellerhau - mit 1850 Hektar das größte im Forstbezirk und aufgrund der Vielfalt wohl auch das anspruchsvollste.

Von Anfang an war Eckhard Heinze klar, vor welcher immensen Aufgabe er stand. "Ich habe das Waldsterben voll miterlebt. Die schlimmsten Jahre waren zwischen 1982 und 1986. Die Massen an toten Bäumen gehen mir bis heute nicht aus dem Kopf", sagt er.

Genauso wenig der riesige Kraftakt der Wiederaufforstung. "Die halbe Bevölkerung hat damals bei Einsätzen mitgemacht", erinnert sich der Revierförster. "Ab 1985 kamen auch 100 Gastarbeiter aus dem afrikanischen Mosambik mit zum Einsatz. Ohne die vielen Helfer hätten wir es wohl nicht geschafft."

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Keiner wusste schließlich, wie man es richtig macht, welche rauchresistenten Baumarten man pflanzen soll. Heinze: "Das Osterzgebirge war ein riesiges Experimentierfeld. Von 3000 aufgeforsteten Hektar Wald lagen allein 1000 im Revier Altenberg."

Mit den Umbrüchen der Wende wurde plötzlich alles anders. Die Kraftwerke im böhmischen Becken erhielten moderne Filteranlagen, die Luftwerte verbesserten sich spürbar. Die Wälder erholten sich.

An Stelle der ausgedehnten Kahlflächen wuchsen Stück für Stück Fichten in die Höhe.

Saurer Regen hatte die Forstgebiete am Erzgebirgskamm stark dezimiert. Heute rauschen dort wieder die Fichten.
Saurer Regen hatte die Forstgebiete am Erzgebirgskamm stark dezimiert. Heute rauschen dort wieder die Fichten.  © Egbert Kamprath

Am Kahleberg treffen Naturschutz, Biathlonsport, Tourismus und Waldnutzung aufeinander

Schmecken lassen: Eckhard Heinze bringt frisches Heu zur Futterkrippe bei Schellerhau.
Schmecken lassen: Eckhard Heinze bringt frisches Heu zur Futterkrippe bei Schellerhau.  © Egbert Kamprath

Doch hatte sich eine "Baustelle" vermeintlich erledigt, tat sich unmittelbar eine neue auf. 1996 gab es eine große Trockenheit im Winter, die den Bäumen zu schaffen machte. Einen Stich ins Herz erhielt Eckhard Heinze beim Herbststurm Herwart 2017.

Hatte Orkan Kyrill 2007 sein Revier noch halbwegs verschont, war die Vernichtung diesmal umso größer. "Besonders weh hat mir getan, dass fast der gesamte Lärchenbestand am Kahleberg vernichtet wurde."

Zum Beräumen der Flächen musste gepanzerte Technik anrücken, denn Weltkriegsmunition ist in der Region außerdem ein Thema. Aktuelle Sorge ist die Borkenkäferplage.

Im Kahleberggebiet treffen Naturschutz, Biathlonsport, Tourismus und Waldnutzung aufeinander. Für Heinze eine Herausforderung, alles unter einen Hut zu bringen. Eine besondere Herzensangelegenheit war für ihn über Jahrzehnte der Erhalt des Birkwildes, immer eine Gratwanderung zwischen Naturschutz und Tourismus.

Die geschützten Vögel hatten sich auf den Freiflächen angesiedelt, die nach dem Waldsterben entstanden waren. Mit der Wiederaufforstung wurde dieser Lebensraum aber immer kleiner.

Wolf und Luchs sind dagegen keine Dauerbewohner im Revier. Sie wurden bislang nur als Durchreisende auf einigen Wildkameras festgehalten.

Das Baumsterben war ein Riesenproblem am Kahleberg.
Das Baumsterben war ein Riesenproblem am Kahleberg.  © Egbert Kamprath

Denny Werner wird der Nachfolger von Eckhard Heinze

Künftig kann der Ruheständler mehr Zeit mit Ehefrau Ina verbringen.
Künftig kann der Ruheständler mehr Zeit mit Ehefrau Ina verbringen.  © Egbert Kamprath

An einen anderen Besucher erinnert sich Eckhard Heinze dagegen noch ganz gut, hat er doch für einigen Wirbel gesorgt.

Im Herbst 2008 war ein junger Elch, vermutlich aus Polen, ins Osterzgebirge gewandert. Getauft auf "Knutschi", wurden von ihm sogar Souvenirs verkauft. Irgendwann trottete der Elch zur Erleichterung des Försters dann doch weiter. Im Wald zog wieder Ruhe ein.

So wie bald in den Alltag von Eckhard Heinze. Mit Denny Werner ist schon ein Nachfolger gefunden, der fortan das Geschehen im Revier lenkt. Heinze ist "froh, dass nachts kein Diensthandy mehr läutet. Und die Enkel freuen sich auch auf den Opa!"

Die gastronomische Wiedernutzung der Kahlebergbaude hätte Heinze gern noch auf den Weg gebracht, "aber dafür war letztendlich der Arm der Bürokratie zu lang", wie er sagt. Das müssten jetzt andere erledigen.

Doch: Auch im Ruhestand wird man Eckhard Heinze immer wieder in der Region antreffen, bei der Jagd mit Hund Dalma oder als Dozent bei der Jägerausbildung.

2015 fällte Heinze bei Schellerhau den Weihnachtsbaum für den Bundesrat in Berlin.
2015 fällte Heinze bei Schellerhau den Weihnachtsbaum für den Bundesrat in Berlin.  © Egbert Kamprath

Sicher wird er auch hin und wieder auf dem Gipfel des Kahlebergs stehen und auf die ausgedehnten Wälder schauen, die sein Lebenswerk sind - und bleiben.

Titelfoto: Egbert Kamprath

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