Dresden im Ausnahmezustand: Zwischen Nazi-Aufmarsch und Gegenprotest
Dresden - Die Landeshauptstadt hat einen turbulenten Samstag hinter sich, der Grund: Rund 1400 Neonazis aus ganz Deutschland, teilweise auch aus dem Ausland, wollten den Jahrestag der Bombardierung Dresdens für ihre Zwecke missbrauchen. Rund 3500 Gegendemonstranten wollten genau das verhindern.
Es blieb nicht an allen Ecken friedlich. Gegen 14.00 Uhr wollten die Neonazis ihre Kundgebung hinter dem Bahnhof Dresden-Mitte eröffnen, doch der Protest war schon eher unterwegs: Ab 10.30 Uhr sammelten sich Gegner des Aufzugs am Fritz-Foerster-Platz, vor dem Bahnhof Dresden-Neustadt und dem Kulturzentrum "Scheune", zogen dann ab 11.00 Uhr Richtung Innenstadt.
Dort kam es dann zu mehreren Durchbruchsversuchen, insbesondere zwischen Postplatz- und Ostra-Allee: "Wir hatten mindestens fünf, sechs Durchbruchsversuche entlang der Strecke und mussten zum Teil auch Pfefferspray einsetzen, um diese Durchbruchsversuche zu verhindern", sagt Polizeisprecher Thomas Geithner (52) TAG24.
Wasserwerfer wurden als technisches Hinderns auf die Ostra-Allee gefahren. Von den Organisatoren des Gegenprotestes wird das kritisiert: "Die Polizei hat trotz doppelter Gitter und Wagenburgen auch noch Pfefferspray und Schläge gegen Demonstrierende eingesetzt", sagt Matthias Lüth (30, "Dresden Wi(e)dersetzen").
"Erlaubte Spontankundgebungen unsererseits wurden ohne jede Vorwarnung und ohne Not gewaltvoll geräumt. Das geht gegen jedes Verständnis von Versammlungsfreiheit - natürlich im Sinne der Neonazis." Die genannten bekamen von den Rangeleien vor Beginn ihres Aufzugs recht wenig mit: Ab 12.00 Uhr sammelten sie sich hinter dem Bahnhof Dresden-Mitte.
Neonazi-Trauermarsch durch Dresden: "Wir sind das bessere Deutschland"
Bei ihnen wiederum fand die Polizei Baseballschläger und weitere Bewaffnung, leitete hier Verfahren wegen Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz ein.
14.06 Uhr eröffnete Lutz Giesen (51) die Kundgebung mit Beschimpfung einiger Gegendemonstranten, die lautstark "Halt die Fresse!" skandierten: "Ach, ihr geht mir so auf den Sack", so der Neonazi und dann zu den eigenen Anhängern: "Ich kann euch eins sagen, wenn ihr euch die Lotterlumpen dort drüben anschaut, wir sind das bessere Deutschland! Das wahre Deutschland!"
Nach ihm sprach der Neonazi Sven Skoda (47) über eine angeblich von den "Besatzern verbogene Wahrheit" und einer Zahl, die in den Gesetzen dieser Republik festgeschrieben sei als einziges Argument der Gegenseite. Den damit gemeinten Holocaust sprach er nicht offen aus.
Gegen 14:35 Uhr setzte sich der Zug schließlich in Bewegung: Noch einmal versuchten einige Gegendemonstranten auf die Ostraallee zu gelangen, wurden aber von der Polizei zurückgehalten.
Großer Demo-Samstag in Dresden: Polizei spricht von "herausforderndem Einsatz"
Ohne Störung, aber unter lautstarken Protest konnten die Rechtsextremisten über die Hertha-Lindner-Straße, die Freiberger und Ammon- und Könneritzstraße wieder zurück an ihren Startpunkt laufen. Lediglich auf der Freiberger Straße mussten sie eine als Versammlung angezeigte Blockade umrunden.
Nach knapp einer Stunde war die Demospitze wieder zurück. Sachsens Innenminister Armin Schuster (64, CDU) verschaffte sich hier zusammen mit Dresdens Polizeipräsident Lutz Rodig (62) und der neuen Inspekteurin der sächsischen Polizei Sonja Penzel (53) einen Überblick vor Ort.
Die Polizei drängte eine kleine Protestgruppe um einige Meter zurück, neben Giesen sprach auf der Abschlusskundgebung noch das Neonazi-Urgestein Edda Schmidt (77), es wurden 250 Namen bombardierter Städte verlesen, das Deutschland-Lied in allen drei Strophen gesungen.
17.35 Uhr beendete Giesen die Versammlung mit einem "Heil euch!"
2200 Beamte im Dienst
"Für die Polizei war das heute der erwartete herausfordernde Einsatz", bilanziert Polizeisprecher Thomas Geithner. Bis zum Abend sein 24 Ermittlungsverfahren zusammen gekommen: Acht wegen tätlichen Angriffs auf Polizeibeamte, neun wegen Verstoßes gegen die Allgemeinverfügung, drei wegen Landesfriedensbruchs, zwei wegen Beleidigung, eins wegen Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen und eines wegen Körperverletzung.
2200 Beamte mit Unterstützung aus Brandenburg, Hamburg, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein waren im Einsatz.
Titelfoto: Bildmontage: Holm Helis, Sebastian Kahnert/dpa

