Dresdner Stadtteil bekommt erste Stolpersteine: Schüler übernehmen wichtige Rolle
Dresden - Der Heimatverein Lockwitz möchte Geschichte nicht nur bewahren, sondern auch erzählen. Daher treibt er die Verlegung der ersten Stolpersteine im Stadtteil aktiv voran, um vergessene Schicksale sichtbar zu machen. Auch Neuntklässler übernehmen Verantwortung für das Gedenken. TAG24 hat nachgehakt.
Am 7. Mai 2026 werden in Lockwitz erstmals zwei Stolpersteine verlegt. Sie erinnern an zwei Menschen aus dem Stadtteil, die in der NS-Zeit verfolgt wurden: Berthold Heim vor dem Haus Lockwitzgrund 9 und Dr. Rudolf Ochs vor dem Haus Hermann-Conradi-Straße 9.
Den Anstoß gab eine Anwohnerin, die den Verein fragte, warum es im Stadtbezirk Prohlis nur so wenige Stolpersteine gebe. "Da begann ich zu recherchieren und stellte fest: Es hat sich bisher nur noch niemand um das Thema gekümmert", erzählt Matthias Daberstiel, Vorstand des Lockwitzer Heimatvereins TAG24.
Nach intensiver Recherche konnten schließlich Angehörige ausfindig gemacht und deren Einverständnis zur Verlegung der Steine eingeholt werden - darunter auch die Enkelin von Berthold Heim in Kalifornien.
"Meine Erfahrungen als Hobby-Ahnenforscher mit Archiven und Standesämtern waren dabei schon sehr hilfreich", verrät Daberstiel. Unterstützt wurde er dabei auch von Mitarbeitenden von Standesämtern und Archiven.
Im Fall von Rudolf Ochs gestaltete sich die Suche nach Nachfahren einfacher, da sein Bruder als Architekt des Barkhausenbaus an der TU Dresden bekannt ist. "Über eine Schenkung eines Teils seines Nachlasses an die TU Dresden bekam ich den Kontakt zu seinen Nachfahren", erklärt der Vorstand.
Als Grundlage der Recherchen dienten unter anderem historische Volkszählungsdaten von 1939 sowie das "Buch der Erinnerungen" der Stadt Dresden.
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Gunter Demnig hat das Projekt ins Leben gerufen
Die Reaktionen der Angehörigen seien für ihn dabei stets bewegend: "Die Ehrung mit den Stolpersteinen wird von den Verwandten immer mit viel Dankbarkeit aufgenommen", so Daberstiel.
Stolpersteine gelten als das größte dezentrale Mahnmal der Welt. Der Künstler Gunter Demnig verlegt sie seit über 30 Jahren vor den letzten frei gewählten Wohnorten von NS-Opfern. In einigen Fällen übernimmt aber auch der Bauhof die Platzierung.
In Dresden gibt es inzwischen über 400 dieser Steine, weltweit sind es rund 116.000.
Organisiert wird das Projekt vom Verein "Stolpersteine für Dresden". Die Vorsitzende Brigitte Lange erklärt im Gespräch mit TAG24: "Wir organisieren die Termine, stimmen die Inschriften ab, erledigen alle Abstimmungen mit Bauamt und Bauhof, redigieren und veröffentlichen die Kurzbiografien, die uns Initiatoren oder Angehörige übermitteln."
Die Stolpersteine sollen helfen, Geschichte sichtbar zu halten. "Die Stolpersteine sind eine unaufdringliche Möglichkeit, auch mit der nächsten und übernächsten Generation darüber ins Gespräch zu kommen", erklärt Lange.
Das Projekt lebt dabei vom Engagement der Bürger. Ein Stolperstein kostet 120 Euro und wird über Spenden finanziert. Auch sogenannte Putzpatenschaften werden vergeben, bei denen die Pflege der Steine nach der Einsetzung übernommen werden kann.
"Jeder kann sich gern melden, wenn er oder sie eine Putzpatenschaft übernehmen möchte", so Lange.
Die SRH Oberschule übernimmt die Putzpatenschaft
Auch an der SRH Oberschule in Dresden-Lockwitz wird die NS-Ideologie im Geschichtsunterricht behandelt.
Auf TAG24-Anfrage teilt der Schulleiter, Andrew Milligan, mit: "In der SRH Oberschule Dresden verstehen wir Bildung nicht nur als Vermittlung von Wissen, sondern auch als Verantwortung für ein respektvolles und demokratisches Miteinander."
Die Schüler der neunten Klassen haben die Putzpatenschaft für die zwei geplanten Stolpersteine übernommen. "Durch die Patenschaft werden junge Menschen für Werte wie Toleranz, Respekt und Menschlichkeit sensibilisiert", betont der Schulleiter.
Weiter erklärt er: "Indem unsere Neuntklässler sich aktiv mit den Schicksalen auseinandersetzen, übernehmen sie Verantwortung für das Gedenken und setzen ein bewusstes Zeichen gegen das Vergessen. [...] Es ist ein kleiner, aber wichtiger Beitrag zu einer offenen Gesellschaft", so Milligan.
Berthold Heim war Kaufmann und wurde als Jude während der NS-Zeit entrechtet und verfolgt. 1944 wurde er nach Theresienstadt und später nach Auschwitz deportiert, wo er im Alter von 63 Jahren ermordet wurde. In Theresienstadt hinterließ Heim eine Inschrift an der sogenannten Poterne, die im Rahmen einer Gedenkstättenfahrt von Schülern der neunten Klassen der SRH-Oberschule besucht wird.
Dr. Rudolf Ochs war Musiker und Dirigent. Aufgrund seiner jüdischen Großeltern erhielt er Berufsverbot und wurde ebenfalls verfolgt. Er überlebte die NS-Zeit und starb 1951.
Weitere Informationen zur Zeremonie am 7. Mai sowie zu den Lebensgeschichten der beiden Lockwitzer sind auf der Website des Heimatvereins zu finden. Informationen zu den nächsten Verlegungsterminen in Dresden gibt es auf der Seite des Vereins "Stolpersteine Dresden".
Titelfoto: Stolpersteine für Dresden/Brigitte Lange

